zurück zur Bibliothek

Impressum

 

du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Tadeus Engels - Teil 2"

 


Theodor Morgen war ungewöhnlich gut gelaunt. Obwohl er wusste, dass auch heute eine ganze Menge Arbeit auf ihn wartete, summte er ein kleines Liedchen vor sich hin, welches er auf dem Weg ins Büro im Autoradio gehört hatte.

Noch vor allem anderen machte sich einen frischen Tee in der kleinen Küche und brachte ihn in sein Büro. Noch war er zu heiß zum Trinken, so schnappte er sich ein paar Zettel und lief im Flur nach hinten ins Büro seiner zwei Mitarbeiter durch.

„Guten Morgen“, rief er fröhlich in den Raum hinein.
„Moin, Chef“, antwortete Nele Lehmann ihm direkt, nur von dem Engelchen kam keine Reaktion. War er zu schüchtern? Er machte einen langen Hals, konnte aber niemanden hinter dem PC erkennen.

„Oh, Herr Engels ist heute nicht da, Chef. Er hat mittwochs und freitags Berufsschule“, wurde er aber gleich aufgeklärt.
„Achso. Verstehe. Ich wollte nur diese Unterlagen bringen. Das sind noch einige Daten, die er einpflegen kann“, erklärte Theodor plötzlich nüchtern und kühl. Er legte die Blätter auf den leeren Schreibtisch und ging mit einem weiteren kurzen Gruß wieder hinaus.

In seinem Büro grübelte Theodor, warum seine gute Laune so schlagartig verschwunden war. Es konnte doch nicht nur daran liegen, dass der junge Tadeus nicht da war. Oder doch? Er schüttelte den Kopf. So ein Quatsch! Er war doch kein Teenager mehr, der sich Hals über Kopf in einen anderen verguckte, schon gar nicht in so ein junges Engelchen.

Energisch schob er dieserart Gedanken beiseite und stürzte sich in seine Arbeit.

*

Tadeus hatte sich heute durch die Schule gequält, wie lange schon nicht mehr. Immer wieder hatte er seinen neuen Chef vor Augen, wie auch schon die ganze Nacht über. Dies hatte ihm keine Ruhe gelassen, entsprechend unausgeschlafen war er. Die Themen im Unterricht waren aber auch nicht die Spannendsten.

Er atmete tief durch, als die Stundenklingel ihnen die Freizeit verkündete, und war froh, endlich nach draußen an die frische Luft zu kommen. Er streckte sich und stellte fest, dass er Bewegung brauchte.

Er schob sich den Rucksack auf den Rücken und schwang sich beschwingt auf sein altes Rad. Mit riskanter Geschwindigkeit schlängelte er sich durch den Stadtverkehr und bremste scharf vor dem kleinen Reihenhäuschen mit Gärtchen, in dem er bei seinen Eltern nach wie vor wohnte.

„Hallooo! Bin wieder da~a!“, rief er durchs Haus. Irgendjemand würde ihn schon hören. Mutter und Schwester waren meistens am frühen Nachmittag schon von Arbeit und Schule zurück.

Er flitzte in sein kleines Zimmerchen hoch, schmiss den Rucksack in die Ecke, kramte seine Schwimmsachen hervor und schulterte die Badetasche. Keine Minute später war er schon wieder an der Haustür.
„Tschü~s! Bin wieder we~g!“

Irgendwer wird ihn schon gehört haben…

*

Tadeus mochte eigentlich keinen richtigen Sport. Sich verausgaben und dabei richtig schwitzen, war nicht sein Fall. An Gemeinschaftssport wie Handball, Volleyball oder gar Fußball hatte er sowieso kein Interesse.

Aber Schwimmen! Das mochte er. Da konnte er in seinem eigenen Tempo seine Bahnen ziehen oder sich einfach treiben lassen. Hier im Schwimmbad war er regelmäßig zu finden. Er hatte sogar eine Jahreskarte.

Im gewohnten Trott kettete er sein Fahrrad draußen an, begrüßte Ute an der Kasse fröhlich und war nach nur wenigen Minuten bereits unter der Dusche. Er schrubbte sich grob ab, als lachend eine Gruppe Männer hereinkam.

Tadeus riskierte einen schüchternen Blick. Nicht übel was er da sah. Eng sitzende Badehosen, die gerade so das Nötigste bedeckten und effektiv attraktive trainierte Hintern ausstellten.

Einer gefiel ihm besonders gut. Denn der ging nach unten in lange Beine über, die im Gegensatz zu all den anderen nicht behaart waren und damit eben nicht wie ekelige Spinnenbeine aussahen. Außerdem war an der Wade bis zum Fuß hinunter ein schönes geschwungenes Tattoo, welches besonders dadurch auffiel, dass es kein übliches Tribal war.

Nach oben hin sah der Körper noch besser aus. Der Mann konnte sich an perfekte Körperformen erfreuen. Nichts war zu lang, zu kurz, zu breit oder zu schmal. Perfekt eben, ganz im Gegensatz zu Tadeus, der immer etwas zu dünn und schlaksig aussah.

Bevor Tadeus beim Spannen erwischt werden konnte, drehte er sich weg und seifte sich die Haare ein, einfach um beschäftigt zu sein und seine aufwallenden Gefühle zu beruhigen. Die Männer lachten und scherzten hinter ihm noch eine Weile, dann pilgerten sie gemeinsam hinaus.

Oh je. Wenn die jetzt die ganze Zeit hier wären, würde Tadeus keine ruhigen Bahnen schwimmen können. Nicht bei solch tollen Anblicken. Aber gut, vielleicht hielten sie sich ja mehr im Spaßbad auf.

Er sprach sich Mut zu und folgte der Gruppe nach draußen. Da hatte er gleich wieder den perfekten Körper vor sich, jetzt in geschmeidigen Bewegungen. Nein! Es wurde nicht besser. Im Gegenteil. Der Mann nahm sich gerade seine längeren Haare zusammen und band sie zu einem hohen Knoten. Durch die Bewegung sah Tadeus nun auch das Profil seines perfekten Traummannes. Da war ein gut gepflegter 3-Tage-Bart und obwohl er seine leichte Brille nicht aufhatte, erkannte Tadeus Herr Morgen! Seinen Chef!

Tadeus erstarrte, blickte erschrocken in das Gesicht, das sich ihm zuwandte. Er sah, wie Herr Morgen ihn ansah, verwundert war, dann Tadeus erkannte. Tadeus machte kehrt; flüchtete zurück in die Umkleiden.

Das durfte doch nicht wahr sein. Was machte denn Herr Morgen hier?! Der war hier noch nie gewesen, da war sich Tadeus sicher. Den hätte er bemerkt, ganz sicher. So einen Mann hätte Tadeus nicht übersehen, wo er doch seinen geheimen Träumen so sehr entsprach. Verdammt! Hör‘ auf an so etwas weiter zu denken, Tadeus!, ermahnte er sich. Dieser Mann würde ewig ein Traum bleiben, nicht nur, weil er bei solch einem hübschen Mann sowieso keine Chance haben würde. Er war außerdem schon älter als er und außerdem! – merke dir das gut, Tadeus! – außerdem war er sein Chef!

Hektisch kramte er seine Sachen aus dem Spind und versteckte sich in einer Einzelumkleidekabine. Nicht, dass Herr Morgen noch auf die hervorragende Idee kam, ihm zu folgen.

Er war in Rekordzeit umgezogen und wieder draußen. Ute winkte ihm verwirrt hinterher und er nuschelte was von ‚wichtigem Termin vergessen‘ und ‚Uhrzeit verwechselt‘.

...


 

Teil 1

nach oben

Teil 3