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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Tadeus Engels - Teil 3"

 


Tadeus hatte Magenschmerzen. Er war schon zeitig im Büro gewesen, sogar noch vor Nele. Er war froh, dass sie noch nicht da war, denn so konnte er sich hinter seinem Schreibtisch und PC verstecken. Noch hatten sie ihn nicht umgestellt, wie Herr Morgen es sich wünschte. Das wollten sie heute zu zweit in Angriff nehmen. Auch wenn es nur aufgrund der schwangeren Madeleine war, die sich hier wirklich nur versteckt hatte, wollten sie ihrem Chef zeigen, dass seine Wünsche respektiert wurden und Nele und Tadeus Herr Morgen ebenfalls respektierten.

Nur im Moment hatte Tadeus eher Angst vor seinem Chef. Nachdem er gestern so albern aus dem Schwimmbad geflüchtet war, hatte er schon fast Panik, Herr Morgen hier im Büro wieder gegenüber zutreten.

Dabei war ja eigentlich gar nichts passiert. Er hatte nur diesem tollen Körper angeschmachtet und dann herausgefunden, dass es sein Chef war. Was die ganze Sache aber nicht weniger schlimm für Tadeus machte.

„Hey, Engelchen. So früh schon da?“
Tadeus erschrak, als Nele gut gelaunt wie immer hereinkam und ihn mit einer kräftigen Umarmung begrüßte.
„Was ist los mit dir? So in Gedanken?“
„Hallo, Nele. Ja. Irgendwie“, gestand Tadeus.

„Wie irgendwie?“, fragte Nele nach, während sie ihre Jacke aufhing und die Handtasche im Schrank verstaute. „Was ist denn passiert?“
„Ach. Ist wohl ziemlich blöd“, nuschelte Tadeus hin und dachte sich, dass sie ihn bestimmt auslachen würde.
„Aber es scheint dich zu beschäftigen. Sag doch mal. Bestimmt finden wir dann eine Lösung dafür.“
„Da gibt es keine Lösung. Außer ich kündige in dieser Abteilung, am besten gleich in der Firma…“
„Oh! Es hat mit unserer Eisprinzessin zu tun?“, flüsterte Nele zu ihm hinüber und zwinkerte dabei.
„Ja. Aber er ist weder eisig noch eine Prinzessin“, verteidigte Tadeus ungewohnt heftig seinen unantastbaren Schwarm.
„Hey, hey. Was ist denn passiert, dass du gleich so heroisch für ihn in die Bresche springst?“

Tadeus knibbelte nervös an einem Stück Papier herum, zerpflückte es regelrecht, bis er sich entscheiden konnte, Nele von gestern zu erzählen.
„Hab ihn im Schwimmbad getroffen“, hauchte er errötend heraus.
„Wow! Du meinst so richtig nackt unter der Dusche?“
Tadeus glühte, er merkte es genau.
„Nein! Nele, Mensch. Bist du immer so?“
„Achso. Hatte die Badehose noch an? Schade. Dann kannst du mir gar nichts Interessantes erzählen“, lachte sie und machte sich gar nichts aus Tadeus‘ Scham. „Los, hilf mal den Tisch rumzuschieben“, wurde sie aktiv.

Tadeus griff auf der anderen Seite zu und gemeinsam bugsierten sie seinen Tisch eine viertel Drehung herum.
„Doch. Er sieht toll aus und hat ein schönes Tattoo am Bein“, erzählte er dabei.
„Nur toll? So wie du gerade glühst, sah er mehr als nur toll aus. Obwohl er noch die Badehose anhatte und das Wichtigste nicht zu sehen war.“
„Sag mal, Nele! Warum muss er unbedingt nackt sein?“, schüttelte Tadeus den Kopf und krabbelte unter den Tisch, um dort die Kabel für PC, Telefon und Internet zu richten. „Das ist doch völlig egal. Der ganze Rest ist doch schon atemberaubend, allein bei den Augen angefangen“, sagte er und ächzte, als er sich streckte, um die blöde Verteilerleiste heranzuholen.

Nele kam plötzlich von der anderen Seite unter den Tisch und zog die Leiste heran; schob sie Tadeus zu.
„Das stimmt schon. Aber im Gegensatz zu allen Beschwichtigungen, die Größe wäre egal, ist es das nämlich nicht“, erklärte Nele sehr ernst und brachte Tadeus weitere Hitzewellen bei.
„So weit denke ich doch gar nicht, Nele. Er ist mein Chef! Da darf ich so was gar nicht denken. Und gut ist. Ich werde ihn einfach normal behandeln, das Schwimmbad meiden und nie wieder von ihm schwärmen“, stellte er klar und schaute deprimiert auf die Kabel.

„Engelchen. Du musst nicht aufgeben“, rückte Nele näher und legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter. „Nur weil er dein Chef ist, musst du dich nicht zurückziehen. Er ist schließlich nicht dein Lehrer oder so. Und außerdem, falls du es noch nicht weißt, der ganz große Boss ist auch mit einem Mann zusammen. Und zwar einem aus dieser Firma.“

„Wirklich? Herr Trennwolf?“ Das konnte Tadeus nun gar nicht glauben.
„Ja. Er ist mit dem süßen Alex aus dem Einkauf zusammen. – Ich sage dir, das war ein Drama mit den Beiden. Aber dazu später. Du siehst also, dass du dir darum schon mal keine Gedanken machen musst.“

Sie krabbelte wieder unter dem Tisch hervor und richtete die Kabel oben.
„Und für heute brauchst du dir erst einmal keine Sorgen zu machen. Herr Morgen ist mit dem Big Boss unterwegs. Er wird erst morgen wieder hier sein.“

Tadeus saß unter dem Tisch und starrte sich auf der Kabelleiste fest. War es wirklich ok, wenn er mit Herrn Morgen zusammen wäre? Wenn es der große Boss auch war? Zu aller erst müsste er aber aufhören, von ‚Herrn Morgen‘ zu denken, wenn er an seinen Chef dachte. Er hieß Theodor. Theo. Theo! Ja, das klang doch schon viel besser. Wenn er an einen Theo dachte, war der Mann zumindest in Gedanken leichter erreichbar.

„Engelchen, willst du dort unten Wurzeln schlagen? Wenn du nicht gleich hochkommst, kaufe ich dir ein gemütliches Hundekörbchen und kraule dich hinter den Ohren. Los, wir haben einiges zu tun.“

Tadeus grummelte. Nele konnte auch ganz gut ein strenger Chef sein. Aber sie hatte Recht. Sie hatten eine Menge zu erledigen. Er kam also auch wieder hoch, schob noch etwas PC und Tastatur zurecht und los ging’s.

*

Sie hatten eine ganze Weile in stiller Einigkeit gearbeitet, als sie Besuch bekamen. Tadeus sah einen jungen Mann hereinkommen; einen riesigen Stapel Papier und Ordner in den Armen.

„Hallo, Nele. Wie geht’s.“
„Hey, Alex. Was machst du hier oben? Nicht genug Arbeit bei euch?“
Nele sprang auf und umarmte Alex.
„Ne. Gewiss nicht“, lachte er und legte ihr sogleich die ganzen Sachen auf den Tisch. „Das hier müsst ihr durcharbeiten und für einen ganz neuen lokalen Kunden eine komplett neue Kollektion kalkulieren. Befehl von ganz oben. Möglichst schnell. Den Auftrag kann sich die Firma nicht entgehen lassen.“
„Na toll. Das heißt Überstunden“, seufzte Nele und blätterte schon mal die ersten Seiten durch.

„Na, Tadeus? Wie geht es dir?“
Tadeus schreckte auf. Er hatte auch auf den Monsterstapel geschaut, sich gefragt, was da nun wirklich auf sie zukommen würde, und nicht erwartet, dass er angesprochen wurde.
„Äh. Gut. Danke.“
„Falls dich Nele zu sehr ärgert, dann sag Bescheid, ja?“
„Äh. Ne ne. Alles Bestens. Nele ist toll. Sie zeigt mir alles.“
„Dann ist gut. – Ich muss wieder. Falls ihr Fragen dazu habt, Dirk ist erst morgen wieder da.“
Damit war Alex wieder verschwunden.

Kaum war Alex durch den Flur weg, beugte sich Nele zu Tadeus.
„Das war übrigens besagter Alex. Süß, nicht? Wenn er nicht schon vergeben wäre, hätte ich mich schon längst an ihn rangemacht. Aber beim großen Boss mische ich mich gewiss nicht ein“, lachte sie verhalten und seufzte nochmal, als sie auf den hohen Stapel blickte.

„Na ja. Er sieht ok aus…“, murmelte Tadeus. Alex war sicher kein hässlicher Mensch, aber ihm fehlte das gewisse Extra. Er bekam heiße Wangen, als er an intensive kühle Augen dachte, hinter einer stylichen leichten Brille, ein interessantes Tattoo. Seine Liste war lang…

„Engelchen, keine Zeit zum Träumen“, weckte Nele ihn aus seinen Tagträumen. „Ich weiß ja, dass dein Beuteschema gerade ein ganz anderes ist. Aber wir müssen hier diese Sachen erledigen. Wir müssen heute bestimmt länger machen und morgen auch.“

„Ich kann bleiben. Das schaffen wir schon“, nickte er.
„Jaaa…“, dehnte Nele. Sie schien zu überlegen. „Pass auf, Tadeus. Hier, geht doch mal eben in die Stadt und hol uns was Leckeres zum Essen. Wenn wir schon länger machen müssen, will ich was Gutes haben.“ Sie kramte in ihrer Tasche und zog einen Geldschein hervor.

„Ich will was vom Chinesen und danach einen Pudding und dann noch was Süßes zum Knabbern später“, gab sie ihm ihre Wünsche.
Tadeus nickte und wollte schon losgehen.
„Ach, und wenn du beim Chinesen bist, ist doch daneben dieser trendige Imbiss. Hol mir doch da noch so einen Chai Latte.“

Schweigend drehte sich Tadeus um, nahm sich einen Zettel und Stift, und begann nun doch eine Liste zu schreiben. Dann blickte er Nele auffordernd an. Sie lachte nur und scheuchte ihn raus.

***

Theodor konnte sich nur schwer auf die Unterhaltungen am Tisch konzentrieren. Jetzt, wo sie am Abend zum gemütlichen Teil übergangen waren, und nicht mehr nur Geschäftliches besprachen, drifteten seinen Gedanken davon. Zumal war es der erste außerbetriebliche Termin, den er seit seiner Einstellung im Unternehmen mitmachte. Von daher hatte er sich nicht groß in die Gespräche eingemischt und nur gesprochen, wenn man ihn direkt aufforderte. Es war zwar gar nicht seine Art, so zurückhaltend zu sein, aber er wollte auch nichts falsch machen. Lieber hatte er die anderen Anwesenden ein wenig beobachtet. Neben drei Gästen und seinem Chef Markus-Alexander Trennwolf, waren auch noch dessen rechte Hand Graham Hewitt und der Abteilungsleiter vom Einkauf Dirk Lehmann dabei.

Es war eine harmonische Runde, man war sich recht schnell mit einem neuen Auftrag einig geworden und hatte schon Details besprechen können. Nun saßen sie also in diesem schicken Restaurant, das aber sehr einladend und gemütlich war und aßen und tranken gute Dinge. In dieser Zeit dachte er immer wieder an gestern Nachmittag zurück, als er so unverhofft dem Engelchen begegnet war. Und wie es sich für das Engelchen gehörte, flüchtete es auch sofort wieder. Dabei wäre das gestern im Schwimmbad doch der perfekte Ort gewesen, sich auf neutralem Boden zu treffen und über anderes als die Arbeit zu sprechen. Sah Tadeus wohl anders. Er sah regelrecht panisch aus. Theodor war ihm tatsächlich einige Schritte gefolgt, wollte aber eine wilde Hetzjagd durch das Schwimmbad nicht mitmachen, als er merkte, dass Tadeus wirklich das Bad ganz verließ.

Aber er hatte den kurzen Augenblick, den sie sich ansahen, nutzen können. So wusste Theodor nun, dass das Engelchen auch äußerlich seinem Namen entsprach. Er war sehr hell, schlank und feingliedrig. Trotzdem war da eine gewisse Spannung im Körper, die Sportlichkeit verriet.

Er musste bei nächster Gelegenheit mit Tadeus sprechen. Das ging nicht, dass er immer davon rannte, vor allem, wenn Theodor doch mehr von ihm wissen wollte. Er hatte sich schnell damit arrangiert, dass ihn der schüchterne junge Mann doch mehr interessierte. Das musste er unbedingt klar stellen. Denn er hatte den Eindruck, dass auch Tadeus mehr für ihn empfand. Sonst wäre er gestern nicht so verschämt wie eine erschrockene Jungfrau geflüchtet.

Das war überhaupt ein neuer Gedanke. War Tadeus gar noch eine Jungfrau? Dann hätte Theodor so einiges zu tun. Außerdem musste er doch vorsichtiger sein. Seine sonst so direkte Art, im Job wie auch bei Männern, könnte Tadeus gar ganz verschrecken. Das wird nicht leicht werden und Theodor fragte sich, ob das Engelchen diese Mühe wert war. War es!

„Herr Morgen, sind Sie noch bei uns?“, wurde er jäh aus seinen Gedanken gerissen.
Markus schaute ihn auffordernd an. Theodor konnte aber auch das leichte Lächeln sehen und wusste, dass es um nichts Ernstes ging.
„Entschuldigen Sie, mir kamen nur gerade einig Dinge aus dem Büro in Gedanken dazwischen.“

Er schob energisch die Bilder an das Engelchen beiseite und konzentrierte sich ganz auf ihre Gäste und die Gespräche am Tisch.

...


 

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