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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Tadeus Engels - Teil 1"

 


"Hey, Engelchen, soll ich dir einen Tee mitbringen?"
Tadeus grummelte. Nur weil er mit dem unglücklichen Familiennamen "Engels" geschlagen war, musste man ihn doch nicht immer wieder so damit aufziehen. Doch er nickte Nele nur dankend zu, denn einerseits war er froh, eine so gute Kollegin zu haben und andererseits würde er es sich niemals getrauen, das zu sagen, was er dachte. Sie meinte es ja auch nicht böse.

Und dafür, dass er erst seit gestern Mittag in dieser Abteilung war, noch dazu gerade mal eine Woche nach seinem Ausbildungsbeginn, konnte er nur froh sein, dass Nele ihm alles zeigte. Das ging ja schon mit dem Anmelden am PC los. Jeder hatte seine eigenen Passwörter und jedes Programm hatte ein eigenes Passwort. Er schrieb alles mit und konnte so häufig nachlesen, ohne die Kollegin immer mit den gleichen Fragen zu nerven.

Nele kam aus der Teeküche zurück und zu ihm nach hinten an den Schreibtisch. Sie stellte ihm einen Früchtetee hin; für sich selbst hatte sie Kaffee mit viel Milch.
"Danke", sagte Tadeus und freute sich über den leckeren Kirschtee.
"No Prob. Und? Wie kommst du zurecht?"
Sie setzte sich neben ihn auf die Tischplatte und schaute auf den Bildschirm.
"Es geht. Eigentlich ist es ja immer der gleiche Vorgang, aber es dauert trotz allem."

Man hatte Tadeus nämlich verdonnert, in SAP alte Fertigartikelnummern und die dazugehörigen Zutaten zu löschen oder mit aktuellen neuen Artikeln zu vergleichen und diese auf Vollständigkeit zu prüfen. Dafür hatte er einen fetten Ordner mit den derzeitigen Produkten des Unternehmens und deren gesamten Zutatenlisten incl. Materialnummern bekommen, die er jetzt alle mit denen im EDV-System abgleichen musste.

"Tja. Eigentlich war es Madelaines Aufgabe, genau dies zu tun. Frag mich nicht, was sie die ganze Zeit gemacht hat… Wenn sie nicht schwanger wäre, hätte Herr Morgen sie bestimmt schon längst rausgeschmissen."

‚Ja', dachte sich Tadeus. ‚Und jetzt war Madelaine krank und ich habe diesen chaotischen Arbeitsplatz bekommen.'

Er hatte diese Madelaine nicht kennengelernt, denn sie war unerwartet wegen ihrer Schwangerschaft krankgeschrieben worden und das bis hin zu ihrem regulärem Mutterschutz. Und auch den geheimnisvollen Herrn Morgen hatte Tadeus noch nicht kennengelernt. Herr Morgen war der Abteilungsleiter und im Moment in Urlaub. Nach Neles Beschreibungen sah er angeblich super heiß aus, sein Charakter dagegen war recht unterkühlt. Er war jung, sehr strebsam und akribisch. In seiner Abteilung hatte Ordnung zu herrschen!

Madelaine war anscheinend so gar nicht der Typ dafür. Als Tadeus gestern hier herkam, hatte er erstmal den Schreibtisch aufräumen müssen, bevor er mit irgendetwas anderem begonnen hatte. Er brauchte Platz und Übersicht.

"Du machst das gut", sagte Nele. "Ich denke, dass du heute zu Feierabend damit durch sein könntest. Dann zeige ich dir die anderen Bereiche von Madelaine. Du wirst sehen: wir werden hier ein super Team." Sie drückte ihm die Schulter und setzte sich ihm gegenüber an ihren eigenen Schreibtisch.

Er lächelte scheu. Mit Lob konnte er nicht so gut umgehen. Er wusste nie, ob es nur so daher gesagt war. Aber Nele schien es wirklich ernst zu meinen und er freute sich darauf, mit ihr zusammen zu arbeiten. Sie steckte ihn mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem Enthusiasmus regelrecht mit an.

Er konnte ja nicht ahnen, was dieser Tag noch mit sich brachte…

*

Theodor schob die Brille nach oben und rieb sich die Nasenwurzel, als er frustriert einige Papiere auf den Tisch fallen ließ. Wer hatte denn bloß diesen Quatsch hier verursacht? Da stimmte ja gar nichts. Da er wusste, wen er in seiner Abteilung sitzen hatte, fiel Nele Lehmann gleich aus der Rechnung raus. Obwohl noch so jung und eigentlich ein flippiger Charakter, machte sie ihre Sache unheimlich gut und detailliert. Sie war so, wie Theodor sich einen Mitarbeiter vorstellte und als er die Abteilung vor nicht allzu langer Zeit neu übernommen hatte, war er glücklich, Nele da zu finden.

Dann gab es noch Madelaine Bergmann. Sie war das genaue Gegenteil. Wie diese Person überhaupt eine Ausbildung geschafft hatte, fragte er sich heute noch. Noch nicht mal die einfachsten Sachen brachte sie zu Ende; er musste alles kontrollieren und von Rechtschreibung hatte sie wohl auch noch nichts gehört. Immer musste er Nele die Sachen nacharbeiten lassen oder er machte es eben selbst.

Aber das konnte auf Dauer so nicht weitergehen. Da musste endlich etwas geschehen, Schwangerschaft hin oder her. Es waren nicht nur seine Nerven, die Schaden nahmen, auch für die Firma war es nicht gut.

Er nahm die Brille ganz ab, strich sich einmal durch das Gesicht, fuhr mit den Fingern durch seinen akkurat getrimmten Drei-Tage-Bart und seufzte dann. Er war noch keine halbe Stunde in seinem Büro und jetzt schon so gereizt. Wozu fuhr er in den Urlaub, wenn die Erholung nach so kurzer Zeit schon wieder dahin war?

Entschlossen sprang er auf und streckte sich. Dann löste er seinen hohen Dutt, kämmte sich mit den Fingern grob durch die langen Strähnen und klaubte sie oben wieder lässig zusammen. Ordnung ja, aber geordnetes Kuddelwuschel auf seinem Kopf durfte gerne sein.

Er setzte die Brille wieder auf und strich sich Hemd und Krawatte glatt. Dann nahm er die Zettel zur Hand, die ihn so sehr ärgerten, dass er sie regelrecht mit den Fingern zerknitterte, und schritt entschlossen aus seinem kleinen Büro hinaus. Er musste den kleinen Flur durchqueren, kam an der Teeküche vorbei und stürmte geradezu in das Zimmer seiner zwei Mitarbeiterinnen.

"Guten Morgen, die Damen", sagte er kühl und nickte Nele zu, die vorne dran saß. Madelaine versteckte sich passenderweise dahinter. Das wäre auch eine Möglichkeit: er würde hier einfach die Möbel umstellen!

"Frau Bergmann!", sagte er in einem Ton, der nichts Gutes ahnen ließ. "Ich habe hier Ihre Unterlagen erhalten! Haben Sie auch nur einmal nachgelesen, WAS Sie mir da auf den Tisch gelegt haben? Abgesehen von der Form und der zum Teil unverständlichen Grammatik, stimmen auch die Zahlen nicht. Es sind Rechenfehler und Zahlendreher drin…"

Theodor redete sich in Rage. Er war immer ruhig, wenn auch etwas unterkühlt. Aber irgendwann riss der Geduldsfaden. Er ging tatsächlich jeden Fehler durch, den er gefunden hatte und tippte mit dem Finger drauf, dann blätterte er um. Endlich kam zur letzten Seite.

"… und deswegen werden Sie die nächsten Tage diese Zeit hier nacharbeiten. Außerdem werden wir an der Konstellation der Möbel etwas ändern. Sie rücken nach hier vorn! Es ist nicht viel, was ich verlange. Nur Sorgfalt und etwas mitdenken! Wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, können Sie in dieser Abteilung nicht bleiben!"

Er verstummte und blickte kurz starr auf den letzten Zettel. Ja, er wusste selbst, dass er gerade sehr hart gewesen war. Aber der Ärger musste einfach mal heraus und außerdem ging es hier auch um das Wohl der Firma. Sie sollte gut laufen und funktionieren.

Er bemerkte Neles entsetzten Blick neben sich. Tatsächlich war er bei ihr am Schreibtisch stehen geblieben. Irgendetwas stimmte nicht, das spürte er.
"Herr Morgen", sagte sie zurückhaltend. "Frau Bergmann ist nicht…"
Sie konnte nicht zu Ende sprechen. Ein ersticktes Aufschluchzen kam hinter dem PC hervor, dann huschte eine Person an ihnen vorbei und zum Flur hinaus.

Theodor blickte verwirrt dem flüchtenden Menschen hinterher, dann zurück zu Madelaines Schreibtisch.
"Frau Lehmann, bitte klären Sie mich auf. Wo ist Frau Bergmann? Und wer ist dieses verschreckte Etwas?"

"Das verschreckte Etwas heißt Tadeus Engels und ist seit gestern hier", antwortete Nele ihm recht frostig. "Frau Bergmann hatte unerwartet eine Krankmeldung eingereicht und ich habe um Unterstützung gebeten. Tadeus hat diese Woche mit der Ausbildung zwar erst angefangen, aber sehen Sie, was er seit gestern Mittag geschafft hat…" Sie ging um den Schreibtisch herum und wies ihn an, selbst zu schauen.

Theodor begriff langsam, dass er soeben seinen Frust an einer völlig unbeteiligten Person losgeworden war. Das war nicht gut. Er folgte Nele und schaute verblüfft auf einen blitzblanken, sauberen und aufgeräumten Schreibtisch. Dann ließ er sich zeigen, was Tadeus seit gestern gemacht hatte. Es erstaunte ihn und ihm wurde klar, wie sehr er dem jungen Mann Unrecht getan hatte. Nicht nur war er gar nicht die schwangere Madelaine, nein, er war zudem auch das ganze Gegenteil von dieser Kollegin.

Er straffte sich und gab Nele die zerknitterten Zettel.
"Würde Sie das bitte überarbeiten? Es muss ja doch fertig werden. - Und ich schaue, ob ich Herrn Engels finden kann."
"Ja, sicher Herr Morgen", antwortete Nele, zum Glück nicht mehr so kalt. "Aber passen Sie auf. Tadeus ist sehr schüchtern und sensibel."

Theodor musste dazu sogar lächeln. "Ja. Das habe ich gemerkt."
Er ließ eine verwunderte Nele allein und steuerte die Teeküche an. Tatsächlich saß dort am kleinen Bistrotischchen der junge Mann, der mit verweinten Augen abwesend aus dem Fenster starrte. Er bemerkte ihn noch nicht.

Theodor nahm sich einen kurzen Augenblick, um seinen neuen Mitarbeiter näher anzuschauen. Schlank, blonde Haare, blaue Augen. Ein gutmütiges jetzt leider verweintes Gesicht. Er wirkte wirklich sehr schüchtern.
‚Er wirkt fast so, wie sein Nachname klingt. Ein unschuldiger Engel', dachte er sich und seine Gewissenbisse nahmen noch eine Spur zu. Er musste etwas tun.

Er räusperte sich und betrat den kleinen Raum. Ohne zu Tadeus zu blicken, füllte er den Wasserkocher mit frischem Wasser auf und stellte ihn an. Dann suchte er sich eine saubere Tasse und einen schwarzen Tee heraus. Die vertrauten Handgriffe ließen ihn die nächsten Worte leichter finden.
"Ich habe Sie da soeben ziemlich launig angefahren. Das tut mir leid. Ich wollte Sie, zumal Sie auch erst gestern hier angefangen haben, auf so eine Art gewiss nicht in dieser Abteilung begrüßen. - Wahrscheinlich haben Sie Ihre Vorgängerin nicht kennengelernt…"

Jetzt drehte er sich doch endlich herum und schaute den jungen Mann direkt an. Dieser blickte ihn aus großen Augen an, die einfach nur Verwirrtheit ausdrückten.
"N~nein", schüttelte Tadeus hektisch den Kopf. "Frau Bergmann war ja schon von früh an krankgeschrieben", erklärte er.

"Ja. Das habe ich auch gehört. Aber ich weiß sehr wohl, wie der Schreibtisch aussah. Und nun ist er aufgeräumt und sortiert. Waren Sie das, Herr Engels?"

"Ja. War das nicht richtig? Ich habe alle Schriftstücke geordnet und in dem Schub verstaut, damit Sie es nochmal durchschauen können. Ich habe nur leere Zettel entsorgt oder Werbeblätter von diversen Supermärkten. Ich dachte, dass die wohl nicht mehr nötig sind."
Der junge Mann wollte schon aufspringen, um besage Unterlagen wohl zu holen.

"Alles gut. Bleiben sie ruhig sitzen. Das war alles richtig so. - Auch einen Tee?", fragte Theodor und holte schon eine zweite Tasse heraus, ohne auf Tadeus' Antwort zu warten.
Er goss das heiße Wasser auf und reichte Tadeus eine Tasse hinüber. Das leise "Danke" hätte er fast überhört.

Theodor lehnte bequem an der Spüle und nahm seine eigene Tasse auf; zog genießerisch den Duft des Earl Greys ein. Er liebte Tee!

"Nun, Herr Engels, erzählen Sie doch etwas von sich. Wenn ich schon so unerwartet einen neuen Mitarbeiter in der Abteilung habe, möchte ich ihn auch gerne besser kennenlernen."

Schon wieder schaute der junge Mann erschrocken auf. War seine Frage so unverschämt, überlegte Theodor.

"I~ich? Also, ich bin hier geboren und aufgewachsen. Hab grad das Abitur gemacht", sagte Tadeus und blickte verlegen in seinen Tee.

Aha. Na das war ja noch nicht so viel. Musste er jetzt wirklich jede Einzelheit extra erfragen? Nele hatte wohl Recht, was die Schüchternheit betraf.

"Und gibt es etwas, dass Sie Besonders mögen?", versuchte es Theodor noch einmal.

"Tee! Ich mag Tee!", sagte Tadeus und schaute weiter in seine Tasse.

Ach, es war nicht leicht. Nun gut. Vielleicht war der junge Mann auch einfach noch zu erschrocken von vorhin. Er blickte auf seine Uhr. Es wurde Zeit, dass er weitermachte.

"Nun, da sind Sie nicht allein. Auch ich mag Tee. - Herr Engels, es freut mich, Sie hier in der Abteilung zu haben. Zu Beginn machen Sie bitte mit dem weiter, was Sie angefangen haben und ansonsten schauen Sie, bei was Sie Frau Lehmann unterstützen können. Sollten Sie Fragen haben, können Sie gerne jederzeit zu mir kommen."

Er nickte Tadeus noch einmal zu und verließ mit seiner Teetasse die kleine Küche.

Na das wurde bestimmt noch schwierig mit dem Engelchen.

*

Tadeus kam zurück ins Büro gestolpert.
"Hey, Engelchen, alles wieder gut?", wurde er sofort von Nele empfangen.
Er schaute zurück in den Flur und dann wieder zu ihr.
"Ich weiß nicht. Es scheint wohl alles in Ordnung zu sein."
"'Scheint'? Was ist denn passiert?"
"Wir haben uns über Tee unterhalten…", war für Tadeus die Essenz dessen, was gerade in der Küche passiert war.
"Was?"
"Er hat mir einen Tee gemacht und wir haben festgestellt, dass wir beide Tee mögen."

Nele bekam große Augen.
"Wirklich? Das ist doch toll. Dann mag er dich bestimmt."
Tadeus merkte, dass er umgehend rot anlief. Leider bemerkte auch Nele das umgehend.
"Oh mein Gott! Du MAGST ihn auch. Aber so richtig!"
Sie rückte zu ihm auf und zwinkerte ihm zu.
"Du bist gar nicht so ein liebes Engelchen, was? Tadeus, Tadeus", schimpfte sie scherzhaft mit dem erhobenem Zeigefinger. "Aber ich wünsche dir viel Glück."

Tadeus wurde noch eine Spur dunkler im Gesicht und versteckte sich eiligst hinter seinem Schreibtisch. Zusammen mit seiner Teetasse, die Herr Morgen für ihn gekocht hatte.

Nele hatte Recht gehabt: ihr Chef war super heiß!

...

 

 


 

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Teil 2