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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Die goldene Fibel - Teil 1"


Adyar hangelte sich in der Sicherheit der mondlosen Nacht eine niedrige Mauer hinauf ohne von den beiden patrouillierenden Wachen bemerkt zu werden und von dort über zwei Bäume, die mit ihren ausladenden dicken Ästen eine sehr bequeme Leiter für den Nebelelfen bildeten, den breiten runden und hohen Turm hinauf, der das Schlafgemach von Lord Korskov, des hiesigen Grafen, beherbergte und Adyars heutiges Ziel war.

Sein Auftrag war diesmal kein einzelner magischer Edelstein, aber ein anderes wertvolles Schmuckstück. Die mit Rubinen reich bestückte goldene Fibel gehörte Lord Vincent, dem Herrn der nächsten Grafschaft, und war vor über zwei Wochen von Lord Korskov gestohlen wurden. Wer der Dieb war, hatte Lord Vincents persönlicher Spion dem Grafen in einer zerrissenen und blutigen Notiz mitgeteilt. Seitdem war jedoch von dem Spion nichts mehr gehört worden.

Das Schmuckstück war nicht nur ein sehr hübsches und wertvolles Stück, das Besondere war seine Herkunft. Es war nämlich ein Geschenk des Königs gewesen. In wenigen Tagen fand ein Ball beim König zur offiziellen Verlobung der Prinzessin statt und wenn Vincent dann nicht dieses Geschenk tragen würde, wäre seine Verlobung mit der Prinzessin hinfällig. Schlimmer noch, der König würde dies als persönliche Beleidigung auffassen und die Freundschaft zwischen König und dem Grafen würde brechen. Vincent sorgte sich um seine persönliche Zukunft und die Zukunft der Menschen, die in seiner kleinen Grafschaft bisher friedlich lebten.

Es hing also eine Menge vom Erfolg seines Raubzugs heute Nacht ab. Darüber war sich Adyar sehr wohl bewusst. Um die Burg des feindlichen Grafen also erfolgreich zu beschleichen, hatte er sich einige Tage Zeit genommen, um sich mit der Burg vertraut zu machen. Er wollte sicher sein, die Burganlage, seine Nebengebäude und sämtliche sicht- und unsichtbaren Wege zu kennen. Und wieder einmal hatte sich gezeigt, dass der Weg direkt die Mauer hinauf der kürzeste und sicherste war.

Außerdem hatte er auf eine optimale Nacht gewartet. Die war für ihn gekommen, als schon am frühen Abend nach tagelangen Regen dichter Nebel aufzog und dicke Wolken den hellen Mond verdeckten. Es war eine ungemütliche feuchte Nacht, in der ungern die Leute hinausgingen. Sogar die Wachen hielten ihre Runden kürzer und ihre Pausen in der warmen trockenen Wachstube länger.

Um nicht vom nassen Stein abzurutschen, trug Adyar Handschuhe mit integrierten kleine Eisenkrallen. Er nahm sich die Zeit, sie in die Steinfugen ordentlich zu verhaken, dann daran hochzuziehen, dann erst die andere Kralle zu lösen und wieder sicher einzuhaken. So brauchte er zwar ein wenig länger, aber er hatte ja Zeit. Nichts hetzte ihn. Die Nacht war noch lang und der Herr des Hauses war ausgiebig am Feiern im großen Festsaal. Der Lord feierte oft und gern und lang. Selten verließ er dann den Saal vor dem Morgengrauen.

Adyar zog sich den letzten Meter lautlos hoch, dann hatte er das bunte doppelseitige Bleiglasfenster erreicht. Er zog eine Haarnadel aus seinem Dutt. Es war ein kompliziertes Schloss und ein Dieb mit weniger Erfahrung hätte das nicht geknackt. Adyar brauchte länger als gewöhnlich und war erleichtert, als er es endlich leise Klicken hörte. Zu seinem Glück ließ sich das Fenster ohne Geräusche aufschieben. Noch bevor er sich durch die Öffnung zog, hüpfte Rikou von seiner Schulter, wo sich das kleine Eichhörnchen bis eben an einer losen Haarsträhne gut festgehalten hatte, und wuselte in das dunkle Zimmer hinein.

Eigentlich war es ja Askils Eichhörnchen, doch seit Neuestem begleitete Rikou den Nebelelfen auf seinen Beutezügen. Sie waren schon ein richtig gut eingespieltes Team: Rikou prüfte die Zimmer, Gänge und Wege stets nach Menschen, und machte Adyar sofort darauf aufmerksam, indem er ihn sachte ins Ohr zwickte. Das wollte sich das Eichhörnchen wohl nicht nehmen lassen, doch es war effektiv, da lautlos und eindeutig. Adyar dagegen war immer auf der Suche nach feinen Dingen, die das Eichhörnchen futtern konnte. Die Reichen besaßen nicht nur viel Gold und teures Glitzerzeug, sondern auch ungewöhnliche Nüsse und Früchte aus fernen Ländern. Man musste manchmal schon lachen, wenn ein vollgefressenes Eichhörnchen den kugelrunden Bauch in die Höhe reckte und sich nicht mehr bewegen konnte.

Aber heute war Rikou topfit und hatte den Raum schon einmal geprüft, bevor Adyar nach innen geklettert war. Er erspähte mit seiner besseren Elfensicht ein kleines rundes Zimmer, das mit einem schweren Vorhang vom nächsten Raum abgeschirmt war. Wie er wusste, war dort das eigentliche große und prunkvolle Schlafgemach. Doch erst einmal würde er sich in diesem kleinen Zimmer umschauen. Vielleicht fand er seine Beute gleich hier.

Zu allererst nahm er aber seine Eisenkrallen ab und verstaute sie sicher in seinem kleinen Beutel auf dem Rücken. Er wollte nichts aus Versehen kaputt machen. Ziel war es, keine Spuren zu hinterlassen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Also musste er mit Sorgfalt vorgehen.

Er begann den breiten Tisch abzusuchen. Überall lagen Schriftsachen herum, dazwischen lagen geografische Karten. Eine offene Schatulle mit Goldstücken glitzerte ihm verführerisch entgegen, aber Lord Vincent hatte ihn gebeten, nichts anderes zu stehlen, als was ihm ohnehin gehörte.

Adyar seufzte. Es wäre so eine einfache Beute. Nun ja. Er konnte hier ja immer wieder erneut vorbeikommen. Er schaute weiter und entdeckte unter einigen Papieren einen schwarzen Samtstoff hervorlugen. Vorsichtig schob er Briefe beiseite und zog den Stoff hervor. Es war ein kleiner Beutel und kaum hatte er ihn geöffnet rutschte ihm ein leises "Ah" heraus. Das war ja das gesuchte Schmuckstück. Sofort verstaute er es sicher in einer ledernen Gürteltasche, wo es ihm auf keinen Fall verloren gehen konnte.

Das war ja einfach! Da konnte er ja gleich wieder verschwinden. Er wendete sich dem Fenster zu, als er Rikou vermisste. Wo war das kleine Pelztier? Er schnalzte mit der Zunge, doch Rikou kam nicht. Adyar knurrte leise. Wo wuselte der Nager herum? Seine spitzen Ohren stellten sich gerade auf, damit er besser lauschen konnte. Ganz leise hörte er das leichte Trippeln von Rikous Pfötchen. Das kam von nebenan.

Er schlich auf den hohen Vorhang zu und spitzte vorsichtig dahinter. Es war dunkel. Nichts rührte sich. Vor ihm lag ein reich möbliertes Zimmer, das von dem pompösen Himmelbett mit Seidenlaken dominiert wurde. Es entsprach ganz dem Stil des Lords, der seinen Reichtum gerne zeigte und mit dem prahlte, was er hatte, selbst wenn es den anderen Menschen in seiner Grafschaft nicht gut ging. Das hatte er bei seinen Nachforschungen herausgefunden. Lord Korskov wurde Adyar immer unangenehmer. Wie sehr sich doch Lord Vincent von Lord Korskov unterschied, obwohl sie doch direkte Nachbarn waren und dem gleichen König dienten. Adyar beschloss soeben, definitiv hier noch einmal einzusteigen und reichlich Beute zu schlagen.

Und wo war nun Rikou? Ah, dort drüben! Das Eichhörnchen saß vor einem weiteren Vorhang. Dieser war nicht ganz so prachtvoll und sehr viel schmaler. Aus seinen Erkundigungen wusste Adyar, dass sich dort das haymlich gemach befand; ein kleiner Toilettenerker. Rikou entdeckte ihn und flitzte auf ihn zu, hangelte sich an ihm hinauf und zwickte ihn ins Ohr. Diesmal recht nachdrücklich.
"Au", murrte Adyar und rieb sich sein Ohr. Manchmal glaubte er, dass Rikou kein normales Eichhörnchen war, sondern ein Vampir-Hörnchen. Wie oft hatte er nun schon sein Blut gefordert…
"Was gibt es denn da so Wichtiges?"
Rikou stupste ihn mit seiner kleinen Nase an und fiepte leise.
"Schon gut, ich schaue ja nach", lenkte Adyar ein, auch wenn ihm das nicht geheuer war. Es gab kein Licht im Zimmer oder im Erker, daher war kein Mensch hier zu vermuten. Ein anderer Dieb? Da hätte Rikou ihn gewarnt und wäre schnurstracks zum Fenster geflitzt, um sich in Sicherheit zu bringen. Es musste etwas anderes sein.

Adyar schlich sich erst zur Turmtür und lauschte, doch auf dem Gang und den Treppen davor war alles still. So näherte er sich dem Erker.

Das erste, was er mit seiner feinen Nase wahrnahm, war der Geruch nach Exkrementen. An sich für diese Örtlichkeit nichts Unerwartetes, aber nicht in dieser Intensität. Dann mischte sich Blut und säuerlicher Angstschweiß dazu. Adyar trieb es die Galle hoch und er musste würgend schlucken. Wollte er wirklich wissen, was sich hinter diesem Vorhang verbarg? In seinem Kopf formten sich Bilder gräulicher Abscheulichkeiten.

Rikou fiepte und trippelte aufgeregt mit den Pfötchen auf seiner Schulter. Zumindest drohte Adyar kein Hinterhalt, sonst hätte Rikou ihn dahingehend schon gewarnt. Das Eichhörnchen hatte einen extrem geschärften Sinn für Gefahr und böswillige Absichten.

Adyar zögerte, dann streckte er die Hand nach dem Vorhang aus, zögerte wieder. Ungeduldig zwackte ihn Rikou noch einmal ins Ohr.
"Schon gut!", schimpfte Adyar und zog den Vorhang endlich ruppig zur Seite.

Es war schlimmer, als er es sich hätte vorstellen können. Sein rebellierender Magen ließ sich nun nicht mehr beruhigen und mit einem schnellen Satz sprang er zur Seite. Es war eine ganze Menge, was er ausspuckte, aber am Anblick, das sich ihm da bot, änderte es nichts.

Er atmete tief durch. Ekel hin oder her, ihm ging es nicht so schlecht wie dem Wesen, das dort angekettet direkt neben dem Abort an der Wand hing.

Adyar war sich eigentlich gar nicht sicher, ob der Mensch überhaupt noch lebte. Der dunkle Körper war fest an die kalten Steine gefesselt, ohne jegliche Kleidung. Dafür stand der Mann in seinem eigenen Dreck. Der Körper selbst war völlig verschmutzt und blutige Striemen zeigten deutlich die Spuren von Peitschenhieben. Der ganze Körper war so sehr ausgemergelt, dass Adyar kaum glauben konnte, hier einen Lebenden vor sich zu haben. Aber der Geruch von Verwesung war nicht vorhanden.

Adyar schreckte zusammen, als sich der Körper plötzlich regte. Wahrscheinlich spürte der andere seine Anwesenheit. Es war aber nur ein leises Röcheln; die Ketten rasselten. Das verfilzte lange Haar rutschte etwas nach vorn und jetzt entdeckte Adyar ein langes spitzes Ohr, das genauso wie seine mit Silberringen verziert war.

Ein Nebelelf!

Das war das ausschlaggebende Argument.

Er nahm Rikou von seiner Schulter und setzte ihn an der Tür ab.
"Pass auf, ob jemand kommt, Pelztier. Ich kümmere mich derweilen um deinen Fund", erklärte er dem Eichhörnchen, welches sich auch gleich artig an die Tür hockte und auf etwaige ungebetene Gäste lauerte.

Dann holte Adyar noch einmal tief Luft und entdeckte auf einer Anrichte einen Krug und Trinkbecher. Er eilte hinüber, schnupperte und goss sich großzügig vom Wein ein. Zur Beruhigung trank er selbst einen Schluck, dann ging er damit zu dem anderen Elf.

Bevor er ihn berührte, sprach er ihn an und zwar in ihrer Sprache. Der vertraute Klang der Worte lockte tatsächlich eine weitere Regung aus dem gefesselten Elfen hervor, auch wenn es nur ein leichtes Zucken des Ohres war. Vorsichtig berührte er das kantige Gesicht und hob es sachte an. Der andere stöhnte. Adyar verstand sehr gut, dass jegliche Bewegung dem Elfen schmerzen musste, wenn er wirklich schon seit über zwei Wochen hier war. Denn es war ihm wohl bewusst, dass er soeben Lord Vincents vermissten Spion gefunden hatte. Der Lord hatte nur nicht erwähnt, dass er einen der seltenen Nebelelfen in seinen Diensten stehen hatte.

Langsam gab Adyar dem Elfen ein wenig Wein und spürte dabei die heiße fiebrige Haut. Es ging nicht ohne Komplikationen. Der andere verschluckte sich, hustete und stöhnte gequält auf. Adyar ließ ihm ein wenig Ruhe, dann gab er ihm noch einmal etwas zu trinken. Diesmal klappte es schon besser. Es tat der ausgetrockneten Kehle bestimmt sehr wohl und außerdem würde der Alkohol den Körper ein wenig betäuben. Das war gut, denn Adyar hatte nicht vor, ihn hier zu lassen. Wie er ihn allerdings herausbringen würde, wusste er noch nicht.

Dann füllte Adyar noch einmal den Becher mit Wein voll und erst, als er alles dem anderen Elfen eingeflößt hatte, gab er sich zufrieden. Die Schellen aufzuknacken war für Adyar kein Problem, viel mehr aber, den Körper aufzufangen, der ihm haltlos entgegen sackte. Adyar war nicht gerade schwach, aber einen anderen Körper seiner eigenen Größe zu tragen, war nicht ganz ohne. Sein Bär hätte damit keine Probleme. Der schleppte bewusstlose Nebelelfen auch gerne mal eine Woche lang über die Schulter geworfen durch die Gegend herum.

Außerdem versuchte Adyar, nicht in den ganzen Unrat zu treten. Doch wohin nun mit dem Elf? Kurzerhand hievte er ihn hinüber zum Bett. Es widersprach zwar ganz seinem reinlichen Wesen, doch was interessierte ihn das Bett dieses miesen Lords? Wenigstens schien der augenscheinlich selbst Wert auf ein sauberes Äußeres zu legen. Immerhin stand gleich neben dem Bett eine gefüllte Waschschüssel und sogar ein kleines Stück Seife lag daneben. Er griff sich ein Stück Stoff, erkannte, dass es das Nachtgewand des Lords sein musste, und benutzte es böse grinsend als Waschtuch. Es war nur eine grobe Reinigung, die der andere Elf wortlos über sich ergehen ließ. Gewiss war er ohne Bewusstsein nach dieser plötzlichen Bewegung.

Nach wenigen Minuten hatte Adyar den Elfen zumindest soweit sauber, dass man nicht gleich wieder Übelkeit verspürte. Auch wenn Adyar dabei noch ganz andere Spuren entdeckt hatte, über die er lieber nicht näher nachdenken wollte. Er kramte sich durch den riesigen Kleiderschrank des Lords und angelte eine feste Stoffhose und ein warmes Hemd hervor. Ansonsten nahm er noch einen dunklen Umhang mit. Der Elf ließ sich willenlos die Kleidung anziehen. Doch als Adyar ihn mit einem entschlossenen "und auf!" auf die Füße ziehen wollte, krallte er sich plötzlich in seinem Arm fest. "Brief", krächzte er mit rauer Stimme. "Ein Brief? Wo?", fragte Adyar. Der Elf schaute mit unstetem Blick durch das Zimmer bis er an einem Stück Wand hängen blieb. Adyar schaute auf rauen Stein. Alles sah ganz normal aus. Aber der andere war ein Nebelelf. Nebelelfen hatten Verstecke gerne. Adyar musste ein wenig grinsen. Eine Eigenschaft, die sie mit den Eichhörnchen teilten.

Adyar strich vorsichtig mit den Fingern die Wand entlang. Da! Da war was! Eine der Steine schien nicht so fest wie die anderen. Mit spitzen Fingern ruckelte er weiter an dem Stein, bis er sich aus der Wand löste. Dahinter, in einer schmale Mulde, war ein zerknitterte Briefumschlag, der an Lord Korskov adressiert war. Er nahm ihn heraus, fischte einen beschriebenen Bogen aus dem Umschlag und las. Adyar bekam große Augen. Zuerst war dort geschrieben, dass der Diebstahl des geforderten Schmuckstücks erfolgreich war. Dann ging es weiter mit einer kurzen Bestätigung zum Mord an dem "Adligen".

Das war ja allerhand, was dort stand. Eine großangelegte Intrige. Und Adyar wusste nicht genau, wer der "Adlige" war. War da noch immer die Rede von Lord Vincent? Ging es um einen anderen Grafen? Oder ging es schon um den König?

Rikou fiepte!

Oh verdammt! Es kam jemand…

 


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Teil 2