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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Die Sonnenträne - Teil 2"


*

Helles Licht, Vogelgezwitscher und ein leichter Wind weckten Adyar. Er wollte nicht wach werden. Leben hatte nun keinen Sinn mehr für ihn. Seine Seele war zerrissen, sein Wesen damit zerstört. Seine Leidenschaften dahin. Nichts war wichtig. Er hatte Nebelelfen in ähnlichem Zustand erlebt. Es waren Elfen, deren Lebenspartner verstorben waren, mit dem sie ihre Seelensteine getauscht hatten. Aber selbst diese hatten noch mehr Lebenskraft als Adyar, hatten sie doch den anderen Teil des Seelensteins ihres Partners in sich.

Adyar hatte nichts mehr…

Neben ihm fiepte es und etwas Kleines schnupperte an seinem Ohr. Unwirsch schob er das Pelztier weg. Doch das ließ sich nicht beirren, kam zurück, schnupperte mit der kleinen Nase in Adyars Gesicht und begann dann, auf ihm herumzuturnen.

Wenn das dieses kleine Mistviech war, das ihn nachts ins Ohr gebissen hatte, dann konnte das aber was erleben. Schließlich war das an seiner Misere schuld. Er sprang auf, stieß sich den Kopf und sackte auf alle Viere wieder zusammen. Dann rieb er sich den Kopf. Das gab bestimmt eine Beule. Wer legte auch einen Ast so niedrig da hin?

Er blickte sich um und entdeckte, dass er in einem einfachen Zelt lag. Über einen stabilen Ast war eine wettertaugliche Stoffbahn gelegt und an den vier Ecken in der Erde fest gesichert. Hinten und vorne war das Zelt offen. An einer Seite lagen diverse Kleidung, Beutel und Waffen. Wie Adyar feststellen musste, auch all sein eigenes Zeug. Er selbst war nackt und seine langen Haare offen, die wirr herunterhingen. Das eigentliche Schlaflager aber war mit Decken und Fellen sehr gemütlich gestaltet. Adyar hatte unter einem weichen weißen Fell gelegen, dass ihm reichlich bekannt vorkam.

Es duftete nach dem Krieger und Adyar schob unbedacht seine Nase tiefer in das weiche Fell. Da fiepte es wieder und vor ihm am Eingang des Zeltes saß das kleine Eichhörnchen. "Du…", knirschte Adyar hervor und hechtete nach vorn, um das Tier zu fangen. Doch es war einfach zu schnell davon. Dafür blickte Adyar jetzt endlich nach draußen.

Das erste, was er sah, war ein riesiges Breitschwert, das sofort greifbar neben dem Eingang in der Erde steckte. Dann schaute er weiter und erblickte einen von Wald umgebenen See. Er glitzerte friedlich in der Sonne. An den Rändern stand Schilfgras und Enten schwammen auf dem Wasser. Auf der Wiese drum herum blühten Blumen in all ihren Farben. Überall schwirrten und summten Insekten umher: Schmetterling, Bienen, Libellen. Kleine Vögelchen hüpften im Gras oder flogen aufgeregt umher.

Und da vorne lag ein riesiger Eisbär in der Sonne, brummte zufrieden und stupste vorsichtig einen frechen Vogel an, der vor ihm hin- und herhüpfte. Andere kleine Tiere turnten auf dem großen Tier herum. Genau wie das bissige Eichhörnchen. Das erkletterte gerade den breiten Kopf und fiepte aufgeregt in eines der Ohren.

Sofort blickte der Eisbär auf und schaute zum Zelt hinüber, erhob sich langsam, dass die Tiere noch sicher von seinem Rücken springen konnten, und ging langsam auf Adyar zu. Adyar wusste genau, wen er da vor sich hatte. Nicht nur dass er diese blauen Augen wieder erkannte, nein - er spürte es regelrecht, was ihn noch mehr verwunderte.

Der Bär kam näher und nur wenig vor Adyar entfernt wandelte sich das Tier. Es wurde höher, richtete sich auf und wurde menschlicher. Jetzt sah er dem Krieger schon ähnlich, obwohl noch immer ein weißes Fell den gesamten Körper bedeckte und die Hände und Füße eher riesigen Tatzen mit enorm langen Krallen glichen. Die Ohren waren noch bärenrund.

Adyar starrte den Bärenmensch an und wartete, dass dieser sich ganz in einen Menschen wandelte. Doch dieser lachte nur brummig.
"Was ist, kleiner Dieb? Willst du mich wirklich ganz und gar nackt sehen?"
Adyar wurde schlagartig dunkel im Gesicht, das konnte er genau spüren. Wie konnte der andere in solch einer Situation noch Scherze reißen? Das kleine pelzige Tier saß auch schon wieder bei ihm am Zelt und schnatterte begeistert.
"Was soll das alles?", fauchte er den Bär an.

"Was denn alles?"
"Na alles eben! Das hier. Warum bin ich hier? Wo sind wir eigentlich? Warum lebe ich noch? Warum bist du ein Eisbär? Und warum verdammt nochmal nervt mich dein Eichhörnchen die ganze Zeit? Und vor allem - warum fühle ich meine Seele in dir?! Warum bin ich nicht zerrissen?" Das waren die drängendsten Fragen, die Adyar hatte. Neben tausend anderen.

"So viele Fragen auf einmal", lachte der Bär. Adyar schaute mürrisch und zweifelnd. Der Krieger war heute so anders als mitten in der Nacht. Er hatte keine Angst mehr vor ihm und man konnte behaupten, er wäre regelrecht nett. Auch wenn er ihn wohl gerne etwas hinhielt.

Der große Krieger setzte sich einfach vor das Zelt, blickte auf den See und begann zu sprechen.
"Ich denke, wir sollten uns zuerst vorstellen. Mein Name ist Askil und wenn du mich und die Königin bereits im Turm belauscht hast, hast du ihn dort auch schon gehört. Mich wundert es nur, dass du mich damit noch immer nicht erkannt hast."
"Ich kenne keinen Askil", antwortete Adyar nur und kroch noch etwas weiter aus dem Zelt hervor, nahm aber das weiße Fell mit sich, denn ihm war kühl, so ganz ohne seine Kleidung. Sich ins Fell einkuschelnd, setzte er sich mit einem gewissen Abstand neben Askil.

"Ich heiße Askil Tyrfang. Sagt dir das noch immer nichts?" Askil betonte das auf so seltsame Art, dass Adyar jetzt wirklich ins Grübeln kam. Askil Tyrfang: ein nordischer Name. Ein Krieger. Ein Gestaltwandler. Ein Eisbär… aus einer dunklen Ecke seiner Erinnerungen kroch langsam etwas hervor. Was hatte er denn alles in den Tavernen gehört? Ein riesiger Krieger, der zum Berserker werden konnte. Der wie ein wildes Tier wüten konnte - Nein. Der ein wütendes Tier war! Mit Eismagie sogar.
"Eissturm!", rief Adyar aus. "Du bist der berühmte Söldner, den man "Eissturm" nennt."
"Na endlich", lachte Askil nun. "Das hat ja doch gedauert."
"Woher sollte ich das denn wissen? Ich bin dir noch nie begegnet…", verteidigte sich Adyar. "Immerhin weißt du auch nicht, wer ich bin."
"Wenn du dich da mal nicht täuschst, kleiner Elf. Ich wusste schon seit dem Schloss, dass ich von Schattenläufer verfolgt wurde." Adyar schaute ihn groß an. Das gab es doch nicht. Der Bär wusste tatsächlich, wer er war.

"Ich wusste nur nicht, dass Schattenläufer ein Nebelelf ist und so ein junger noch dazu", brummte er gutmütig.
Adyar blinzelte, schnappte nach Luft und rutschte näher.
"Was heißt hier jung! Ich bin schon erwachsen!", stellte er klar.
"Ja. Sicher. Zwanzig? Zweiundzwanzig? Was ist das schon? Vor allem in der Welt der Elfen", tätschelte Askil dem aufgebrachten Elfen den Kopf.
"Neunzehn", nuschelte Adyar leise vor sich hin und sackte in sich zusammen. Askil hatte ja Recht. Er war noch jung, eigentlich viel zu jung.
"Na komm. Lass dich nicht hängen. Du bist ein wirklich guter Dieb. Seit wenigen Jahren erzählt man sich deine famosen Streiche am Lagerfeuer. Ich hatte wirklich Spaß, deinen Diebeszug im Residenzschloss des Kaisers zu hören. Wie hast du es nur geschafft, sein liebstes Schlachtross zu entführen? Samt dem glamourösen Prunkharnisch für Mann und Ross?"
"Öhm. Tja…" Ne, das verriet Adyar nicht. Das war sein Geheimnis. Denn der ganze schwere Rüstungsplunder hatte das Schloss nie verlassen, sondern lag gut versteckt in einem Geheimtunnel, den er bei seinem Eindringen selbst erst entdeckt hatte. Mit dem Pferd hatte er einfach so davonreiten können. Zwar nachts und die Wächter waren aus unerfindlichen Gründen in dieser Nacht sehr schläfrig gewesen, aber das tat den Gerüchten ja keinen Abbruch.

"Ich habe dir wirklich erst geglaubt, als du deinen Seelenstein hervorzaubertest. Ich wusste sofort, was es war und wollte dich aufhalten, doch es war zu spät. Er machte sich irgendwie selbstständig. Und nun bist du hier", erklärte Askil noch den Rest.

Irgendwie erklärte das Adyar gar nichts. Dass sein Seelenstein nun in Askil war, bemerkte er auch so und dass sie "hier" waren, war ihm auch klar. Doch warum konnte er seinen Seelenstein noch spüren und wo war hier? Das fragte er auch Askil.

"Nun. Wir sind hier an dem wunderschönen Wolfenzahn-See in der Nähe des Wolfenzahnberges."
"Hier gibt es irgendwo einen Sonnentempel", wusste Adyar und blickte sich um. Tatsächlich waren hinter den Bäumen einige Berggipfel zu erkennen.
"Ja, ganz recht. Und bevor du weiter darüber nachdenkst: der Sonnenstein ist bereits sicher im Tempel verwahrt."
"Ach. Der Stein. Den habe ich schon seit dem Schloss aufgegeben… Aber das heißt ja, wir hätten mindestens sechs oder sieben Tage unterwegs sein müssen. Hast du mich den ganzen Weg geschleppt?" Ungläubig blickte Adyar den Bären an.
"Ja nun. Hätte ich dich dort im Wald liegen und sterben lassen sollen? Dir ist klar, dass die erste Zeit einer Seelenverbindung leicht zerreißbar ist? - Außerdem wiegst du eh kaum etwas." Askil blickte ihn mit buschigen hochgezogenen Brauen auffordernd an.

"Was denn für eine Seelenverbindung?", fragte Adyar völlig ungläubig. Immerhin beruhte eine Verbindung auf Gegenseitigkeit.
"Du bist ja wirklich naiver als ein Bärenjunges", brummte Askil und schob etwas rüde das Fell von Adyars Schulter. Es fiel noch weiter herab und Adyar konnte seine bloße Brust sehen - und erschrak! Was war das denn?! Auf seiner Haut prangte ein Narbenbild, dass er zuvor nicht bemerkt hatte. Es sah aus wie eine große Bärentatze.
"Was hast du getan?!" Das Entsetzen war aus seiner Stimme kaum herauszuhalten.
"Ich habe gar nichts getan", verteidigte Askil sich. "Mein Totemgeist hat sich dich als meinen Seelenpartner gewählt. Damit habe ich nicht das Geringste zu tun. Genauso könnte ich dich fragen, warum dein Seelenstein so zielstrebig auf mich zugesprungen kam, statt einfach nur zu verpuffen oder zu meiner großen Hoffnung wieder in dich zurück zu kehren. Dir ist klar, dass Seelensteine sehr eigen sind? Totemgeister haben die gleiche schlechte Angewohnheit. Es interessiert sie nicht, ob ich den anderen mag oder kenne. Ich wusste bisher nur nicht, dass sich diese beiden Arten miteinander verbinden können…", berichtete Askil.

Das war zuviel für Adyar. Schon wieder kamen Tränen. Er war gebunden - an diesen Kerl da. Auf Lebenszeit! "Ich will das nicht", schluchzte er.

Askil brummte nur wieder. Was sollte er dazu sagen? Auch er hatte diesen Gedanken ganz am Anfang. Aber er hatte schon eine Woche lang mit diesem Wissen und diesem Gefühl, nicht mehr allein zu sein, zugebracht. Er hatte hin- und herüberlegt, was man tun könne, um alles rückgängig zu machen.

Doch schlussendlich hatte er sich damit abgefunden, hatte sich gut um den bewusstlosen Nebelelfen gekümmert und sich bei den Mönchen des Sonnentempels noch einige Ratschläge geholt, nachdem er ordnungsgemäß die Sonnenträne abgegeben hatte. Die Mönche waren sehr hilfsbereit und trugen zudem gleichzeitig seine ungewöhnliche Verbindung in ein großes Buch ein, um dieses seltene Ereignis für die Nachwelt festzuhalten. Dabei hatte er erfahren, dass es bereits vor ihnen andere gegeben hatte, die so eine ungewöhnliche Verbindung eingegangen waren.

Er könnte das jetzt alles Adyar erzählen, doch der wollte im Moment von vergangenen Helden und Halbgöttern gewiss nichts hören…

Er nahm sich den Ratschlag des Tempelvorsehers zu Herzen: Trost. Er rückte näher an Adyar heran, nahm ihn einfach in die Arme und zog ihn in eine beschützende Umarmung. Sollte er weinen, solange er wollte. Askil hatte die nächsten Tage nichts vor…

*

Adyar hatte wirklich lange geweint. Selbst das kleine Eichhörnchen hatte versucht ihn zu trösten und sich nahe an ihn gekuschelt ohne ihn nervig zu beschnuppern oder gar ins Ohr zu beißen. Irgendwann hatte Adyar seine Umgebung wieder bewusster wahrgenommen und seine Finger hatten das weiche rot-braune Fell des Eichhörnchens gefunden. Er streichelte zärtlich hindurch und plötzlich war das Mistviech doch eigentlich ganz niedlich.

"Was machen wir denn jetzt?", fragte er in die Abendstille hinein, denn die Sonne senkte sich schon dem Horizont zu. Es war seltsam angenehm hier zu sein. Ihm wurde die Nähe zu dem Bären bewusst, lauschte auf die Geräusche um sich herum und das tiefe ruhige Atmen Askils. Alles fühlte sich warm und sicher an. Askil verbreitete eine Aura der Sicherheit. Als wüsste er genau, was zu tun wäre.

Askil brummte erst wieder und Adyar fühlte diesem Brummen nach. Das hatte ihm schon ganz am Anfang einen angenehmen Schauer über den Rücken gejagt. Hatte da sein Seelenstein schon gespürt, dass Askil derjenige Eine war?

"Wir gehen zurück zum Schloss. Ich muss der Königin berichten, dass der Sonnenstein in Sicherheit ist. Außerdem bringen wir ihr den Eiskristall zurück und wahrscheinlich hast du noch so einiges anderes mitgehen lassen. Ich will dir deinen Beruf nicht streitig machen, aber dich bitten, die Königin nicht wieder zu bestehlen. Sie ist mir Schutzbefohlene! Danach können wir machen, was wir wollen… Ich wollte demnächst mehr in den Süden. Sicher gibt es auch da reiche Beute für dich…", erklärte Askil sein weiteres Vorhaben.

"Das… das klingt nach einem Plan…", willigte Adyar ein, wenn auch noch zögerlich.
"Und jetzt essen wir und dann richten wir das Nachtlager", erklärte Askil weiter.
"Das klingt auch nach einem Plan. Und zwar einem guten." Die Aussicht auf etwas zu Essen, brachte Adyar auf neue Gedanken. Sein Magen hing arg durch. Bedachte man, dass er wohl die letzten Tage nichts gegessen hatte, war das auch kein Wunder.

Er schob sich etwas von Askil weg, der sich jetzt doch ganz in einen Menschen wandelte, als er aufstand. Und während Adyar rotschattig auf so viel pure Männlichkeit starrte, beugte sich Askil noch einmal zu ihm runter, strich aufreizend zart an seinem langen spitzen Ohr entlang und knurrte schließlich rau: "Und nach dem Essen, mein kleiner hübscher Nebelelf, bist du mir noch eine angebotene Nacht schuldig…"

Es jagte Adyar ungeahnte Schauer den Rücken hinunter und traf ihn wie eine kleine Explosion direkt in seiner Mitte.

Ende.

(25.07.2017)

 


Teil 1

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