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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Tadeus Engels - Teil 4"

 


Theodor gähnte und streckte sich, als er die schmale Treppe zu seinem Büro hinaufstieg. Der Abend war gestern noch sehr lang geworden und war mit nicht wenig Alkohol zu Ende gegangen. Daher hatte er heute Morgen auch ganz ohne schlechtes Gewissen seinen quäkenden Wecker auf zwei Stunden später gestellt, als er wirklich kein Auge aufbrachte.

Zwar wusste er, dass seine Abteilung die große Kollektion erstellen musste, aber Nele war eine Mitarbeiterin, die auch mal zwei Stunden allein zurecht kam. Denn leider war heute Freitag und Nele und Theodor würden ohne das Engelchen auskommen müssen. Freitag war schließlich ein Berufsschultag für die neuen Azubis. Wie schade. Er schaute doch so gerne in das helle unschuldige Gesichtchen, auch wenn er bisher immer nur Panik, Scheu und Verwirrtheit darin auslöste. Das musste sich ändern! Er wollte Tadeus auch mal lächeln sehen.

Er brachte erst seine Tasche ins Büro und machte sich dann in der kleinen Küche gegenüber heißes Wasser fertig. Vorsichtig in seinen Tee pustend – kräftig schwarz, um auch die letzte Müdigkeit zu vertreiben - blätterte er wenig später einige Zettel durch, die seit gestern neu auf seinem Tisch lagen, während der PC leise hochfuhr. Bevor er bei Nele Lehmann vorbeischaute, wollte er gerne wissen, ob es noch anderes gab, was irgendwie dringend erledigt werden musste.

Doch so wie er das sah, gab es nichts Dramatisches. Er legte die Zettel beiseite und loggte sich in seinen E-Mail-Account. Es blinkten gleich einige rote Mails auf. Wie üblich waren viele dabei, wo er nur informationstechnisch mit in Kopie war, wo er sich aber gar nicht drum kümmern musste. Manchmal fragte er sich, warum er überhaupt mit drin stand. Aber umso besser. Nur eine Mail erforderte eine kurze Rückinfo von ihm.

Er tippte gerade einen späten Morgengruß in die Antwort-Mail, als es an seiner Tür klopfte. Es war ein ganz zaghaftes Klopfen und fast hätte er es überhört.

Das war doch nicht Nele! Die klopfte so energisch an die Tür, dass die fast aus den Angeln flog. Es konnte doch nicht wohl das Engelchen sein?! Was war da los?!
„Herein“, rief er fast fragend und tippte doch noch an seiner Mail, die Tür ihm gegenüber halb im Blick.

Diese schob sich vorsichtig auf und davor – stand tatsächlich das Engelchen! Erstaunt blickte Theodor auf. Was er sah, war gar nicht erfreulich. Tadeus blieb in der Türöffnung stehen. Verkrampft hielt er einen Ordner mit beiden Händen an seine Brust gedrückt, als wolle er sich damit schützen. Sein Gesicht sah verzweifelt aus und in den Augen standen Tränen.

Theodor sprang von seinem Stuhl auf.
„Tadeus, was ist denn mit Ihnen los? Und warum sind Sie eigentlich hier? Sie haben doch Berufsschule.“
Er konnte es nicht verhindern und legte ihm eine Hand auf die Schulter, tröstend und stützend zugleich.

Tadeus holte zittrig Luft und versuchte etwas zu sagen. Erst beim zweiten Versuch klappte es. „Nele ist… ist im Krankenhaus“, brachte Tadeus hervor. „Deswegen bin ich hier. Weil doch wegen dem dringenden Auftrag. Und dann… dann sind so jetzt erst gekommen. Ich konnte nicht… ich wusste doch nicht… Es tut mir leid…“, wurde Tadeus immer leiser zum Schluss und fiel ganz in sich zusammen.

Theodor schüttelte nur den Kopf. So ging das nicht. Bestimmt aber sanft schob er Tadeus zu seinem Arbeitsplatz zurück und drückte ihn auf den Stuhl. Von Neles Schreibtisch zupfte er sich ein Taschentuch aus der blumig bedruckten Spenderbox und reichte es seinem verweinten Mitarbeiter, den er doch eigentlich endlich mal lächeln sehen wollte. Immerhin war er hier und nicht geflüchtet, obwohl er das jetzt sicher am liebsten tun wollte.

„Also. Frau Lehmann ist im Krankenhaus. Das klingt nicht gut. Wissen Sie denn, was passiert ist?“
„Is nur halb so schlimm“, schniefte Tadeus heraus. „Sie hatte heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit einen Auffahrunfall und sich den Fuß gebrochen. Sonst ist alles in Ordnung, sagte sie.“
„Sie haben selbst mit ihr gesprochen?“, wollte Theodor es genauer wissen.
Tadeus nickte. „Sie hat mich wegen dem Auftrag angerufen. Weil ich doch weiß, was wir gestern geschafft haben. Ich bin dann direkt hergekommen und wollte Ihnen alles zeigen.“
„Das ist sehr löblich, aber Sie können doch nicht einfach von der Berufsschule fern bleiben“, brachte Theodor seine Einwände.
„Ich wollte ja auch gar nicht schwänzen“, schüttelte Tadeus heftig den Kopf. „Ich dachte, ich könne hier schnell rumkommen, Ihnen alles zeigen und dann etwas später zur zweiten oder dritten Stunde gehen. Aber Sie… Sie kamen einfach nicht.“

Es klang verteidigend und anklagend gleichzeitig. Tadeus merkte es wohl gar nicht, wie er mit Weinen aufgehört hatte und Theodor ziemlich direkt tadelnd ansprach. Der lächelte kurz und konzentrierte sich dann wieder auf das, was Tadeus ihm zeigte.
„Ich habe versucht, etwas zu machen. Aber ich habe gar keine Zugangsberechtigungen für all die Vorgänge, die Nele gestern gemacht hat. Ich konnte nur den Anfang vorbereiten“, erklärte Tadeus und öffnete den Ordner, zeigte Theodor, was sie gestern schon geschafft hatten und was noch gemacht werden musste.

Theodor war überrascht. Die zwei hatten gestern schon ganze Arbeit geleistet, während er verträumt an das Engelchen gedacht hatte, sich mit Gästen betrunken und heute Morgen ausgiebig geschlafen hatte. Bestimmt hatten sie Überstunden gemacht. Wenn sie sich ranhielten, könnten sie es heute vollständigen durcharbeiten.

„Sagen Sie, Tadeus, was halten Sie davon, heute doch einfach mal die Schule zu schwänzen?“, fragte Theodor das unschuldige Engelchen.

Tadeus machte einen kleinen erschrockenen Laut.
„Das… das geht doch nicht. Ich habe… habe noch nie…“
Theodor lachte leise auf. Das hatte er sich schon gedacht.
„Keine Sorge. Ich werde Sie entschuldigen. Sie werden also nichts Falsches tun“, erklärte Theodor und machte sich auf den Weg in sein Büro. „Ach, und würden Sie uns derweilen einen Tee machen?“, gab er Tadeus gleich noch eine Aufgabe mit, damit er gar nicht weiter darüber ins Grübeln kam, ob das nun falsch oder richtig war.

Denn er fand, dass sie genau das Richtige taten. Einen ganzen Tag mit dem Engelchen zusammen verbringen, konnte gewiss nicht falsch sein.

*

Theodor behielt Recht. Nachdem er Tadeus ordnungsgemäß in der Berufsfachschule entschuldigt hatte und garantierte, dass so etwas nie wieder vorkommen würde, war er zurück zu seinem Engelchen gegangen, der tatsächlich schon Tee für sie beide vorbereitet hatte und nun auch wieder gefasster wirkte.

Und ohne große Umschweife begannen sie mit der Arbeit. Theodor richtete sich am Computer von Nele ein und fand sich in ihren Ordnern schnell zurecht und mit Tadeus hätte er sich keinen besseren Zuarbeiter wünschen können. Er hatte schon immer alles bereitliegen, was Theodor brauchte. Hatte er eine Frage, brauchte Tadeus nur wenige Sekunden, um die richtige Unterlage zu finden. Nebenher sorgte er dafür, dass immer frischer Tee da war.

Der Tag flog nur so dahin und war nur von kurzen Toilettenpausen und einer schnellen Mittagspause unterbrochen. Obwohl Freitag ein kurzer Arbeitstag war, war es draußen bereits dämmerig, als Theodor bewusst durch den Raum schaute. Die kalten Lampen im Raum waren schon an. Er hatte gerade ein letztes Mal gespeichert und die Datei in eine PDF gewandelt. Sie waren fertig!

Direkt neben ihm saß Tadeus und blätterte noch in einem Ordner, drehte sich dabei leicht auf seinem Bürostuhl hin und her. Er war abwesend, sah müde aus und Theodor tat es ein wenig leid, den jungen Tadeus so lange hierbehalten zu haben, obwohl sie schon seit Stunden Feierabend hätten.

Doch er hatte die stetig ruhige Präsenz vom Engelchen gern um sich, jetzt, wo er gerade mal nicht erschrocken oder flüchtig war.
„Wir sind fertig“, sprach er in die Stille hinein. Tadeus schaute auf und blinzelte ein paar Mal. Dann hellte sich sein Gesicht auf und er lächelte erleichtert, erschöpft und fröhlich.
„Toll. Dann haben wir es also geschafft.“

Theodor blickte in das feine Gesicht des Engelchens und fragte sich, wie jemand nur so unschuldig und doch gleichzeitig so anziehend sein konnte. Es war eine einzige fließende Bewegung, in der er sich Tadeus näherte, sein Kinn sachte anhob und einen hauchzarten Kuss auf diese feinen Lippen gab. Dann ließ er auch schon wieder von Tadeus ab und lächelte ihn an.

„Danke für die fleißige Arbeit, Tadeus. Danke, dass ich sie mit dir tun durfte.“
Theodor wollte und konnte seine Gefühle nicht länger versteckt halten; es war einfach nicht seine Art. Er hoffte nur, dass er nun nicht gleich wieder einem flüchtenden Engelchen hinterher sehen konnte.

Doch es kam anders. Tadeus schaute ihn aus großen überraschten Augen an. Zaghaft führte er eine Hand an seine eigenen Lippen, tastete vorsichtig darüber, als wolle er prüfen, ob das gerade wirklich passiert war. Er kam wohl zu keinem Ergebnis.

„Ich kann dich gerne noch einmal küssen, damit du dir sicher bist“, schmunzelte Theodor und kam wieder etwas näher. Tadeus rührte sich kein Stück, ließ nur die Hand sinken. Oha! Was war denn mit dem Engelchen passiert? Wirklich keine Flucht oder Angst und Panik. Er sah nur absolute Verwunderung. Bestimmt über Theodor, wohl aber über die gesamte Situation und vielleicht sogar über sich selbst und seinen Mut.

Theodor näherte sich also wirklich wieder, berührte Tadeus Lippen wieder mit seinen, nur leicht. Man konnte es eigentlich gar nicht als Kuss bezeichnen, so sachte war es. Dafür aber länger. Deutlich länger.

Theodor musste sich zurückhalten. Tadeus war nämlich auch von ganz nah anziehend und reizend. Er roch sachte nach einem fruchtigen Shampoo und strahlte eine angenehme Wärme ab.

Als er sich zurückzog, verharrte Tadeus noch in der Position, die Augen geschlossen, die Wangen deutlich gerötet. Es war einfach zu niedlich, wie unschuldig er war.

„Nun, Engelchen, was sagst du?“ Ja, Theodor wollte es nun auch von Tadeus genau wissen. Tadeus blinzelte ihn wieder an, wie aus einem Traum erwacht. Dann vertieften sich die Schatten auf seinen Wangen und er blickte auf den Boden. „Ja“, hauchte er heraus.

Es war kaum zu verstehen, klang eher wie eine Frage als eine Antwort und war genau das, was Theodor hören wollte.
„Dann sag es mir doch noch einmal. Aber schau mich an dabei“, bat er sachte und nahm eine der schlanken Hände auf, strich darüber und gab dann einen Kuss auf die Finger.

Tadeus blickte erst nur auf ihre Hände, dann wagte er es und schaute Theodor an. Im harten Licht der Neonröhren wirkten Tadeus blaue Augen eine Spur zu streng und eisig, verliehen ihm damit aber auch eine gewisse Härte, die ihm recht gut stand.
„Ja!“, sagte er noch einmal; fester diesmal und entschieden.

„Ganz ohne Flucht?“, fragte Theodor nach. Er konnte es aber auch echt nicht lassen. Doch es machte Spaß, das Engelchen ein wenig zu provozieren und ihn damit aus seiner scheuen Komfortzone herauszuholen.

Tadeus wurde erneut verlegen und verdrehte ein wenig die Augen.
„Ja“, knatschte er. „Ohne Flucht.“
Theodor lachte und umarmte ihn. Das war das harmloseste, was ihm gerade einfiel. Denn auch wenn das Engelchen augenscheinlich ziemlich viel Mut aufbrachte, wollte er ihn nicht sofort überfordern. Er musste trotzdem weiterhin langsam vorangehen, sich vorsichtig vortasten.

Theodor wurde gerade bewusst, dass er mit Tadeus alles noch einmal ein erstes Mal erleben konnte. Er freute sich darauf, denn sein erstes Mal war irgendwie sehr hektisch, unromantisch und auch etwas schmerzhaft verlaufen, weil er selber es unbedingt hinter sich bringen wollte und der andere schon viel weiter war und keine Rücksicht auf Jungfrauen genommen hatte. Das wollte er Tadeus auf keinen Fall antun.

Er ließ ihn los und musste nun doch fragen: „Wie kommt’s? Heute so mutig, Engelchen?“
Tadeus wand sich etwas, knetete seine Finger, dann endlich rückte er mit der Sprache heraus: „Nele hat mir Mut zugesprochen und gesagt, dass auch Alex und der Chef… naja, zusammen sind. Und dass das okay wäre.“
„Ach, Nele also. Dann muss ich mich wohl bei ihr bedanken?“, hakte Theodor nach. Nele war aber auch eine ganz gewiefte. Er würde sich wirklich bei ihr bedanken müssen.
„Ich hoffe aber, dass bei uns nicht so ein Drama geschieht, wie bei Alex und Markus.“
„Was ist denn passiert? Nele hat auch so was erwähnt?“
„Das erzähle ich dir mal in einer ruhigen Minute. Ist eine längere Geschichte. Aber versprich mir, dass du mit mir redest, wenn dir etwas nicht gefällt oder du unsicher bist.“
„Ja. Verspreche ich.“
„Gut. – Und nun machen wir wirklich Schluss. Und dann bringe ich dich nach Hause. – Und nein, ich bleibe nicht über Nacht“, hängte er lachend hinten an, denn Tadeus guckte ihn schon so an.

Er küsste ihn auf die Wange und streichelte darüber.
„Noch nicht. Schön langsam. Wir haben doch Zeit. Du wirst schon alles erleben, was dir nun durch deinen Kopf geht.“
Tadeus wurde knallrot und Theodor lachte nur. Ja. Er würde alles mit Tadeus ausprobieren, was der sich vorstellte – und noch weit mehr.

Wenn man genau hinsah, konnte man zwei kleine Teufelhörnchen auf Theodors Stirn sehen.

...


 

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