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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Adyar Schattenläufer - Die Sonnenträne - Teil 1"


Adyar hangelte sich geschickt die Mauer entlang, nutzte dabei jeden kleinsten Vorsprung und jede noch so kleine Ritze zum Festhalten, und erklomm in der Sicherheit der dunklen Nacht den Burgturm. Nur noch zwei, drei Meter, dann hatte er auch schon das Fenster erreicht. Er schüttelte nur den Kopf, als er das fensterlose Gitter erblickte, das nur mit einem einfachen Schloss versehen war. Das hielt einen geschickten Dieb wie Adyar gewiss nicht auf, seiner Beute habhaft zu werden.

Er wollte sich gerade ans Schloss knacken machen, als er Stimmen hörte und sich die stabile Eingangstür im kleinen Raum öffnete. Licht einer Fackel oder einer Kerze drang herein und er duckte sich eilig, horchte, was passierte.

"Danke, Askil, dass du noch heute gekommen bist. Ich wollte es keinem anderen anvertrauen." Dies war die Stimme eines jungen Mädchens. Zur Antwort brummte es nur und Adyar ging dieser tiefe kaum menschliche Laut durch und durch. Es kribbelte auf seiner Haut und seine Härchen stellten sich auf.

Er lauschte neugierig weiter, hörte Schritte, Schlüssel klappern und Schranktüren sich öffnen und schließen. Jetzt wollte er aber doch wissen, um was es da genau ging. Vorsichtig lugte er über den gemauerten Fenstersims.

Der Raum wurde von einem großen Kerzenleuchter erhellt, sodass er alles da drinnen gut sehen konnte. Er erblickte das Mädchen. Sie war in feinste Seide gekleidet und ihre langen blonden Haare waren kunstvoll geflochten. Dazu trug sie eine kleine goldene Krone und da wusste Adyar auch, wen er vor sich hatte. Das war also die so berühmte mutige Kindkönigin dieses kleinen Landes.

Neben ihr stand ein riesiger Kerl. Seine Kleidung war robust und fest, schweres Leder mit Metallnieten verstärkt. Auf dem Rücken trug er ein Breitschwert, das genauso groß war, wie er selbst. Wo das hinschlug, wuchs nicht nur kein Gras mehr. Sehr auffällig waren die fast weißen wilden Haare, die kaum gebändigt werden konnten. Einige geflochtene Strähnen hielten ihm zumindest das Gesicht frei. Adyar sah sehr wohl, dass dies ein Krieger durch und durch war, aber er kannte ihn nicht.

Das Mädchen hielt ein kleines Kästchen in den Händen und hob soeben den Deckel an. Es leuchtete und glitzerte da heraus und mit einem sanften Lächeln schloss das Mädchen es gleich wieder.
"Die Sonnenträne", sagte sie leise. "Bitte Askil. Du musst die Träne sicher zum Tempel bringen. Es hängt das Schicksal aller davon ab", sprach sie eindringlich auf den großen Mann ein und reichte ihm dann den unscheinbaren Behälter.
Der Kerl brummte auch jetzt nur wieder und hielt die zerbrechliche Schatulle in seinen riesigen Pranken. Dann aber ließ er sich auf ein Knie herab und nahm eine Hand der kleinen Königin. "Mit meinem Leben werde ich diesen Schatz bewachen, bis er an seinem Bestimmungsort ist", schwor er und küsste den Siegelring am Finger des Mädchens.
"Ich habe nichts anderes von dir erwartet", antwortete sie ernst. Dann aber lachte sie plötzlich hell auf, gab ihm einen Kuss auf die Stirn, die sie auf Zehenspitzen gerade so erreichen konnte und nahm ihn dann einfach an der Hand.
"Ich vertraue dir. Und nun komm, gehen wir in die Küche und versorgen dich mit ordentlich Proviant. Meine Küchenchefin hat extra für dich einen Braten gemacht, sobald ich ihr erzählt hatte, dass du uns besuchen kämest."

Sie verließen den Raum und Adyar hing verdattert an seinem Fenstersims. Da war einfach so seine Beute weggeschnappt worden. Und zwar nicht von einem anderen Dieb, sondern von den rechtmäßigen Besitzern selbst. Sein Auftraggeber hatte ihm doch mehrmals versichert, dass der magische Edelstein - die Sonnenträne - erst nächste Woche weggebracht werden sollte. Nicht schon heute.

Er grummelte leise vor sich hin und beschloss, trotzdem das Zimmerchen einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Er zog sich wieder höher, angelte eine der silbernen Haarnadeln aus seinem geflochtenen Dutt und hatte damit in wenigen Sekunden das Schloss geöffnet. Lautlos schob er sich durch das geöffnete Gitter und durchsuchte den kleinen dunklen Raum. Er fand einige andere kleine Edelsteine, Schmuck und etwas Gold. In einem weiteren kleinen Kästchen entdeckte er einen blau-weißen Kristall in Form einer Schneeflocke. Das war etwas Besonderes. Adyar verstaute alles sicher in kleinen Beuteln an seinem Gürtel und dann machte er sich wieder davon…

*

Seit einer geraumen Weile schon verfolgte Adyar den großen Krieger. Er hatte versteckt am Burgtor auf ihn gewartet und tatsächlich kam er bald darauf. Seine Aufmachung hatte sich auffällig stark um ein Langschwert und mindestens zwei Dolche und eine kleine Wurfaxt am Gürtel erweitert. Das war jedenfalls das, was Adyar sehen konnte. Wer wusste schon, wo dieser erfahrene Kämpfer sonst noch Waffen versteckt hatte. Dazu trug er ein wärmendes weißes Fell als Mantel und hatte einen großen Proviantbeutel dabei. Er war zu fuß, kein Pferd oder Packesel war dabei.

Er hielt sich einige Zeit auf der großen Straße, wo ihnen zu dieser nächtlichen Stunde sowieso keiner begegnete, dann aber bog er plötzlich mitten in das Gebüsch nach rechts ab.

Adyar wusste nicht, was er davon halten sollte, doch war seine Neugierde einfach viel zu stark. Zu Beginn dachte er noch, er könne sich den Stein jetzt noch erbeuten, doch schnell hatte er dieses Vorhaben aufgegeben. Er war Dieb, kein Krieger oder gar Mörder. Sein Auftrag lautete, den Stein aus dem Turmzimmer zu stehlen. Da der Stein bei seiner Ankunft nicht mehr vor Ort gewesen war, war sein Auftrag damit erledigt. Pech für seinen Auftraggeber. Wenn dieser ihm falsche Informationen gab… Jetzt wollte er einfach nur noch diesen Mann näher kennenlernen. Irgendetwas zog ihn geradezu magisch an.

Also folgte Adyar dem Krieger ins Gebüsch und staunte nicht schlecht, als er auf einer kleinen Lichtung herauskam. Der Krieger stand still, hatte das Breitschwert griffbereit vor sich in der Erde stecken und blickte ihn genau an, obwohl Adyar sich in den Schatten verbarg, die er mit seiner Magie noch verdichtet hatte.
"Schluss jetzt mit dieser Scharade. Zeige dich!", forderte der Kerl mit seiner tiefen Stimme, die über die kleine Rodung donnerte.

Adyar dachte ja gar nicht daran und schlich lautlos um den Kerl herum.
"Meine Geduld ist begrenzt. Ich sage es ein letztes Mal. Zeige dich!" Er klang wirklich bedrohlich, doch Adyar hatte nicht vor, sich diesem riesigen Mann zu stellen. In direktem Kampf hätte er gewiss keine Chance. Er entschloss sich, zu verschwinden. So interessant dieser Mann auch war, Adyar war nicht lebensmüde. Er trat zurück ins Gebüsch, als es plötzlich neben ihm fiepte, etwas Pelziges auf seine Schulter sprang, ihm kräftig ins spitze Ohr biss und dann wie ein geölter Blitz davonflitzte.

"WAS?! Du kleines Mistviech…", rief Adyar und hechtete dem Tierchen mit langem Schwanz hinterher. Bis er schlagartig von einer Pranke aufgehalten wurde. Die riesige Faust des Kämpfers schloss sich fest um seinen Hals und hob ihn vom Boden, bis sie auf Augenhöhe waren.

Da hing Adyar nun, kämpfte um Luft und blickte in die eisig blau leuchtenden Augen dieses gefährlichen Mannes. Und auf der Schulter des Kriegers saß ein kleines Eichhörnchen und quiekte aufgebracht. Es klang fast, als beschimpfte es Adyar.

"Was haben wir denn hier? Dunkelelfengesindel!"
Adyar trat mit den Beinen, erwischte sogar den Krieger, aber der zuckte mit keiner Wimper. Wahrscheinlich bemerkte er seine Tritte gar nicht.
"Lass mich", röchelte er. So langsam wurde das Atmen echt schwer.
"Warum sollte ich? Du verfolgst mich seit dem Schloss. Wolltest mich umbringen und berauben."
"Nein", bekam Adyar nur noch heraus. So langsam wurde es eng, er sah nur noch Flimmern vor den Augen und seine Gegenwehr erlahmte.

Plötzlich war er frei, hockte auf dem Boden und hustete röchelnd.
"Nein? Was wolltest du denn dann, Schurke?", brummte der Riese. Man hörte ein ungläubiges Lachen heraus.
Adyar hatte mit einem Male die blanke Klinge des Breitschwertes genau vor der Nase. Es war schon von weitem beeindruckend, aber es so nahe zu haben, schüchterte wirklich ein. Warum war er auch so neugierig? Er hätte sich gleich aus dem Staub machen sollen, als er am Turm sicher wieder herunter war.

"Nichts", stieß er ärgerlich hervor.
"Jetzt reicht es aber, du Spitzohr. Ich habe langsam keine Geduld mehr. Wenn du mir nicht endlich die Wahrheit sagst, bist du gleich deinen niedlichen Elfenkopf los." Rüde schob er seine Breitklinge nach vorn, sodass Adyar rückwärts ausweichen musste und auf den Hintern plumpste. "Ich weiß genau, dass du im Schloss warst und das Zimmer durchsucht hast. Gib den Eiskristall zurück. Er ist der Königin ihr liebstes Stück!"

Adyar bekam große Augen. Woher wusste der Typ, dass er den Eiskristall hatte? Gerade den? Das… das konnte ja nur eines bedeuten. Der Kristall war magisch! Und der Kerl da… "Du besitzt Eismagie?!"

Jetzt bleckte der Kerl auch noch die Zähne. Sollte das etwa ein Grinsen sein? Sah eher nach einem Raubtier aus, das sich auf seine nächste Mahlzeit freute - die gerade schutzlos vor ihm saß. Er knirschte selbst mit den Zähnen, dann holte er den Eiskristall hervor und hielt ihn dem Riesen hin. "Da. Nimm und lass mich gehen."
Es war das meckernde Eichhörnchen, das über die Klinge gehuscht kam, den Kristall schnappte und zurück auf die breite Schulter hüpfte.

Die Klinge zog sich ein wenig von ihm zurück und Adyar wagte es, aufzustehen. Grummelnd klopfte er sich Dreck von den Sachen. Das war ja mal ein erfolgreicher Raubzug gewesen. Die Sonnenträne hatte er nicht und den Eiskristall auch wieder verloren. Wenigstens hatte er den anderen Schmuck und ein wenig Gold. Das deckte zumindest seine Reiseausgaben. Ach ja - und sein Leben hatte er auch noch. Vorläufig.

"Also, bis dann", verabschiedete er sich und wollte sich schnellstmöglich in den Schatten verbergen und sich nie wieder blicken lassen.
"Hier geblieben! Dich lasse ich nicht so einfach davon kommen." Und schon wieder hing Adyar in der schweren Umklammerung der Faust fest. Auch wenn er diesmal genug Luft zum Atmen bekam.
"Jetzt lass mich endlich los! Du hast deinen Eiskristall wieder und du kannst mir glauben, dass ich dich nicht umbringen wollte. Was willst du noch?"
"Einem Dunkelelfen glauben? Das ich nicht lache. Euch Pack ist niemals zu trauen. Ich kenne Deinesgleichen."

Jetzt reichte es aber auch Adyar! Erbost verschränkte er die Arme und verengte die Augen.
"So? Du kennst uns also, ja? Scheint mir nicht so. Mach die Augen auf und sag mir noch einmal, ich wäre ein Dunkelelf. Haben Dunkelelfen so lange Ohren?", zeigte er aufgebracht auf seine wirklich extra langen spitzen Ohren - das eine tat noch vom Biss weh. "Sind Dunkelelfen so hell? Hast du jemals einen Dunkelelfen mit blauen Augen gesehen?"
"Dann bist du ein Mischling. Auch nicht besser."
"Mischling!? Sag mal, so blöd kannst du nicht wirklich sein. Noch nie was von Nebelelfen gehört?"
Auweia. Das hätte er wohl anders sagen sollen. Plötzlich hing er genau vor dem Gesicht des Riesen und wurde zornig angeknurrt.
"Pass auf, was du sagst, Elfenwicht. - Es gibt keine Nebelelfen. Das sind Legenden."
"Na danke. Dann bin ich eben eine Legende", maulte Adyar, aber hielt sich mit weiteren Beleidigungen zurück.

Es dauerte etwas, dann erst sprach der andere wieder.
"Beweise es!"
"Was denn beweisen? Du willst es mir ja gar nicht glauben."
"Ich habe mal gehört, Nebelelfen hätten etwas Einzigartiges, was sie von allen anderen Elfenrassen unterscheiden würden. Zeig es mir!" Adyar konnte es nicht fassen. Niemals würde er DAS dem da zeigen!
"Nein. Niemals!", rief er aufgebracht. "Lass mich einfach gehen und du wirst mich nie wieder sehen", versprach er.
"Du wirst hier dein Leben beenden oder es mir zeigen."
"Du weißt überhaupt nicht von was du sprichst. Du lässt mir die Wahl zwischen Tod und Sterben. Lass mich gehen", bettelte Adyar jetzt verzweifelt. Er hatte sogar schon Tränen in den Augen.
"Hör auf weiter zu betteln. Das ist ja erbärmlich."
"Ich kann dir das nicht zeigen. Von mir aus… wenn du willst… biete ich dir eine Nacht", versuchte Adyar sein Seelenheil freizukaufen.
"Als ob ich das Nötig hätte. Jetzt! Oder dein Leben ist hier vorbei."

Adyar schloss die Augen. Er hatte keine Wahl. Die Tränen liefen heiß seine Wangen hinunter, doch das machte nichts. Was sollte er sich deswegen noch schämen?
"Mach!", hörte er es noch dicht an seinem Ohr brummen. Die tiefe Stimme vibrierte in Adyars Körper nach, fand einen Weg in sein Innerstes, das er nun öffnen musste, um sein Leben zu retten. Doch für welch einen Preis!

Er spürte sein Licht, brachte es zum Leuchten und führte es aus seinem Körper heraus. Er nahm seinen golden leuchtenden Seelenstein behutsam in die Hände und führte es einem vor Staunen erstarrten Krieger entgegen, soweit seine Arme reichten. Die letzten Zentimeter schwebte das hell schimmernde Juwel allein, bis es in die gewaltige Brust des Kriegers eindrang. Doch das sah Adyar schon nicht mehr. Ihm schwand die gesamte Kraft und besinnungslos sackte er zusammen.

 

...

 


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Teil 2