zurück zur Bibliothek

Impressum

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Die goldene Fibel - Teil 4"


...

"Geschafft!", jubelte Adyar, schob den Deckel weiter auf und auch Askil rückte vor Neugierde näher heran.

Innen war das Kästchen mit rotem Samt ausgelegt. Als Adyar den Stoff beiseite schlug, entdeckte er ein silbernes Schmuckstück. Es war ein Haarkamm. Der obere Teil stellte einen weitverzweigten Baum dar, die Wurzeln liefen in die Kammnadeln aus. Und als Adyar den Kamm staunend heraushob, spürte er sofort, dass an ihm noch etwas Besonderes war. Er ertastete sofort die kleinen Mechanismen und schon hatte er eine der Nadeln lose in der Hand und zielte auf den Türpfosten. Genau in einem Astloch blieb sie stecken. Perfekt ausbalanciert!

Insgesamt hatte er acht Nadeln zur Verfügung und zusätzlich bemerkt er die feinen Linien auf der Rückseite des oberen Teils. Auch hier ließen sich kleine Unebenheiten ertasten und schon hatte er zwei Minidolche in der Hand, die sich seitlich wieder in den Kamm schieben ließen.

Das war nicht nur ein Schmuckstück, das war eine Waffe.

"Tödlich!", brummte Askil neben ihm und reichte ihm die zuvor geworfene Nadel.
"Ja. Sie sind besser als meine bisherigen Nadeln. Ich weiß nicht, wer dies hergestellt hat, aber er ist ein Meister seines Fachs gewesen", murmelte Adyar, als er das Schmuckstück in den Händen drehte und alles wieder an seinen Platz brachte. Nicht nur, dass man es überhaupt nicht als Waffe erkannte, auch die hübschen Details vom Baum waren wunderbar. Jetzt erkannte er sogar einen kleinen Vogel auf einem Ast.
"Und das ist wirklich von Liran?", fragte er erstaunt.
"Ja. Er hat es mir selbst gegeben und gesagt, wenn du das Kästchen öffnen kannst, sollst du es haben. - Und ich finde, dass es hervorragend zu dir passt."

"Das ist doch viel zu teuer für mich", begehrte Adyar auf. Er wollte nicht, dass Liran ihm Sachen schenkte, die so wertvoll waren und die er sicher selbst besser gebrauchen könnte. Immerhin war dieser ein Spion, der häufig in brenzligen Situationen unterwegs war. Adyar dagegen nur ein Dieb.

"Du kannst das ja gleich mit ihm selbst besprechen", beschloss Askil, dem wohl langsam die Geduld ausging. Auffordernd hielt er Adyar frische Kleidung hin. Der Nebelelf kämpfte sich aus dem übrigens sehr bequemen Bett hoch und nahm die Kleidung an. Es ging nicht ganz ohne Schmerzen, da er seinen Arm nicht so weit heben konnte, um normal in das Hemd zu kommen. Doch Askil fädelte den langen Ärmel geschickt über seinen Arm.

"Was ist eigentlich mit meinen Sachen?", wollte er wissen, als er in die leichte schmale weiße Hose schlüpfte und das wasserblaue Hemd mit kleinem Stehkragen gerade zog, das bis zu den Knien reichte. Auf der Vorderseite war das Hemd bis zur Brust geschlitzt und die Öffnung mit feinen Silberstickereien geschmückt. Die Ärmel fielen ihm gerade bis zu den Händen und obwohl es warmes Wetter war fühlte sich der Stoff sehr angenehm weich und kühl an. Dazu hatte er leichte Sandalen bekommen.

"Sind beim Schneider. Haben einiges abgekriegt", war Askil kurz angebunden, da er jetzt endlich die Bürste benutzen konnte. Adyar ließ sich gerne die Haare kämmen. Nach einiger Zeit hielt Askil ihm einen kleinen Handspiegel vor, damit Adyar seine Frisur begutachten konnte. Sein Bär hatte ihm einen hohen Knoten gebunden, aber nur ganz locker, und an den Seiten einige Strähnen übrig gelassen. In den Knoten hatte er den neuen Kamm eingearbeitet und auch Adyars andere Nadeln gekreuzt hineingeschoben. Genauso wie er es mochte.

"Danke", freute sich der Elf über seinen privaten Friseur. "Bringst du mich zu Liran? Ich weiß ja gar nicht, wo ich ihn finden kann."
"Nein. Ich muss mich bewegen", wehrte Askil ab und streckte sich. "Du findest mich auf dem Übungsplatz im Hof. Ich habe schon einen anderen Führer für dich organisiert. Der freut sich riesig, dich begleiten zu dürfen…", erklärte Askil und öffnete die große Tür nach draußen auf den Schlossgang. Ein kurzer Pfiff und ein Junge von vielleicht 10 oder 11 Jahren kam um die Ecke geflitzt.

Er hatte sehr helles Haar und als Adyar ihm ins Gesicht schaute, kam er ihm bekannt vor. Doch er hatte ihn noch nie gesehen.
"Hallo, ich bin Richard", stellte er sich vor.
"Bring Adyar zu Liran. Und pass mir bloß auf, dass es ihm gut geht. Sollte etwas sein, ich bin auf dem Übungsplatz", gab Askil klare Instruktionen.
"Klaro!", salutierte der Junge gespielt. Daraufhin erhielt er von Askil eine Kopfnuss.
"Du willst ernst genommen werden? Dann nimm deine Aufgaben ernst. Und wehe, du klaust ihm wieder das Essen. Er ist noch geschwächt und braucht es", schimpfte er, während er zurück zum Bett ging und nach seinen festen Stiefeln suchte.
Grummelnd rieb sich der Junge den Kopf.
"War doch nur ein Flügelchen…", verteidigte er sich.

Und da ging auch endlich Adyar auf, dass er hier den kleinen Wolf vor sich hatte.
"Du bist wie Askil!", erkannte er erstaunt.
"Jap!", lachte Richard schon wieder.
"Nein", blaffte Askil. "Ich bin ein Eisbär! Reinblütig. - Und jetzt ab. Liran wartet", scheuchte er die beiden raus, während er schon den starken Ledergurt über die Schultern legte, in dem er sein Breitschwert trug. Richard murmelte was von ‚Sklaventreiber' und Adyar kicherte leise. Wenn sein Eisbär zu wenig Bewegung hatte, wurde er wirklich unleidig.
"Viel Spaß beim Training. Mach nichts kaputt", winkte er noch, dann war er mit Richard in den Gängen des Schlosses unterwegs.

*

Adyar schaute sich neugierig um und versuchte sich gleichzeitig den Weg einzuprägen, den sie gingen. Er war zuvor noch nicht hier gewesen. Als sie von Lord Vincent den Auftrag bekommen hatten, war dieser Inkognito im Gasthaus aufgetaucht, als er von ihrer Anwesenheit erfahren hatte. Es war ein hübsches Schlösschen. Keine Verteidigungsburg wie Lord Korskov hatte, aber dafür auch nicht so protzig und überladen. Was er bisher sehen konnte, war recht einfach, wenn auch elegant.

Sie begegneten einer Menge Leute in den Fluren. Bedienstete eilten hin und her, trugen Körbe mit Nahrung, Wäsche oder Kaminholz. Adyar fühlte sich trotz der friedlichen Umgebung seltsam beobachtet. Viele, die ihnen begegneten, grüßten den Jungen und auch ihn, schauten Adyar aber eine Spur zu direkt und zu lang an. Manche lächelten extra und einige sagten sogar ‚Danke', wo Adyar nicht verstand, für was. Weil er entsprechend höflich zurück grüßte?

Zwei junge Frauen kamen ihnen entgegen, sie trugen einen Wasserkrug und einen Korb frischer Blumen. Adyar nickte ihnen grüßend zu, worauf sie leise kicherten, er bekam eine blaue Kornblume in die Hand gedrückt und leise tuschelnd und mit roten Wangen eilten die Mädchen schnell weiter.

Noch während Adyar sich darüber wunderte und die Blume verwirrt in den Händen drehte, hörte er von hinten schwere Schritte nahen. Richard hörte diese auch und so drehten sie sich um. Eine imposante Gestalt kam ihnen entgegen.

Der Mann war hoch und breitschultrig. Er trug ein langes Kettenhemd und darüber einen wattierten Waffenrock mit dem Wappen des Lords. Auf seinem Rücken hing ein breiter Zweihänder, ähnlich dem von Askil, wenn auch nicht ganz so hoch. An der Seite hatte er ein weiteres Langschwert. Trotz dem Drei-Tage-Bart und den langen lockigen Haaren wirkte der Mann noch sehr jung.

"Guten Morgen, Lord Richard", grüßte der Mann und brachte damit Adyar in Verlegenheit. Denn bis eben hatte er gedacht, dass Richard einfach nur ein Junge war. Zugegeben, ein Junge, der sich in einen Wolf verwandeln konnte. Jetzt aber stellte sich heraus, dass er adelig war. Aber Lord Vincent hatte doch noch keine Kinder, oder?

"Ah. Guten Morgen, Sir Gavin. Du bist in voller Montur. Bist du im Auftrag unterwegs?", grüßte Richard zurück. Anscheinend kannte er den Kämpfer sehr gut.
"Nein, nein. Ich habe eine Verabredung", lachte Gavin.
"Eine Verabredung? Gehst du so zu einer Frau?", war Richard irritiert. Gavin lachte nur.
"Nein. Er trifft sich bestimmt mit Askil zum Üben", vermutete Adyar aufgrund der Aufmachung.
"Oh! Stimmt das?", fragte Richard aufgeregt. Man sah es ihm genau an, am liebsten wäre er da gleich mitgegangen.
"Ja", nickte Gavin. "Und Ihr seid dann bestimmt Adyar Schattenläufer", wendete sich Gavin nun direkt dem Nebelelfen zu und verbeugte sich leicht. "Richard, zeigst du unserem jungen Helden das Schloss?", fragte er weiter.
"Eigentlich bringe ich ihn zu Liran", erklärte Richard.
"Ah. Dann will ich euch nicht länger aufhalten. Es ist schön, dass Ihr wieder gesundet seid, Adyar. Es wäre schön, wir sähen uns, wenn wir grad keine Termine hätten. Ich würde Eure Abenteuer zu gerne von Euch selbst einmal erzählt bekommen… Insofern Askil mich beim Training nicht ganz auseinander nimmt." Damit zwinkerte er den beiden zu und ging durch einen kleinen Seitengang davon.

Adyar und Richard schauten ihm hinterher und erst als Adyar sicher war, dass der Ritter ihn nicht mehr hören konnte, platzte es aus ihm heraus.
"HELD?! Was soll denn der Quatsch? Ärgert er immer Leute, die er nicht kennt?"
Richard schaute ihn verwirrt an.
"Wie kommst du darauf, dass Sir Gavin dich ärgert? Er ist ein Ehrenmann! Niemals würde er sich über andere lustig machen", verteidigte Richard den Ritter inbrünstig.
"Na, weil er so von ‚Held' gesprochen hat und so tat, als ob er sich für meine Abenteuer interessieren würde", rechtfertigte sich Adyar.
"Er sprach so, weil er das ernst meint. Du bist ein Held, Adyar. - Seit du Lord Vincent nicht nur die Fibel widergebracht hast, sondern auch den Brief und sogar Liran, bist du auf diesem Schloss eine Berühmtheit. Es gibt keinen, der diese Geschichte nicht kennt. - Was glaubst du, warum die Mädchen alle so von dir schwärmen", flüsterte Richard und lachte, weil Adyar jetzt auch dunkle Ohrenspitzen bekam.

"Ich seh' schon. So recht willst du mir das nicht glauben. - Gehen wir zu Liran. Der wird dir alles erzählen", nickte Richard bekräftigend und machte einige Hüpfer nach vorn. Adyar nickte nur und folgte Richard weiter durch das lebendige Schloss.

*

Richard war begeistert bei der Sache und erklärte Adyar alles, was sie gerade sahen oder welche Zimmer und Gänge sie gerade passierten.
"Und dahinten ist die Bibliothek. Wenn du etwas suchst, kannst du da gerne schauen gehen", zeigte er gerade auf eine Doppeltür.
"Da würde ich einiges wissen wollen…", murmelte Adyar.
"Was denn genau? Vielleicht kann ich dir schon sagen, wo die Bücher stehen. Ich bin oft dort", sagte Richard.
"Wirklich? Ich dachte, du klaust viel lieber Essen?", triezte Adyar den Jungen gutmütig.
"Och menno. Ich bin eben nicht oft hier und wenn, dann gibt Liran mir immer etwas von seinem Essen ab. Es sind Rezepte aus seiner Heimat, hat er erzählt. Und sie sind sooo lecker."
"Ja, das stimmt. - Und warum bist du nicht so oft hier?"
"Na, meine Eltern und ich sind zum Beispiel jetzt nur wegen Onkels Hochzeit zu Besuch."
"Achso. Du bist Lord Vincents Neffe?"
"Jap", nickte Richard und hüpfte die Stufen der kleinen Treppe hinauf. "Meine Mutter ist seine Schwester. Mein Vater ist Lord der nächsten Grafschaft."
"Sag mal, Richard, dass mit dem Wolf und dem Wappen; hat das eine Verbindung?"
"Klar. Weil wir uns in einen Wolf eben verwandeln können. Na, zumindest manche von uns", schob er zerknirscht noch ein wenig hinterher.

Adyar wollte gerne mehr wissen, aber die wenigen Stufen machten ihm Mühe, wie er gerade feststellte. Einerseits tat sein Bein doch mehr weh, als gedacht und andererseits atmete er schwerer. Sollte er wirklich schon aus der Puste sein? Am Absatz angekommen blieb er erstmal stehen und holte tief Luft.
"Alles in Ordnung? Soll ich Askil holen?", war Richard sofort bei ihm, als er Adyars Schwäche bemerkte.
"Nein. Nur kurz ausruhen. Dann geht es bestimmt gleich wieder. Erzähl mal lieber, was du damit meinst, dass nur manche sich verwandeln können."

"Ach, na ja. Das hat mit der Blutlinie und so zu tun. Meine Familie stammt aus keiner reinen Blutlinie. Deswegen können sich nur wenige verwandeln. Obwohl Onkel Vincent und Mutter Geschwister sind, kann sich nur Onkel wandeln. Ein Großvater konnte sich noch wandeln und ich eben. Die Fähigkeit zu wandeln scheint sich bei uns, wenn überhaupt, auf die männlichen Nachkommen zu übertragen. - Aber hat dir denn der Eisbär darüber nichts erzählt? Wo er doch so stolz ist auf seine reine Linie?", fragte der Junge ganz erstaunt.

Adyar dachte darüber nach, dass sie sich wirklich nicht viel über ihre Familien oder Heimat erzählt hatten. Allerdings hatten sie in dem knappen halben Jahr, das sie nun schon zusammen unterwegs waren, eher damit zu tun gehabt, ihre persönlichen Eigenheiten näher kennen zu lernen.
"Nein. Wir haben nicht viel darüber geredet. Ich weiß, dass er sich nach Belieben in einen Eisbären und in eine Zwischenform wandeln kann. Außerdem hat er Eismagie. Er liebt die Kälte und den Schnee. Ich weiß, dass er in den Bergen geboren wurde. Das hatte er mal erwähnt."

"Also, Askil gehört dem Clan der Eisbären an. Diese sind reinblütig. Das heißt, dass alle in seinem Clan sich wandeln können, so wie er. Es wird darauf geachtet, auch nur untereinander zu bleiben, sodass es keine Vermischungen mit Nicht-Eisbären geben kann und das Blut ausdünnt. Meistens leben solche Familien eher versteckt. Sie führen ein einfaches Leben, das dem der Tiere ähnelt. Es gibt auch andere Familien. Die Wölfe eben und ich habe auch schon von Füchsen gehört. - In meiner Familie hat sich irgendwann ein Wolf verirrt. Es muss der Großvater meiner Großmutter gewesen sein. In unserem Familienbuch steht darüber eine Geschichte. Irgendwas mit Liebe und so ein Schmalz… Das war auch die Zeit, in der diese Grafschaft gegründet wurde. Daher also der Wolf im Wappen."

"Mensch, du weißt ja gut Bescheid", war Adyar über Richards Wissen verwundert. Langsam ging er jetzt auch weiter. Wenn sie nicht wieder Treppen hatten, konnte er das gut durchhalten. Richard sprang vor ihm von rechts nach links, machte kleine Hüpfer und schaute aus einem Fenster. Der konnte wohl gar nicht ruhig stehen?
"Ich wollte gerne wissen, was es mit dem Verwandeln auf sich hat und was ich noch so alles kann", erzählte der Junge. "Aber ich kann mich nur in einen Wolf verwandeln. Ich habe sonst keine weitere Magie, so wie Askil zum Beispiel. Das unterscheidet ihn auch noch von allen anderen Eisbären. Ich weiß, dass du auch Magie hast. Anders als bei den Wertieren, habt ihr Nebelelfen alle diese Magie. Liran hat sogar noch Windmagie. Was kannst du so? Benutzt du sie auch bei deiner Arbeit?"

Adyar sah sich einem sehr neugierigem Jungen gegenüber, der am besten sofort alles wissen wollte.
"Ich habe nur die Schattenmagie - und ja, ich benutze sie. Warum es sich schwerer machen, als es eh schon ist?", zuckte Adyar die Schultern.
Richard klatschte in die Hände und lachte begeistert.
"Das klingt toll. Ich will auch Dieb werden!", erklärte er fest.
"Ähm. Bist du nicht Lord oder so?", war Adyar ganz ungläubig.
"Na und?!"
Anscheinend war für den kleinen Wolf das adelige Blut kein Hindernis, um nachts durch fremde Anwesen zu schleichen.

*

Sie bogen um eine Ecke und standen in einem Flur, der auffällig edler war, als die bisherigen Gänge und Räume. Es hingen Teppiche an den Wänden und Gemälde. An den Seiten standen kleine Vitrinen mit hübschen Ausstellungsstücken. Der Steinflur war mit einem langen Läufer bedeckt. Vorne an der Tür zum Gemach saß ein junger Livree-Bedienter in den Farben des Lords, der sie gleich aufmerksam anblickte, jedoch auf seinem Platz verblieb.

‚Warum waren sie im Wohntrakt des Lords?', wunderte sich Adyar und schaute sich nebenher die Gemälde an. Das erste Bildnis zeigte einen düster dreinblickenden Mann mit wildem Haar.
"Das ist mein Urahne. Der erste Wolf in unserer Familie", zeigte Richard auf das Bild. Er wusste auch alle anderen Personen mit Namen zu benennen und von dem einen oder anderen auch recht abenteuerliche Geschichten zu erzählen. Adyar merkte, dass Richard sehr stolz war auf seine Familie, egal ob und wie sich jemand wandeln konnte oder auch nicht.

So hatte es eine Weile gedauert, bis sie den eigentlich kurzen Flur durchschritten hatten und vor der großen Tür zum Halten kamen.
"Lord Richard, seid gegrüßt. Soll ich Euch beim Lord ankündigen?", fragte der Kammerdiener den Jungen, auch wenn seine Augen immer wieder neugierig zu Adyar wanderten, was dieser versuchte, nicht weiter zu beachten. Diese Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt. Er war ein Dieb, er hatte eigentlich versteckt zu agieren und im Hintergrund zu bleiben. Seine Arbeit war dann gelungen, wenn ihn niemand gesehen hatte…

"Nein, ich mach schon, danke Yannik", wehrte Richard lässig ab, richtete kurz seine Kleidung und seine Haare, dann klopfte er.

Sofort folgte ein ‚Herein'. Richard öffnete zwar die Tür, schob aber erst nur den Kopf durch den Spalt.
"Onkel, ich habe Adyar hergebracht", sagte er höflich.
"Ah! Wunderbar. Nur herein mit ihm", hörte Adyar die Antwort und als Richard ihm die Tür ganz öffnete und Adyar zögerlich die Räumlichkeiten betrat, kam der Lord persönlich schon auf ihn zugestürmt und nahm seine Hand, schüttelte und drückte sie herzlich.

"Komm. Liran ist schon ganz ungeduldig. Er will dir endlich danken", sprach der Lord eifrig und schob Adyar weiter in den Raum hinein. Wirklich war dies das Wohngemach des Lords. Es war größer und kostbarer eingerichtet. Neben einem großzügigen Schreibtisch mit Bücherregal daneben, gab es ein extra Sofa mit Sessel vor einem heimeligen Kamin. Auf einem kleinen Tischlein dazwischen stand ein Schachbrett mit einer bereits begonnenen Partie.

Ein runder Esstisch, auf dem eine große Schale frisches Obst und ein Krug mit Trinkbechern, stand, war gleich in der Nähe der Tür und neben den großen Terrassenfenstern.

An der gegenüber liegenden Wand stand ein großes Bett. Es trug einen Baldachin aus hellem Holz und weißen Stoffbahnen. Es wirkte luftig leicht. Und in diesem Bett saß, an einen Kissenstapel gelehnt, ein zwar kränklich dünner Nebelelf, der aber Adyar aus neugierig blitzenden Augen entgegen schaute.

Adyar war unsicher. Jetzt, wo er doch endlich bei Liran war, wusste er nicht, wie er sich benehmen sollte. Immerhin war Liran doch sein Held aus Kindheitstagen. ‚Held'. Da war schon wieder das Wort, obwohl er es jetzt selbst gebrauchte.

Es war Richard, der Adyar vorerst die Entscheidung abnahm. Er eilte an ihm vorbei zu Liran und ließ sich halb auf das vordere Bett fallen.
"Liran, wie geht es dir heute?"
"Schon wieder besser. Danke. Und dir? Was macht dein Training?"
Da senkte Richard den Kopf und knibbelte nervös an der Überdecke herum.
"Nich' so gut", nuschelte er. "Der Eisbär is so streng. Nie mach ich was richtig."
Oh! Das war interessant. Trainierte etwa Askil nicht nur mit dem Ritter, sondern auch mit dem jungen Wolf? Es klang aber so, als ob die Beiden wirklich nicht gut miteinander auskamen. Er trat mit an das Bett heran und wuschelte Richard durch die Haare.
"Er meint es nur gut mit dir, Richard. Er ist eben ein brummiger Eisbär. Das weißt du doch. Aber vielleicht kann ich mal mit ihm reden…"
"Au ja. Das wäre super", war Richard gleich wieder frohgestimmt.

"Und neben dem Training hast du heute auch noch Unterricht, Richard", mischte sich nun auch Lord Vincent ein. "Komm. Gehen wir schon mal in deine Räume vor, damit der Lehrer nicht warten muss."
"Aber der kommt doch erst viel später", begehrte Richard auf.
"Nein. Heute kommt er etwas eher."
"Nein. Er hat mir gestern extra gesagt, dass er erst nach dem Mittag kommt", behaarte Richard fest.
"Richard! Wir gehen jetzt. Liran und Adyar haben bestimmt einiges zu besprechen. Sie wollen sicher allein sein", wurde Lord Vincent nun lauter und sehr direkt.
"Oh!", bekam der kleine Wolf große Augen. "Ach so! Ähm … also Liran, Adyar. Ich verabschiede mich, ich muss vor dem Unterricht noch Bücher aus der Bibliothek holen. Das dauert bestimmt ewig lang. Deswegen hilft mir Onkel Vincent sicher dabei." Damit war er auf und aus der Tür heraus.

Lord Vincent verdrehte die Augen, bevor er noch einmal an das Bett zurückkam.
"Liran, wenn ihr etwas braucht, Yannik ist nur für euch da, schickt ihn also gerne, wenn er etwas holen soll. Und Adyar, scheue dich nicht, nach etwas zu fragen. Egal ob es etwas Bestimmtes zu essen oder trinken ist oder etwas ganz anderes. Wenn es uns möglich ist, sollst du es haben… Und macht hier nicht zu lange. Ihr müsst euch beide erholen."

Mit diesen ungewöhnlich einfühlsamen Worten gab er Liran einen Kuss auf die Stirn und drückte sanft Adyars Schulter. Dann verließ auch er mit schnellen Schritten das Zimmer. Noch bevor er die Tür schloss, hörte man, wie er dem jungen Diener noch einmal ausdrücklich erklärte, dass die beiden Elfen alles haben sollten, nachdem sie verlangen könnten.

Dann war die Tür zu und Stille legte sich über den Raum. Adyar blickte sich mehr als verwirrt im Raum um, drehte noch immer die blaue Blume in seinen Händen, und verstand irgendwie gar nichts mehr. Was er seit seinem Aufwachen heute Morgen alles erfahren hatte, war einfach zu viel.
"Ich glaub, ich brauch' was Starkes", murmelte er leise.
"Ja. Klingt gut. Auf dem Tisch steht Wein. Bring mir doch auch einen Becher mit her", lachte Liran ihn vergnügt an. Anscheinend machte ihm die Verwirrung des jungen Elfen Spaß. Grummelnd aber brav folgte Adyar Lirans Bitte.

Auf dem Tisch fand er also den Wein. Die Blume stellte er kurzerhand in einen der leeren Becher und platzierte sie so, dass man sie vom Bett aus gut sehen konnte. Dann füllte er zwei weitere Becher mit dem Wein und kam damit zu Liran zurück.

"Komm. Setzt dich doch her. Ich will dir endlich danken", sagte Liran und winkte Adyar noch näher zu sich. Gehorsam nickte Adyar und wollte sich schon auf das Bett setzten.
"Oh! Vorsicht. Nicht hier!", rief da Liran. Adyar zuckte erschrocken zusammen. War etwas verkehrt?
"Genau hier würdest du jemanden verletzen", lächelte Liran und lupfte die Bettdecke etwas. Und was konnte Adyar da sehen? Ein Eichhörnchen lag da, den runden vollen Bauch in die Höhe gestreckt. Es hatte noch nicht einmal Kraft genug, um Adyar außer mit einem leisen Fiepen zu begrüßen. Liran kraulte Rikou kurz, dann legte er die Decke wieder über das Pelztierchen.
"Ich glaub's ja nicht. Holt sich dieser kleine Verräter jetzt etwa seine Streicheleinheiten von fremden Elfen?", lachte Adyar und suchte sich also einen Platz um die Deckenbeule drum herum und überreichte Liran endlich den Becher.

"Mach ihm keinen Vorwurf. Askil hat, als dein Fieber endlich gesunken war, die Geduld verloren und alle rausgeschmissen. Damit meine ich wirklich ALLE, sogar Rikou. Aber ich hatte gegen ein wenig Gesellschaft nichts einzuwenden…", erklärte Liran.
"Also. Lass uns Anstoßen. Darauf, dass du mich gerettet hast…", sagte Liran schlicht und hielt Adyar den Becher hin. Adyar lächelte schräg und stieß an.
"Wie hätte ich dich auch dort lassen können. Aber eigentlich war es Rikou, der dich entdeckt hat."
"Und dafür hat er auch seine Lieblingsnüsse in Hülle und Fülle erhalten. Irgendwo im Garten hat er sich schon einige Futterbunker angelegt."

Sie tranken und Adyar ging noch einmal zum Tisch, um ihre Becher nachzufüllen. Als er es sich wieder bequem gemacht hatte, fragte er endlich.
"Liran, du musst mir, glaube ich, einiges erklären."
"Was denn genau?", blickte ihn Liran aufmerksam an.
"Nun - ich glaube… ähm… irgendwie all das hier", machte Adyar eine große Kreisbewegung, um damit das ganze Schloss und die gesamte Situation zu beschreiben. "Und auch das", deutete er auf den Silberkamm in seinem Haar. "Und auch das", schloss er noch an und zeigte auf das Bett. Dabei wurde er schon wieder an den Ohrenspitzen dunkel.

Liran lachte vergnügt und nickte.
"Ja. Askil hat mich schon darauf hingewiesen, dass du viele Fragen haben könntest, kleiner Elf."
Adyar grummelte. Der Eisbär tratschte, wo er sonst kein unnötiges Wort rausbekam…
"Am besten, ich erzähle dir das alles von Anfang an. Mach es dir also bequem", willigte Liran aber direkt ein.

 


Teil 3

nach oben

Teil 5