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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Die goldene Fibel - Teil 3"


...

Die nächsten Tage zogen an Adyar vorbei wie Nebelschleier. Er erinnerte sich nur noch an Schmerzen überall. Und da waren seine Schulter und sein Bein noch nicht mal das Schlimmste. Sein ganzer Körper tat weh und dann kam das Fieber dazu. Es begann an seinem Hals, dort wo der Silberdolch des Dunkelelfen eine kleine Wunde verursacht hatte, und breitete sich in seinem gesamten Körper aus. Er verbrannte schier von Innen.

Einmal kam er etwas mehr zu sich und schaute in den sternenübersäten Nachthimmel. Wasserrauschen verriet ihm, dass er an einem See oder Fluss war. Gleich darauf erblickte er Askils wilde Mähne und einen so besorgten Ausdruck in dessen Gesicht, dass Adyar sich wunderte, weswegen seinen Bären so bangte. Askil sollte keine Angst haben, deswegen lächelte Adyar ihm zu. Askil lächelte zurück, drückte ihn noch weiter an sich und tauchte mit ihm schließlich ganz in das kalte Wasser. Es war eine herrliche Abkühlung. Adyars Geist triftete wieder davon.

Beim nächsten Erwachen war er in einem hellen Raum, den er nicht kannte, Askil war nicht da, aber andere Menschen um ihn herum, die er auch alle nicht kannte. Er sollte etwas trinken, was bitter schmeckte und daher gewiss nicht gesund war. Wo war Askil? Er rief nach ihm, aber er kam nicht. Ein leises Fiepen und ein kuscheliger Eichhörnchenschweif an seiner Wange beruhigten ihn etwas. Wenn Rikou hier war, war auch Askil in der Nähe.

Es war dunkel, als er aus einem schrecklichen Fiebertraum aufschreckte. Er war nicht allein, aber weder Rikou noch Askil waren bei ihm. Er sah ein Gesicht über sich, dass ihn stark an sein eigenes erinnerte: dunklere Haut, blaue Augen, spitze Ohren mit Silberringen geschmückt. Er kannte den anderen Nebelelfen, konnte sich aber nicht erinnern, wo und wann er ihm begegnet war. Wieder fragte er nach Askil. Der andere Elf strich ihm sachte über die Stirn und die Wange und sprach mit ihm in ihrer Sprache. Es waren beruhigende Worte, die bald in einen leichten Gesang über gingen. Es war ein Kinderlied ihrer Heimat. Es sollte den Kleinen beim Einschlafen helfen. Adyar ließ sich in das Gefühl der heimischen Geborgenheit sinken und mit einem Seufzen schloss er die Augen. Nach Tagen fiel er das erste Mal in einen tiefen traumlosen Erholungsschlaf.

*

Adyar schlug die Augen auf und fühlte sich gut und ausgeruht. Es war hell und ruhig. Er blickte geradeaus auf fein geschnitzte Beine eines runden Tisches mit Stühlen und dahinter wehten sachte die Vorhänge von bodentiefen Fenstern. Eines davon war halb offen und ließ Geräusche von draußen herein. Vögel zwitscherten leise und Wasser plätscherte.

In seinem Rücken spürte er warmes weiches Fell. Askils riesiger Vorderlauf hielt Adyar an ihm fest und der Elf hatte sich die Bärenpfote als Kissen zurecht gerückt. Er lag hier also sehr bequem und auch seine Schulter, die mit einer kräftigen Binde um seinen Körper ruhig gestellt worden war, tat ihm nicht weh. Er fühlte auch nach seinem Bein, spannte die Muskeln an. Ein wenig merkte man es noch.

Adyar seufzte zufrieden und kuschelte sich näher an Askil. Der Eisbär war als Schlafstatt wirklich hervorragend. Aber das erklärte auch, warum sie auf dem Boden lagen. Eisbär und Bett vertrugen sich nicht sonderlich gut, das hatten sie schon ausprobiert. Aber neben dem weichen Fell war auch der Boden mit einem gemütlich dicken Teppich ausgestattet und durch die hohen Fenster fiel so viel Sonnenlicht herein, dass es Adyar zusätzlich wärmte.

Er versuchte von seiner Position aus mehr zu erblicken ohne sich zu bewegen, denn dafür war es einfach viel zu gemütlich hier. Er schaute sich in einem fein eingerichteten Zimmer um. Zwischen den bodentiefen Fenstern, hinter denen er einen grünen Garten erspähen konnte, standen hohe bronzene Kohlebecken, die nachts Licht und Wärme spendeten und auf die man sogar noch kleine Wasserkessel für Tee aufstellen konnte. Ein kleines gut gefülltes Bücherregal stand an der Wand. Daneben ein einladender Lesesessel. Es gab sogar einen Schreibtisch.

An den Wänden hingen Wandteppiche; eines davon trug das Wappen Lord Vincents: ein weißer Wolf auf lila Hintergrund. Ein anderes zeigte ein Wappen, das ihm zwar sehr bekannt vorkam, er aber niemals hier vermutet hätte. Es war ein weit verzweigter weißer Baum auf blauem Untergrund. Das war das Zeichen der Nebelelfen. Was machte das hier? Die anderen Wandbilder zeigten Landschaften und Szenen aus Legenden und Geschichten.

Dann sah er die Bettpfosten. Sie waren elegant geschnitzt und Blumenranken wuchsen aus dem Holz hervor. Es war eine kleine Meisterarbeit. In sichtbarerer Greifnähe sah er auch Askils Breitschwert liegen.

Das ungewöhnlichste aber waren die vielen kleinen und großen Truhen und Kisten, die er überall verstreut im Zimmer sehen konnte. Alle hatten ein Vorhängeschloss und jedes sah anders aus. Es juckte Adyar in den Fingern, die alle zu knacken, um zu sehen, ob er wirklich jedes Schloss aufbekam.

Um mehr vom Zimmer zu sehen, müsste Adyar sich bewegen und das wollte er gerade nicht. Aber er konnte sagen, dass das definitiv ein sehr schönes Zimmer war und dass er es definitiv nicht kannte. Er hatte sich mit Askil doch im Gasthaus ein Zimmerchen gemietet. Das war ganz klar nicht das Gasthaus. Das Gasthaus übrigens, dass er zu erreichen versuchte. Weil er Liran und einen wichtigen Brief bei sich hatte! Er schreckte hoch, als ihm plötzlich alles wieder einfiel. Sie mussten doch Lord Vincent und den König informieren!

Er wollte sich hochkämpfen, ignorierte die durch die hektische Bewegung aufflammenden Schmerzen, als es irritiert hinter ihm knurrte. Der Bärenarm zog ihn wieder zurück.
"Askil, lass los. Wir müssen zu Lord Vincent. Der Brief! Und Liran!" Erfolglos kämpfte Adyar gegen den Eisbären.
"Askil. Bitte. Es ist doch dringend…", versuchte er es noch einmal mit Erklären. Da wurde Adyar sachte gedreht, bis er zwischen den Vordertatzen des Bären zu liegen kam. Sanft rieb Askil mit der langen Schnauze an Adyars Wange entlang und brummte leise und beständig.

Adyar brauchte eine Weile, um das zu begreifen.
"Oh! Du meinst, alles ist gut?"
Zur Belohnung erhielt er einen Bärenkuss. Die lange Zunge wischte ihm einmal quer durch das Gesicht.
"Ärgs. - Muss das sein?"
"Ja. Das musste sein", antwortete Askil grollend lachend, während er sich in seine Halbform wandelte.
"Wie geht es dir? Anscheinend schon besser, wenn du gleich wieder davon rennen willst."
"Von ‚wollen' ist nicht die Rede. Ich dachte, dass es wichtig wäre. Habt ihr denn alles gefunden? Die Fibel, den Brief? Und wie geht es Liran? - Und, wo sind wir eigentlich?", kam ihm wieder in den Sinn, als er sich kopfüber noch etwas weiter umschaute. Der feine geschmackvolle Stil durchzog auch das restliche Zimmer und Adyar begann sich richtig wohl zu fühlen. Hier würde er es eine Weile aushalten können.

"Schon wieder so viele Fragen, kleiner Elf. Aber gut: wir sind im Schloss von Lord Vincent. Wir haben alles gefunden, der König wurde informiert und Liran geht es den Umständen entsprechend gut. Alles Weitere erzähle ich dir beim Essen. Ich gehe davon aus, dass du Hunger hast."
Jetzt wo es Askil erwähnte, bemerkte Adyar wirklich den Hunger und fordernd knurrte sein Magen auch gleich los. Beruhigend rieb er sich selbst den Bauch.
"Hmmm… ich könnte glatt 'nen ganzen Bären verdrücken", meinte Adyar und ignorierte Askils Brummen. Ja, auch einen ganzen Eisbären!
"Sag mal, kann ich denn hier mal wo hin? Ich habe nicht nur Hunger…", merkte er noch eine ganz andere Dringlichkeit. Sich aufsetzend, schaute er sich noch weiter im Raum um und versuchte seine steifen Glieder wieder gefügig zu machen.

"Komm, ich helfe dir auf", sagte Askil und vorsichtig zog er Adyar auf die Beine, bis der ein wenig wackelig auf eigenen Füßen stand.
"Geht es?"
Adyar belastete sein verletztes Bein und siehe da, er konnte stehen, wenn die Wunde auch noch arg ziepte. Rennen würde er damit eine Weile erst einmal nicht.
"Ja. Geht."
"Komm. Wir haben hier ein Badezimmer mit allem was du dir wohl wünschen würdest."
Adyar schmunzelte. Er liebte es, manchmal auch ein heißes Bad mit wohlduftender Seife zu haben. Seinem Bären reichte ein kalter Bergfluss!

Und tatsächlich. Als sie eine kleine Tür durchschritten erblickte er ein sehr gut ausgestattetes Bad. Ein großes Fenster wie die im Wohnraum ließ reichlich Tageslicht herein und man konnte auch von hier direkt in den Garten hinaus. Es gab hinten einen abgetrennten Eckbereich für Adyars große Dringlichkeit. Vorne hatte es ein großes Waschbecken und daneben stand eine kupferne Wanne. Er wunderte sich über die seltsame Konstruktion unterhalb dieser. Rohre führten von der Wand zur Wanne, die bereits mit Wasser gefüllt war. Als Adyar daran vorbei ging, bemerkte er, dass es leicht dampfte. Er streckte eine Hand hinein und war erstaunt, dass das Wasser richtig warm, schon fast heiß war. Das war ja eine besondere Technik, die er noch nie gesehen hatte. Und perfekt für einen badeverliebten Elfen. Ein kleines Regal daneben zeigte eine Reihe verschiedener Fläschchen und Seifen.

Er freute sich immer mehr auf ein schönes entspannendes Bad.

"Ich lasse dich erst einmal allein. Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich, ja?" Askil schloss die Tür und gönnte ihm seine Privatsphäre, während Adyar nickte und nach hinten humpelte. Als Adyar das erledigt hatte, übrigens mit einem bandagierten Arm nicht so ganz einfach, näherte er sich wieder der verführerischen Badewanne. Das war wirklich eine tolle Sache. Da würde er jetzt hineinsteigen. Er öffnete noch das Fenster ganz, damit er den Garten gut sehen konnte und zog sich dann das einfache Schlafhemd und die lockere Hose aus, wickelte die straffe Schulterbinde los und löste auch die Bandage von seinem Oberschenkel. Ein Blick auf die Wunde zeigte, dass die auch schon ins Wasser durfte.

Dann endlich kletterte er vorsichtig in die Wanne. Es war so herrlich warm. Langsam sank er immer tiefer bis er ganz saß und genüsslich seufzend die Augen schloss. Er spürte jetzt zwar so jede kleine Schramme an seinem Körper prickeln, aber das war egal. Es war viel zu lange her, dass er wieder warm baden konnte. In seiner Heimat hatten sie heiße Quellen, wo sie jederzeit baden konnten, wie ihnen der Sinn stand.

Ach ja, da waren ja noch die Badezusätze. Er drehte sich wegen seiner kaputten Schulter ein wenig umständlich, bis er das kleine Regal gut in Augenschein nehmen konnte. Da gab es ganz Unterschiedliches. Er entschloss sich endlich für ein schäumendes Kräuterbad mit leichtem Zitronenduft. Das war erfrischend und belebend. Und für seine Haare suchte er sich eine recht neutral duftende Seife mit pflegenden Tannenwurzfett heraus. Es überraschte und freute ihn, ein Produkt aus seiner Heimat hier zu finden.

Um seine Haare ordentlich waschen zu können, tauchte er ganz unter und ließ sie eine Weile einweichen. Irgendjemand hatte ihm all seinen Haarschmuck und die Nadeln entfernt, aber verklebt und verzottelt waren sie trotzdem.

Gerade als er versuchte, sich einhändig die Seife im Haar zu verteilen, kam Askil wieder zu ihm. Zum Glück hatte er sich in der Zwischenzeit auch etwas übergezogen. Zwar hatte Adyar gewiss nichts dagegen, Askil nackt zu sehen, aber es konnte auch störend, weil sehr ablenkend sein.
"Na, das habe ich mir gedacht…", lachte Askil brummend. Adyar wollte schon schmollen, als er sah, dass Askil eine große reich bestückte Platte dabei hatte, auf der sich allerlei kleine Häppchen präsentierten. Askil schob einen kleinen Beistellhocker heran und stellte die Platte in Adyars Reichweite neben die Wanne. Dazu einen Becher mit blumig duftendem Inhalt. Einen zweiten Schemel nutzte er selbst und setzte sich an Adyars Kopfende. Bestimmend nahm er ihm die Seife aus der Hand.

"Iss. Ich kümmere mich derweilen um das Vogelnest hier", erklärte er und Adyar ließ ihn machen. So grobschlächtig Askil oftmals war, wenn es um Adyars Haare ging, war er äußerst feinfühlig und vor allem mit Begeisterung bei der Sache. Man glaubte es nicht, aber die Bürste hatte er genauso gut im Griff, wie sein mannshohes Breitschwert. Nur bei dessen eigenen Haaren brachte das nichts. Adyar hatte selbst versucht, die wilde Mähne zu bändigen, aber Askils Haar war zu widerspenstig. Das ließ sich nicht kämmen, bürsten oder in irgendeine Form bringen. Man konnte nur einzelne Zöpfe flechten - oder ganz abrasieren.

Würde Askil in seiner Bärenform dann nackt sein?

Das wollte sich Adyar eigentlich gar nicht vorstellen, viel lieber beschaute er sich die Leckereien neben sich. Zuerst probierte er von dem Getränk. OH! Das war ja Kräutersaft! Genauso wie er es aus seiner Heimat kannte. Überhaupt war alles so sehr für Adyar passend eingerichtet, auch das Bad, dass er sich wirklich zu wundern begann. Es überraschte ihn auch nicht mehr, dass das Essen optimal auf seinen Geschmack abgestimmt war. Fisch, Gemüse, etwas Wild und Geflügelhappen. Auch ein paar süße Häppchen. Hauptsächlich mit frischen Kräutern, Wildblumen und Honig gewürzt.

Während Adyar sich einmal quer durch die dargebotenen Speisen probierter, hatte Askil Adyars langes Haar komplett eingeseift und massierte nun mit kräftigem Griff seinen Kopf. Das war herrlich. Er genoss das ruhige Beisammensein eine ganze Weile, bis ihn seine Neugierde doch drängte.
"Sag mal, Askil. Was war mit mir eigentlich? Das Fieber kam doch nicht einfach so…"
"Nein, der Silberdolch vom Dunkelelfen…", knurrte Askil.
"Oh, da war Gift dran?"
"Ja. Und zwar ein sehr starkes. Es sah wirklich nicht gut aus. Vor allem, weil du die Medizin nicht trinken wolltest. Du hast den Heilern ganz schön zugesetzt."
"Oh. Das tut mir leid. Ich kann mich nicht mehr an viel erinnern", war Adyar ein wenig beschämt. So ein Benehmen war nicht schön, schon gar nicht, wenn man irgendwo nur Gast war. "Gibt es noch etwas, was ich getan habe, was ich nicht mehr weiß?"
Askil lachte. "Das willst du nicht wissen", sagte er.
"Wieso? War es so schlimm?"
"Ich fand's lustig. Und der König eigentlich auch."
"Was hat der König damit zu tun?"
"Der König hat uns hier besucht. Er wollte dir gerne danken, aber du hast ihm nur was von Vampir-Hörnchen erzählt und dass die sehr gerne futtern."
"WAS?"
"Ich habe ihm dann Rikou vorgestellt und daraufhin gab es für ihn eine große Schale Nüsse, Obst und was er sonst noch so mag."
"Ich habe den König beleidigt", murmelte Adyar und schob ein paar Schaumberge vor sich her.

"Du hast keinen beleidigt. Du warst nicht bei dir. Das wusste der König, Lord Vincent und auch alle anderen, die sich um dich gekümmert haben."
"Alle anderen? Wie lange lag ich denn im Fieber?"
"Eine ganze Weile. Es sind jetzt fast zwei Wochen."
"Zwei Wochen?", war Adyar platt. Das war lang. "Was ist denn mit der Feier? Wurde sie noch durchgeführt?"
"Ja. Ich habe Lord Vincent als persönlich Wache begleitet. Ich dachte eigentlich, dass das den Attentäter abschrecken würde, aber nein - er schlich sich wirklich ein und wollte einen Gast angreifen. Wir haben ihn überwältigt. Er hatte einen vergifteten Silberdolch bei sich."
"Genauso wie der Dunkelelf von Lord Korskov?!", schreckte Adyar auf.
"Ja. Außerdem war der Attentäter auch ein Dunkelelf."
Zwei Dunkelelfen, zwei gleiche Waffen, beide mit Gift.
"Es klingt fast wie die Assassinen-Gilde… aber nur fast", grübelte Adyar vor sich hin.
"Ja. Deswegen ist dort unser nächstes Ziel. Wir werden sie in ihrem Hauptquartier in der Residenzstadt Rayon-du-Soleil aufsuchen, sobald es dir wieder besser geht. Der König hat bereits einen Brief mit der Bitte um eine Audienz beim Gildenmeister geschickt", erklärte Askil.
"Die Residenzstadt? Da war ich noch nie", murmelte Adyar und hatte sofort ein unübersichtliches Getümmel aus Menschen, Tieren, Gerüchen, Farben und Emotionen vor sich. Er mochte Großstädte nicht und hatte sich bisher von dort ferngehalten.
"Kein Sorge. Ich beschütze dich", sagte Askil mit so einer ernsten Stimme, dass es Adyar ein warmes Lächeln hervor lockte.

*

"So, einmal untertauchen und ausspülen", befahl Askil als nächstes, auch um Adyar ein wenig von seinen Grübeleien abzulenken. Der folgte auch brav und fühlte sich viel wohler. Mit gewaschenen Haaren ging es einem doch gleich besser. Als er wieder auftauchte und Wasser aus den Augen wischte, bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung am Fenster.

Er schaute genauer und erschrak.
"Du, Askil. Dort sitzt ein Wolf am Fenster. Ein kleiner und weißer Wolf."
"Ja, ich weiß", knurrte Askil ungehalten.
"Willst du nichts tun? Er sieht hungrig aus. Er will mich bestimmt fressen."
"Nein, er spitzt nur auf deine Geflügelhäppchen", erklärte Askil ohne den Wolf zu beachten. Emsig drückte er das Wasser aus Adyars Haaren und massierte ein feines Öl ein.

Adyar war das irgendwie nicht geheuer. Der Wolf saß mit aufmerksam aufgestellten Ohren dort, der Schwanz schlug immer wieder auf die Wiese und als sie sich in die Augen sahen, hechelte der Wolf und bellte auffordernd. Er sah gar nicht böse aus. Adyar streckte seinen gesunden Arm aus und lockte ihn. Doch statt hereinzukommen winselte der Wolf nur und legte sich auf seine Vorderpfoten, schaute immer wieder zu Askil.

"Was ist mit ihm? Warum kommt er nicht her?"
"Weil ich es ihm verboten habe!", schimpfte Askil. "Diese kleine Plage hat sich von deinen Räumen fernzuhalten."
"Oh, du kennst ihn?"
"Ja. Er dachte, er könne sich mit einem Eisbären anlegen", brummte Askil und es wurde eine Spur dunkler und tiefer. Der kleine Wolf robbte winselnd ein wenig zurück.

"Askil, du machst ihm Angst", wurde es Adyar warm ums Herz.
"Dem macht keiner Angst. Lass dich nur nicht von seinem kuscheligen Fell täuschen. Er hat es faustdick hinter den Ohren."
"Ach, was soll so ein kleiner Wolf schon anrichten. Na komm schon her", lockte Adyar den Wolf noch einmal. "Askil tut dir nichts", versicherte er. Und schneller als er gucken konnte, war der Wolf über die kleine Schwelle getrabt und stand nun an der Badewanne. Adyar schob seine Hand in das weiche Fell, kraulte gezielt hinter den Ohren und genüsslich verdrehte der Wolf die Augen und legte den Kopf schief. Dass er dabei Askil frech zuzwinkerte, sah Adyar nicht.

Askil ließ seinem Elfen ein paar Momente die Freude ein anderes weiches Fell zu wuscheln, dann aber knurrte er wieder.
"Jetzt ist gut. Adyar will sich anziehen. Lauf und komm vorne an die Tür. Adyar will Liran besuchen."
Adyar kicherte bei diesem strengen Befehlston. Zum Glück war es aber auch genau das, was er tatsächlich wollte.
Der Wolf bellte zur Antwort, schnappte sich geschickt von der Platte einen Geflügelhappen und galoppierte mit seiner Beute durchs Fenster wieder davon.
"Siehst du, genau das meine ich! Das war dein Essen. Du brauchst es", schimpfte Askil.
Oh! Da war wohl sein Eisbär gerade sehr mürrisch. Geschickt drehte Adyar sich in der Wanne, streckte sich und gab Askil einen sanften Kuss.

"Ich bin bereits satt. Vielen Dank für deine Sorge. Ich esse nachher wieder etwas, ja?"
"Hmmm…"
"Komm. Hilf mir mal. Du hast gesagt, ich will Liran besuchen. Kann ich wirklich?"
Askil grummelte noch ein bisschen, half Adyar aber aus der Wanne und wickelte ihn zum Abtrocknen in ein großes Tuch. Für die Haare nahm er noch eines extra und wickelte geschickt einen Turban um Adyars Kopf.
"Liran sagte, du könntest ihn gern jederzeit besuchen kommen", sagte Askil, während sie in den Wohnraum gingen. "Aber vorher soll ich dir dieses Geschenk überreichen", überraschte Askil den Elfen und holte vom Schreibtisch eine kleine Schatulle hervor.

Adyar ließ sich auf das große Bett fallen und nahm das Kästchen vorsichtig entgegen. Es war mit Efeuranken hübsch verziert und es dauerte eine Weile bis Adyar ein kleines Blatt gefunden hatte, dass er beiseite drehen konnte. Dort war das Schlüsselloch versteckt.
"Gibt es einen Schlüssel?", fragte er und Askil hielt ihm grinsend seine Haarnadeln hin, dessen Spitzen kleine Häkchen hatten.

Adyar lachte. Das war ja mal ein Geschenk. Er machte sich ans Werk und als es leise klickte, glaubte er, es schon geschafft zu haben. Doch statt sich der Deckel nun öffnen ließ, sprang ein anderes kleines Blatt auf, hinter dem sich ein weiteres Schloss verbarg. Na gut, dann also auch dieses Schloss. Es sah etwas aufwendiger aus und er brauchte diesmal auch deutlich länger. Er ahnte nichts Gutes, als er auch dieses Schloss geknackt hatte. Es war nur ein weiteres Blatt, das sich löste.

Grummelnd machte er sich an das dritte Schloss und merkte, dass er mit nur zwei Nadeln hier nicht weit kam. Er bat Askil um eine dritte und jetzt wurde es wirklich kompliziert. So ein schwieriges Schloss hatte er noch nie gehabt. Nicht nur wegen der drei Nadeln. Es war auch äußerst winzig. Es waren nur ganz kleine Bewegungen nötig. Und das, wo er doch so aufgeregt war, weil er endlich wissen wollte, was da drinnen versteckt sein könnte.

Askil war derweilen im Zimmer beschäftigt, sortierte Kleidung und griff sich endlich sein Breitschwert, um es nach Scharten abzusuchen und ein wenig zu polieren. Die Bürste für Adyars Haar hatte er auch schon griffbereit platziert, doch der Elf sollte zuerst in Ruhe das Kästchen öffnen.

Und Adyar hatte die Ruhe wirklich nötig. Noch nie hatte er so ein kompliziertes Schloss gehabt. Lag er zuvor noch auf dem Bett, hatte er sich bald in den Schneidersitz gekämpft. So konnte er das Kästchen im Schoß in Position halten und kam auch gut mit seinem lädierten Arm zurecht.

Es dauerte eine ganze Weile, die er völlig versunken an dem Schloss arbeitete, als es endlich klickte. Er wollte schon genervt seufzen, als sich diesmal wirklich der gewölbte Deckel etwas auftat.
"Geschafft!", jubelte er, schob den Deckel weiter auf und auch Askil rückte vor Neugierde näher heran.

Was könnte da nur drinnen sein?

 


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