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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Die goldene Fibel - Teil 2"


...

Rikou fiepte!

Oh verdammt! Es kam jemand…

Adyar schob eilig den Stein zurück in die Wand und stopfte den Brief in sein Oberteil. Noch während er zum Bett eilte, zog er den Vorhang vom Erker zu. Vielleicht fiel dann nicht sofort auf, dass der Gefangene plötzlich fehlte. Mit festem Griff zog er den anderen hoch ohne auf dessen schmerzende Laute zu achten. Sie hatten keine Zeit für Rücksicht.

Sie eilten hinüber ins Schreibzimmer. Auch hier zog Adyar den Vorhang wieder gut zu. Am Fenster angekommen, schob er dieses etwas auf.
"Rikou! Lauf! Hol Askil!", flüsterte er dem Eichhörnchen mit drängender Stimme zu, und noch während das Pelztier zum Fenster hinausschlüpfte und kopfüber den Turm hinunterkletterte, hörte Adyar nebenan die Tür aufpoltern. Hastig machte er das Fenster wieder zu und zog sich in eine schmale Nische zurück, in die sie gerade so hineinpassten, schlang den dunklen Mantel um sie beide und beschwörte seine Magie. Die Schatten verdichteten sich um ihn noch mehr, machten ihn in der Dunkelheit ganz und gar unsichtbar. Eine spitze Klinge würde es jedoch nicht aufhalten…

Dann versuchte Adyar keinen Mucks von sich zu geben. Er beruhigte sein heftig schlagendes Herz und lauschte nach nebenan. Es klang eigenartig. Es waren rutschende schlurfende Laute zu hören, gedämpftes Lachen und abgehacktes Stöhnen. Oh! Der Lord schien nette Gesellschaft für die Nacht gefunden zu haben. Ob das junge Mädchen das wirklich freiwillig machte oder damit ihren Lebensunterhalt verdiente, wusste er nicht zu sagen, doch während die beiden dort drüben noch knutschten, würde Adyar sogar leise aus dem Fenster klettern können. Aber mit dem verletzen Elfen?

Wobei der sich für seinen Zustand erstaunlich gut hielt. Adyar spürte sehr wohl, dass der andere Schmerzen hatte und die heiße Stirn, die auf seiner Schulter ruhte, zeugte von gefährlich hohem Fieber. Doch er war bei Bewusstsein und versuchte selbst jeden Laut zu unterdrücken. Hätte er noch genug Kraft, um ein wenig mitzuhelfen, wäre es machbar, den Weg zu nehmen, den er allein gekommen war. Adyar musste ihm nur erklären, dass er sich gut an ihm festhalten sollte. Dann würde er mit ihm Huckepack klettern können. Er musste es einfach probieren!

Drüben im Schlafgemach schien man recht schnell die niedrige Kommode für ein erstes Intermezzo passend zu finden. Noch ist keinem dort drüben das Fehlen des Gefangenen oder das verdreckte Bett aufgefallen. Umso besser für Adyar. Er nahm seinen kleinen Rucksack vom Rücken und holte ein paar Handschuhe ohne Krallen und ein Seil mit Haken heraus. Zum Glück hatte er den immer für den Notfall dabei. Ein guter Dieb war eben auf alles vorbereitet. Während er sich die Handschuhe überzog, erklärte er dem anderen leise in ihrer Sprache, was er vorhatte. Er bekam sogar ein Nicken zur Antwort.

Seine Magie beibehaltend erhoben sie sich und schlichen zum Fenster. Nicht nur war es quietschfrei, was Adyar schon beim Einstieg gefreut hatte, es war auch ein Doppelfenster. So würden sie zu zweit dort gut durchpassen. Er lauschte noch einmal nach nebenan, aber dort war nur lustvolles Stöhnen zu hören. Die beiden waren beschäftigt. So nahm er seinen kleinen Enterhaken, befestigte ihn gut am Fensterinneren und ließ das restliche Seil hinausfallen. Praktischerweise schob er seinen kleinen Rucksack dem anderen Elfen auf den Rücken, bevor er ihn hinter sich dirigiert. Bereitwillig legte er seine Arme um Adyars Hals und lehnte sich dicht an ihn. Adyar griff nach dem langen Mantel und wickelte ihn so um sie beide, dass er den anderen Elfen an sich festbinden konnte und ihm Halt gab. Vorne machte er sich einen festen Knoten und ruckelte daran. Na hoffentlich hielt das alles…

"Los!", gab er flüsternd das Startzeichen und mit größter Anstrengung schlang der andere Elf seine Beine um Adyar. Er schob sich alles zurecht, zog sich endlich die Handschuhe an und stieg nach draußen. Es klappte ganz gut, wenn auch alles sehr umständlich war. Er griff nach dem Seil, schlang es sich um einen Oberschenkel und ließ das offene Ende vorne herum über die entgegengesetzte Schulter laufen. So hatte er wenigstens etwas Halt. Dann schob er sich vorsichtig an die senkrechte Wand und stützte sich mit den Füßen an der Mauer ab.

Ein heftiger Ruck ging durch Adyars Arm und Schulter, als er zum ersten Mal mit ihrer beider Gewichte am Seil hing. Er atmete ein paar Mal tief durch, bevor er sich zutraute, den ersten Schritt nach unten zu machen. Wenigsten schien sein provisorischer Tragegurt zu funktionieren. So also ging es in kleinen Schritten nach unten.

Die Nacht war noch immer nebelig und nass, sodass er sich um die Wachen vorerst keine Sorgen machte. Sorgen machte ihm etwas ganz anderes. Er musste umgreifen, dafür aber auch das Seil komplett auf die andere Seite bringen. Das war umständlich und zeitraubend. Er keuchte, bevor er wieder umgriff. Seine Arme und Schultern schmerzten immer mehr. Zu deutlich wurde ihm bewusst, dass er für solche Lasten einfach nicht die Kraft hatte. Er war leicht und agil, genau das, was ein Dieb sein musste.

Als er einmal zum Fenster zurückschaute, sah er mit Unbehagen, dass sie noch nicht weit gekommen waren. Aber schneller konnte er nicht! Er musste fest und sicher greifen, sonst würde er abrutschen. Das tat übrigens seine Last auch. Er spürte genau, wie der andere Elf immer weiter rutschte. Diesem fehlte sicher die Kraft, sich noch weiter festzuhalten. Ohne den Mantel, wäre er schon längst gefallen.

Und Adyar ging ebenfalls die Kraft aus. Seine Arme zitterten schon vor Anstrengung und er japste nach Luft. Sie mussten noch so eine weite Strecke hinunter! Er hätte doch oben bleiben sollen und auf eine Gelegenheit warten, bis die Treppen frei gewesen wären. Oder er hätte am besten allein wieder verschwinden sollen und Hilfe holen können. Warum hatte erst alles so perfekt geklappt und war jetzt so dermaßen aus dem Ruder gelaufen? Verdammt!

Er lehnte die Stirn an den feuchten Stein und atmete hektisch. Dabei spürte er Nässe auf seinen Wangen und war verwundert, als er merkte, dass es nicht Nebeltropfen waren, sondern wirklich seine Tränen. Ich werde panisch!, erkannte er. Das durfte er nicht zulassen. Das raubte ihm nur noch mehr Kraft. Er würde und er musste das hier schaffen. Es hing das Leben von so vielen ab, nicht nur seines. Er dachte an Askil und Rikou und wünschte sich in die sicheren Arme seines Bären.

"Du schaffst das!", flüsterte er sich selbst zu, konzentrierte sich und begann dann einfach weiter mit dem Abstieg, Stück für Stück. Er fand sogar einen Rhythmus, den er jetzt gut durchhalten konnte, selbst wenn seine Arme eigentlich nicht mehr wollten. Doch er zwang sie zur immer gleichen Bewegung und erleichtert sah er die dicken Baumäste unten näher kommen. Wenn er die erreicht hatte, würde alles andere kein Problem mehr sein.

*

"WACHE! DIEB! DIEB", schrie es da von oben und Adyar schaute entsetzt zum Fenster. Mit einem dicken Kandelaber in der Hand schaute Lord Korskov direkt zu ihm herunter. Dann blitzte etwas auf und Adyar konnte gerade so einer kleinen Wurfaxt ausweichen, die sehr gut gezielt auf ihn zuschoss. Doch er verlor den Halt am Seil und mit einem harten Fluch rutschte er herunter. Er fasste mit beiden Händen zu und krallte sich am Seil fest. Ruckartig stoppte er. Ein elender Schmerz durchzog seine Schulter und er hörte ein ekliges Reißen. Er schrie, konnte den rechten Arm nur noch hängen lassen und klammerte sich mit dem linken Arm am Seil fest.

Über ihm war der Lord verschwunden, seine gellenden Rufe hörte man aber im gesamten Turm. Dafür war jetzt eine Wache dort oben und Adyar konnte sehen, wie der mit einem Kurzschwert auf das Seil einhieb. Das würde sein Ende sein!

Adyar blickte nach unten und sah überrascht, dass es kein Meter mehr bis zum Baum war. Ohne weiter nachzudenken, ließ er sich fallen, kam geschickt auf den Beinen auf, stabilisierte sich, indem er mit der linken Hand sich noch an der Wand abstützte. Und weiter. Er zog wieder seine Magie um sich zusammen und brachte sich vor den Blicken der zwei heranstürmenden Wachen vorerst in Sicherheit. Solange ihre Fackeln nicht bis hier oben leuchteten, sahen sie ihn nicht.

"Er ist abgestürzt", rief der Wachmann von oben. "Er muss dort unter den Bäumen liegen."
Der dicke Nebel verhinderte, dass die Fackeln weit leuchten konnten und so verbrachten sie längere Zeit damit, direkt am Turm zu suchen. Das war Adyar nur recht. Er löste den Knoten vom Mantel, auch wenn das nur mit einer Hand nicht leicht war, und stützte den Elfen, bis er mehr oder weniger sicher auf seinen eigenen Beinen stand.
"Wir müssen hier die dicken Äste entlang…"
"… zur Mauer", beendete der andere seinen Satz.
Oh! Da schien sich jemand auszukennen. Bestimmt war er über den gleichen Weg eingestiegen wie Adyar auch.

Während sie über die breiten Äste kletterten, machten unter ihnen die Wachen mächtig Lärm. Gewiss wollten sie damit Adyar genau zeigen, wo sie sich gerade aufhielten, damit er sich besser verstecken konnte.

So hatten sie die Mauer, die das Grundstück eingrenzte, recht schnell und sicher erreicht. Zum Springen war die noch zu hoch, sie mussten also auch hier klettern. Oder er ließ den anderen Elfen ein Stück hinab, dann konnte er hinterher kommen. Da musste der Verletzte jetzt einfach durch.

"Mein Arm ist kaputt. Du musst dich selbst mit festhalten. Nur für eine kurze Weile", erklärte Adyar eindringlich und brachte sie beide zum Liegen. Dann umfasste er die schmale Hand des Elfen und deutete an, dass er zum Mauerrand kriechen solle. Langsam ging es voran und diesmal hatte Adyar das plötzliche Gewicht schon einkalkuliert, als der andere endlich an der Mauer hing. Adyar robbte auch Stück für Stück nach vorn, verhakte seine Füße auf der anderen Mauerseite und konnte so den anderen sicher ein ganzes Stück weit hinunter lassen.

"Jetzt spring", sagte er, als es nicht weiter ging. ‚Springen' konnte man das nicht nennen. Der andere Elf ließ sich einfach fallen und blieb nach einigen Überschlägen reglos liegen. Adyar hoffte, dass er sich jetzt nicht noch das Genick gebrochen hatte.

Laute Rufe direkt vor ihm schreckten ihn auf! Sie kamen herüber. Er musste sich beeilen. Er wollte sich ebenfalls vorsichtig erst an die Mauer hängen, doch nur mit einem Arm ging es nicht. Er rutschte ab und fiel das ganze Stück. Er kam auf seinen Füßen auf, musste sich aber abrollen. Das wollte der kaputte Arm nicht mitmachen. Mit einem schmerzhaften Schrei blieb er liegen. Das war nicht gut! Es tat fürchterlich weh und ‚leise' war auch anders.


"HIER! HIER DRÜBEN! ER IST ÜBER DIE MAUER!" Das war auch nicht gut. Sie mussten weg von hier. Im Wald konnte er sich mit seiner Magie verstecken. Er krabbelte zu dem anderen Elfen und tastete ihn hektisch ab. Da war noch ein Puls und als er ihm ins Gesicht sah, hatte der andere sogar die Augen auf und blickte ihn an.

"Wie müssen weiter. Im Wald können wir uns verstecken."
Er nickte.
Mit seinem gesunden Arm zog und hievte Adyar ihn hoch und gemeinsam humpelten sie auf den Wald zu. Nur Momente später sah Adyar die Wachen herannahen. Sie suchten genau an der Stelle, wo sie eben noch waren.
"Verdammt, die Fackeln. Sie werden unsere Spuren sehen", merkte Adyar.

Der andere Elf bewegte sich neben ihm und richtete sich etwas auf. Er streckte eine Hand nach den Wachen aus, flüsterte leise Worte und noch ehe sich Adyar über das seltsame Verhalten wundern konnte, spürte er einen leichten Wind aufkommen, der immer heftiger wurde. Er wehte vom Wald her und genau auf die Wachen zu, und mit einer letzten kräftigen Böe waren die Fackeln aus. Plötzliche Finsternis legte sich über den Ort nieder und während die beiden Elfen vortrefflich sahen, standen die menschlichen Wachen in wabernder Dunkelheit.

Adyar war noch am Staunen, als der andere Elf wieder zusammensackte. Er sprach ihn an, doch diesmal reagierte er nicht mehr. Er musste seine letzten Kräfte für diesen Zauber hergegeben haben. Aber was für ein Zauber! Das war Windmagie gewesen. Er wusste nur von einem Nebelelfen, der in der menschlichen Welt unterwegs war und diese Art Magie besaß, die er auch gerne im Kampf für weite Sprünge einsetzte. Liran Sturmsinger!

Das war DER Liran Sturmsinger! Der Nebelelf, dessen Geschichten sogar bis ins Land der Nebelelfen gedrungen und der Grund waren, weswegen auch Adyar sich für ein Leben voller Abenteuer entschieden hatte. Er wollte Liran schon immer mal treffen, doch wusste er nie, wo er sich aufhielt. Wie das Element, welches er beherrschte, war auch der Elf selbst immer schon weitergezogen, wenn Adyar eine Gegend besuchte, aus der er die neuesten Erzählungen über diesen Elfen gehört hatte.

Und nun traf er ihn hier! Aber nun war keine Zeit zum Grübeln! Sie mussten weiter. Umständlich schaffte Adyar es, Liran hochzuhieven und ihn sich über die gesunde Schulter zu werfen. Sein Körper wollte das eigentlich nicht mehr mitmachen, aber wenn sie es in den Wald schafften, dann wären sie in Sicherheit.

Erleichtert atmete er auf, als er die Baumgrenze erreichte. Er suchte sich geschickt einen Weg durch das Dickicht und kam so gut voran, dass er wieder Mut schöpfte. Er würde jetzt einfach so lange gehen, bis er gar nicht mehr konnte. Je näher er dem Dorf kam, in dessen Gasthaus Askil auf ihn wartete, desto besser.

*

Er hörte das Surren, konnte aber nicht mehr schnell genug ausweichen. Er spürte den Schmerz im Bein, dann knickte er auch schon ein und überschlug sich zusammen mit dem anderen Elfen. Ein Baum stoppte seinen Sturz. Fahrig tastete er nach seinem Bein, in dem ein schlanker schwarzer Pfeil steckte.

"Na was haben wir denn hier? Einen Dieb, der einen Dieb stiehlt. Das sieht man auch nicht oft."
Adyar blickte auf. Ein Dunkelelf! Natürlich, der brauchte kein Licht. Und wie es so die Art dieser verdorbenen Rasse war, hatte er sich bestimmt einen Spaß aus ihrer Jagd gemacht.

"Ich bin überrascht, noch einen Nebelelfen hier zu sehen. Traut ihr euch endlich aus euren Verstecken heraus?"
"Das kann dir doch egal sein", schnaubte Adyar.
"Das stimmt. Und es ist mir auch egal. Nur mein Herr wünscht sich so gerne einen Nebelelfen. Wobei der dort bald hinüber ist", deutete er abfällig auf Liran. "Außerdem war er langweilig. Er hat einfach alles mit sich machen lassen. Aber du siehst noch so einigermaßen lebendig aus und vor allem sehr widerspenstig. Lord Korskov mag widerspenstiges Spielzeug. - HEY, WACHEN! HIER SIND DIE DIEBE!"

Jetzt bemerkte Adyar auch die Fackeln, die sich näherten. Verdammt. Sie waren so gut von der Burg weggekommen. Wenn nur der Dunkelelf nicht gewesen wäre. Aber kampflos gab Adyar nicht auf. Während der Nebelelf zu den Wachen blickte, griff Adyar sich ins Haar und zog die als Schmuckstücke getarnten Wurfnadeln hervor.

"Da! Nehmt den dort für Lord Korskov mit, den anderen lasst liegen, aber versichert euch, dass er tot ist", gab der Dunkelelf Anweisungen. Es waren sieben oder acht Männer, die herankamen. Sie sahen grobschlächtig und niederträchtig aus. Alles Gesindel, was hervorragend zum Lord passte. Was vor allem alles machte, was ihnen aufgetragen wurde, wenn nur die Bezahlung stimmte.

Zwei näherten sich ihm. Mit letzter Kraft holte Adyar noch einmal alles an Magie aus sich heraus, was er hatte, verdichtete die Nebel um sich wie dicke Watte und warf seine Nadeln. Noch in derselben Bewegung griff er zu seinem Stiefel, zog dort zwei schmale Messer heraus. Eines warf er auf den Mann, der Liran gerade das Schwert ins Herz rammen wollte, das andere lenkte er zu dem Dunkelelfen. Noch beim Werfen sah er diesen durch den Nebel auf sich zu wirbeln, den Bogen zu einem kräftigen Schlag ausgeholt. Adyars Messer streifte die dunkle Haut des finsteren Elfen an der Wange, verlor sich aber dann im Nebel. Der derbe Hieb traf Adyar genau auf seine verletzte Schulter. Der Schmerz raubte ihm fast die Sinne und seine Magie erlosch sofort.

Im Schein der Fackeln lagen drei tote Männer. Adyar hatte zielgenau zwischen die Augen getroffen. Die anderen sahen ungläubig zu ihren Kameraden, wichen einige Schritte zurück.
"Du verdammter Bastard. Mich zu verletzen! Das wirst du noch bezahlen", zischte der Dunkelelf Adyar zu. "Und ihr Feiglinge macht endlich. Ihr werdet doch gegen einen einzelnen Elfen ankommen…!", schrie er weiter und zögerlich näherten sich die ersten Männer wieder.

Es wurde kalt.

Mit einem Schlag wehte ein eisiger Wind über sie hinweg und ein tiefes Brüllen hallte durch den Wald. Der Nebel gefror in der Luft zu kleinen schwebenden Eiskristallen. Er sah die Angst der Männer und sogar der Dunkelelf schaute sich besorgt um.
"Bist du das?!", fauchte er Adyar an.
"Nein. Wenn ich das wäre, würdest du vielleicht eine Überlebenschance haben. Aber so…" Adyar lachte und handelte sich damit einen Tritt gegen sein angeschossenes Bein ein. Aber das war es ihm Wert gewesen.

Ein Schnaufen war zu hören und schwere treibende Schritte, die sich mit rasanter Geschwindigkeit näherten. Kleine Bäume und Äste knickten um, es krachte und die Erde erbebte. Und im Schein der Fackeln brach aus dem dunklen vernebelten kalten Wald ein weißes Ungeheuer hervor.

Die Männer schrien vor Angst auf, der erste auch vor Schmerz. Eine riesige Pranke fetzte durch seinen Leib und riss ihn in zwei Stücke. Die anderen reagierten vergleichsweise schnell: sie rannten davon. Einen fing sich der Eisbär noch. Mit einem gezielten Schlag zog er ihm die Beine unter dem Körper weg. Der Mann fiel und sah nur noch eine Tatze auf sich zukommen. Es knirschte, als der Kopf zermalmt wurde. Adyar wendete sich ab. Sowas musste er sich nicht noch mit ansehen.

Die letzten zwei Männer ließ der Bär laufen; er brüllte ihnen noch warnend hinterher, doch das brauchte er nicht. Die würden sich nicht mehr blicken lassen, aber in der nächsten Kneipe von einem weißen Ungeheuer erzählen, dass mit dem Eis kam.

Ein Pfeil, der ihn in seiner Schulter traf, brachte die Aufmerksamkeit zurück zu Adyar und dem Dunkelelfen. Mit einer lässigen Bewegung streifte der Bär sich den Pfeil aus dem dichten Fell, wo er ohne Schaden stecken geblieben war und nahm den Dunkelelfen ins Visier. Die blauen Augen loderten auf, die Temperatur senkte sich noch um ein paar Grade.

"Ich warne dich. Keinen Schritt näher", erklärte der Dunkelelf mit überraschend fester Stimme und hatte einen Silberdolch in der Hand. Wollte er damit auf den Eisbären los? Nein. Adyar hatte die Klinge im nächsten Moment an der Kehle. Die andere Hand drückte harsch auf seine kaputte Schulter. Er kniff die Augen zusammen und schrie leise auf. So langsam tat ihm einfach nur noch alles weh.

Tatsächlich blieb der Eisbär stehen, fauchte und knurrte böse.
"Wie niedlich", lachte der Dunkelelf. "Wer hätte gedacht, dass Adyar Schattenläufer und Askil Eissturm jetzt gemeinsame Sache machen. Ich hätte mehr von dir erwartet Askil. Das du dich mit so einem Schwächling einlässt! Sieh ihn dir doch an, wie erbärmlich er ist. - Was hältst du von einer neuen Partnerschaft? Ich bin ein ausgezeichneter Kämpfer und scheue mich nicht vor notwendigen Dingen. Er hier…" dabei stieß er Adyar wieder fest an die Schulter. "… kann ja noch nicht einmal hinschauen, geschweige denn Schmerzen ertragen."

Der Bär brüllte erbost auf und kam einen Schritt näher.
"Stopp! Nicht näher", rief der Dunkelelf und drückte die Klinge weiter in Adyars Haut. Er spürte den Stich und fühlte gleich warmes Blut fließen.

Es war dieser Moment, als etwas Leichtes auf die Schulter des Dunkelelfen sprang, ihn mit aller Kraft ins Ohr biss und sofort weiter sprang. Ein buschiger Schwanz verschwand gleich den nächsten Baum hinauf und aus sicherer Entfernung schimpfte Rikou böse auf den Dunkelelfen herab.
"Was…!" Es war nur ein kurzer Augenblick, den der Dunkelelf abgelenkt war, doch er reichte. Adyar schubste den Dunkelelfen mit seiner kaputten Schulter. Es tat weh, brachte aber den anderen aus dem Gleichgewicht. Der versuchte nicht zu fallen, hob den Arm mit dem Dolch, um die Balance wiederzufinden.

Der Eisbär war mit einem gewaltigen Satz heran, öffnete sein Maul und schnappte nach dem Arm, der sich ihm gerade so gut darbot. Ein einziger Biss und der Dunkelelf konnte beweisen, wie gut er selbst Schmerzen ertrug! Er schrie auf, hielt sich den Armstumpf und schaute geschockt und panisch zu dem Eisbären auf, der schnaufend und brummend langsam näher kam. Dabei wandelte er sich soweit in seine Halbform, dass er sprechen konnte.

"Lauf! Oder ich fresse auch den Rest von dir", knurrte er. Der Dunkelelf sprang trotz seiner Verletzung eilig auf und lief tatsächlich sofort davon.
"Das werde ich euch nicht vergessen. Eines Tages begegnen wir uns wieder!", schrie er, als er schon im Nebel und hinter Bäumen verschwunden war. Sofort schwand die Kälte um sie herum.

"Askil", flüsterte Adyar leise und streckte die gesunde Hand nach seinem Bären aus. "Wir müssen schnell zu einem Heiler. Liran geht es nicht gut", bat er um Hilfe.
"Liran geht es nicht gut? Du bist wohl dagegen der blühende Frühling, oder was? Verdammt, was machst du denn nur für Sachen, kleiner Elf", schimpfte Askil brummig und besorgt.

"Du hast ja Recht", schluchzte Adyar leise auf. Auch eine Schwäche von ihm. Er weinte oft. Vor allem, wenn Askil in der Nähe war. Doch es war die Erleichterung, dass er es geschafft hatte. Dass Askil hier war und nun alles gut werden würde. Die Anspannung verließ ihn und damit auch seine übrige Kraft. Er fühlte nur noch Askils große Pranke an seiner Wange, dann wurde es still und dunkel um ihn herum.

 


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