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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 9"

 


Der Samstag lief für fast die gesamte WG gemütlich vor dem Fernseher aus. Man hatte sich auf einen Film einigen können und Souta fand sich irgendwann auf dem weichen Teppich vor dem Sofa wieder, eine Schüssel M&Ms in der Hand, die er sich rechts mit Konstantin und links mit Sean teilte. Wie er zwischen die beiden geraten konnte, wusste er bis jetzt noch nicht, aber er musste feststellen, dass es nicht schlimm war.

Konstantin kommentierte den Action-Streifen recht ausführlich und machte den Film gleich noch mal unterhaltsamer. Sean war dagegen ganz sein stoisches Selbst und sagte gar nichts zum Film, klaute sich aber in regelmäßigen Abständen einige der Schokolinsen.

Souta war bei jeder kleinsten Bewegung des Schotten angespannt und lauerte. Auf was, wusste er selbst nicht. Aber Sean machte keine komischen Sprüche oder irgendetwas anderes Provozierendes. Als er einmal auf Toilette musste, vermisste Souta ihn sogar. Es war aber natürlich nur wegen der Wärme, die nun weg war. Ganz bestimmt.

Hennes und Hakvinn kuschelten zusammen auf einem der großen Sessel und bekamen vor lauter Knutscherei vom Film wahrscheinlich gar nichts mit.

Foxy hatte sich in dem zweiten Sessel unter einer Decke zusammengerollt und erbettelte sich immer mal wieder ein paar M&Ms von Konstantin, bis dieser genervt irgendwann eine kleine Schale nur für sie füllte und ihr vor die Nase stellte. Das war zwar nicht so lustig, wie immer wieder Konstantin anzustupsen, aber Foxy gab sich auch damit zufrieden.

Das Monstersofa teilten sich Marvin und Ralf allein mit diversen Tüten Chips und anderem salzigen Knabberzeugs, was sonst keiner mochte. Man hörte sie immer mal wieder tuscheln und lachen. Die beiden verstanden sich auch ganz ausgezeichnet.

Ansonsten waren diverse Softdrinks und Radler im Umlauf.

Souta war sehr erstaunt, dass sie überhaupt alle hier waren, denn normalerweise war der Samstag bei Studenten der Partyabend schlechthin. Sie aber saßen alle gemeinsam hier, tranken noch nicht mal starken Alkohol, schauten einen normalen Film, der kein Blutmassaker war oder ein seltsames Kunstprojekt, und jeder war damit zufrieden.

Als der Abspann lief, verabschiedete sich das Kuschelpärchen zuerst. Gleich darauf verkrümelte sich auch Foxy. Souta gähnte und merkte, wie ihn der Tag ganz schön mitgenommen hatte. Außerdem hatte er morgen sein Vorführtraining im D?j?. Er murmelte gähnend ein ‚Oyasuminasai!' in die Runde und während er schon zum Flur schlurfte hörte er ein brummendes ‚Oidhche mhàth' hinter sich. Man hätte es fast überhört. Sinnlos vor sich hin grinsend verschwand Souta kurz im Bad, dann in sein Bett.

*

Souta war schon zeitig wach und vor allen anderen aus dem Haus. Er nahm sich ein Toast auf die Hand mit und sputete sich. Immerhin gab es im D?j? noch einiges vorzubereiten, bis die Gäste kamen.

‚Drache 9' kam pünktlich und wie versprochen waren wirklich alle dabei. Sogar CJ kam mit, obwohl er nach der langen Nacht im Club offensichtlich noch ganz müde war. Die Gruppe sorgte für einiges Aufsehen, denn sie kamen recht laut quatschend in die Trainingshalle hineingestolpert. Außerdem waren mit CJ, Hennes und Sean drei große Kerle dabei, die man eher auf der Matte statt der Zuschauerseite vermuten würde. Konstantin hatte einen pinkfarbenen Schal zu einem knalligen lindgrünem Hemd und einer safranfarbenen Hose an und stach damit gegen die japanische Flagge, die mittig an einer Hallenwand hing, in Weiß mit rotem Kreis sehr hervor. Dafür passte sein Tuch sehr gut zu Foxys pinken Haaren.

Marvin befand den Hallenboden gleich optimal fürs Tanzen und probierte einige Schritte, die sehr an Michael Jackson erinnerten, und erntete damit einige Jubelrufe und Applaus vom Publikum, was sich immer mehr einfand. Ralf näherte sich einigen Katanas, die dekorativ an der Wand hingen und sinnierte über deren Eleganz und Formschönheit, untermalt von ausschweifenden Bewegungen. Das brachte ihm diverses Kichern ein.

Nur Hakvinn fiel in der Gruppe nicht auf, bis er sich unsicher an Hennes drängte und sich einen Kuss stibitzte. Damit war dieser Fakt für die jungen weiblichen Gäste, die schon so manchen abschätzenden Blick auf die Jungs geworfen hatten, auch geklärt und das Tuscheln ging los.

Souta beschloss, dass er diesen chaotischen Haufen dort drüben nicht kannte. Das ging solange gut, bis Foxy ihn entdeckte und ihm quer durch die Halle ein fröhliches "Hallo, Souta! Wir sind alle da~aaaa!" zurief und aufgeregt winkte. Als wenn man das nicht schon bemerkt hätte.

"Na, deine Freundin?", wurde er von Andreas, seinem befreundeten Schwarzgurt geärgert.
"Nein. Mitbewohnerin. Wie auch der ganze Rest."
"Ah. Deine neue WG? Dann weiß ich schon, wen ich mir nachher auf die Matte hole", lachte Andreas und hielt CJ fest im Blick.
"Ne. Lass mal lieber. Der macht auch Sport."
"Na eben, genau deswegen."
"Du verlierst", behauptete Souta fest. CJ trainierte Straßenkampf. Das hatte er ihm genauer erklärt, als Souta einmal nachfragte, welche Sportart als Türsteher am besten geeignet war. "Die faulen Tricks der Straße muss man kennen…", hatte CJ gesagt.

"Wetten?", fragte Andreas und hielt Souta seine Hand hin.
"Dass du verlierst? Gerne. Um ein Abendessen?", hielt auch Souta seine Hand hin und freute sich auf ein leckeres Essen, als Andreas einschlug.

*

Punkt 10 Uhr ging die Vorstellung los. Die Halle war mit Zuschauern gut gefüllt, wenn auch viele Eltern dabei waren, die ihre Kleinen sehen wollten, die schon hier trainierten.

Aber was die Kinder zeigten, war auch echt sehenswert. Es waren ab 5 Jahren alle Altersklassen vertreten und es gab nur noch wenige weiße Gurte. Fast alle hatten sich schon Farben erkämpft und Souta war immer wieder überrascht, mit wie viel Begeisterung die Kinder den Sport betrieben.

Die Kleinsten zeigten die ersten einfachen Übungen. Dazu gehörte auch das Rad oder der Purzelbaum. Man glaubte es kaum, aber es gab Kinder, die wirklich noch nie einen Purzelbaum gemacht hatten und echte Probleme damit hatten.

Als nächstes kamen die älteren Kids, meist mit gelben oder grünen Gürteln, die einige Katas zeigten. Sie waren sehr konzentriert dabei und auch den abschließenden Kraftschrei machten sie perfekt. Sah schon toll aus, wenn sieben Kinder in der Reihe synchron die Formenläufe absolvierten.

Dann wurde es spannender. Jugendliche traten in kleinen Schaukämpfen direkt gegeneinander an. Ihr Meister erklärte über Mikrofon, was gerade gezeigt wurde. Dazu gehörten auch Elemente der Selbstverteidigung. Hier kam Souta zum Einsatz. In schwarzem Trainingsoutfit und mit einer schwarzen Skimaske getarnt, pirschte er sich an sein ahnungsloses Opfer heran. Janine hatte mit ihren 16 Jahren bereits den blauen Gürtel und war nicht zu unterschätzen. Sie spielte ihre Rolle als leicht zu überwältigendes Opfer aber so gut, dass im Publikum einige Kinder erschrockene Warnrufe dem Mädchen zuriefen, das sich mit der Freundin nichtsahnend unterhielt.

Doch zu spät. Souta sprang los, umklammerte das Mädchen von hinten. Nach wenigen Sekunden lag er am Boden. Er war gut gelandet; die Fallschule war auch ein wichtiges Trainingselement. Er streckte Janine den erhobenen Daumen entgegen. Diese Übung war ihnen perfekt gelungen.

Sie zeigten noch einige andere Varianten, etwa wie ein Angriff mit Messer oder Stock. Natürlich wurde Souta jedes Mal erfolgreich auf die Matte geschickt.

Souta hatte dabei so viel Spaß, dass er den verrückten Haufen im Zuschauerbereich völlig vergaß, genauso wie seine ganzen Probleme und Gedanken um den Ex oder schottische Grizzlybären.

Während einer Verschnaufpause für Souta trat endlich Andreas in die Mitte. Dieser zeigte die schwereren Sachen. Darunter auch Holzplatten mit der Hand zerschlagen und auch mit dem Katana Bambusstöcke akkurat zerteilen. Er erhielt eine Menge Applaus dafür. Auch Souta klatschte. Was Andreas konnte und hier zeigte war toll. Nicht umsonst hatte er den schwarzen Gürtel.

Ihm wurde aber mulmig zumute, als Andreas ihn wölfisch angrinste. Oh oh! Würde er sich jetzt wirklich CJ heraussuchen? Das war immer der abschließende Kampf. Ein Gast sollte auf die Matte kommen und versuchen Andreas zu besiegen. Natürlich alles in sportlichen Rahmen.

Es kam aber noch viel schlimmer. Andreas trat näher zum Publikum und deutete auf Sean! Das konnte Andreas doch nicht tun! Souta wollte irgendetwas rufen, aber er konnte sich doch vor den Gästen nicht mit Andreas streiten.

Und Sean? Der brummte was in seinen nicht vorhandenen Bart, dann nickte er und schob sich durch die Gäste nach vorn, bis er vor Andreas stand. Dieser verneigte sich vor ihm, dann bat er ihn, die Straßenschuhe auszuziehen. Sean nickte wieder nur und trat sich die Turnschuhe von den Füßen, gleichzeitig zog er sich auch die Jacke aus. Er trug darunter nur ein ärmelloses Muskelshirt und die keltischen Tattoos. Gemeinsam gingen sie in die Mitte auf eine der Matten zu.
"Einen Applaus für unseren Freiwilligen", erklärte ihr Meister und hielt Sean das Mikrofon hin. "Wen dürfen wir denn anfeuern?"
"Sean", brummte Sean kurz. Souta kicherte leise. So typisch der Grizzly. Auch der Meister schien die Wortkargheit sofort zu erkennen, fragte nicht weiter und gab nach einem kurzen Reglement den ungleichen Kampf frei.

Andreas verneigte sich noch einmal ordnungsgemäß vor Sean und stellte sich in Angriffsposition. Sean nickte kurz mit dem Kopf und blieb einfach stehen. Andreas versuchte Sean ein wenig abzuschätzen und wanderte um ihn herum. Sean sah sich das eine kurze Weile an, dann zogen sich seine Brauen zusammen.
"Schluss mit den Spielchen; greif an!", brummte er. Andreas guckte verdutzt, dann machte er ernst. Er täuschte einen Schlag mit Links an, um dann sofort einen Halbkreisfußtritt mit Rechts hinterher zu bringen.

Sean wehrte tatsächlich den Schlag ab, bekam aber den vollen Tritt ab. Es traf ihn an der Schulter. Und obwohl Andreas mit nur wenig Krafteinsatz kämpfte, sah Souta, wie schwungvoll dieser Tritt war. Immerhin versuchte Andreas einen Mann zu Boden zu bringen, der fast doppelt so breit und fast einen Kopf größer war als er selbst. Doch da hätte er wohl noch mehr Kraft gebraucht.

Sean bewegte sich kein Stück. Zumindest nicht Richtung Boden. Stattdessen reagierte er unerwartet schnell, packte Andreas Bein noch aus der Luft heraus, setzte einen Hebel an und warf ihn nach hinten flach auf die Matte.

Das ging so schnell, dass man es gar nicht richtig wahrnahm. Souta zwinkerte verblüfft, dann grinste er. Er hatte ja gewusst, dass Sean einiges drauf hatte. Auch wenn er überrascht war, hier einen Ringergriff gesehen zu haben. Im Publikum hörte er Konstantin und Foxy begeistert rufen und ein riesiger Applaus ging durch die Halle.

Sean ließ seinen Gegner los und streckte ihm die Hand entgegen. Andreas nahm sie nach einem kurzen Moment auch an und ließ sich aufhelfen. Wahrscheinlich musste er sich erst einmal sortieren. Unerwartet woanders zu landen, als geplant, konnte verwirrend sein.

Er verbeugte sich vor Sean und auch Sean machte diesmal eine kleine Verbeugung. Ihr Meister trat wieder heran und verkündete noch einmal Sean als Sieger. Sean nickte, dann nahm er einfach das Mikrofon an sich.
"Ich habe gewonnen. Ich darf meinen Gegner aussuchen", sagte er. Ein Raunen ging durch die Zuschauer, noch im gleichen Moment deutete er auffordernd auf Souta.

Souta klappte der Mund auf. Meinte er das ernst? Aber der Schotte ließ nicht locker, winkte ihm sogar, dass er auf die Matte kommen möge und fletschte siegessicher die Zähne. Wenn er ihn nicht aus der WG her kennen würde, hätte Souta wirklich Angst vor ihm. Fehlte nur noch die Lederausstattung, ein Fell über den Schultern und ein Breitschwert, dann wäre er ein Barbar, wie er im Buche stand.

Andreas kam zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter.
"Los, Souta. Du machst ihn fertig. Du kennst ihn und du hast gerade gesehen, wie du nicht gegen ihn antreten darfst. Keine frontalen Angriffe. Deine Kraft nutzt dir nichts, aber deine Schnelligkeit und deine Wendigkeit. Souta, du musst die Ehre des D?j? wieder herstellen." Damit schob er ihn zu Sean in die Mitte des Raumes.

"Souta! Du schaffst es!", hörte er Foxy rufen. Na, jetzt konnte sie ihn doch endlich anfeuern. Darauf hatte sie sich doch schon so gefreut gehabt.
"Sean, lass dich bloß nicht täuschen. Bleib standhaft", rief Ralf dagegen.
"Hey, wir wollten Souta anfeuern", begehrte Foxy auf.
"Ja. Aber da wussten wir noch nicht, dass er gegen Sean kämpft. Sie gehören doch beide zum Drachen", brachte Marvin das logische Gegenargument.
"Stimmt auch wieder! - Sean gib dein Bestes. Souta, du auch!"

Souta verdrehte nur die Augen. Wenn es vorher nur ein paar mitbekommen hatten, wussten es jetzt definitiv alle, dass er mit denen dort drüben und auch dem Bären bekannt war.
"Also gut. Du hast mich herausgefordert! Ich nehme an", sagte Souta, verbeugte sich vor Sean und stellte sich in eine feste Angriffsgrundstellung. Immerhin war es eigentlich genau das, was er sich gewünscht hatte. Einmal gegen Sean anzutreten, um ihm zu zeigen, dass er auch was drauf hatte.

Er atmete tief ein und aus, vergaß alles um sich herum und konzentrierte sich nur noch auf seinen Gegner. Er musste Sean mit einem gezielten Schlag außer Gefecht setzen. Wie Andreas schon sagte: schnell und effizient. Mit Stärke oder langem Schlagabtausch würde er verlieren.

"Du brauchst dich nicht zurück zuhalten…", brummte Sean noch, bevor es plötzlich losging. Sean stürmte direkt auf ihn zu, was Souta verwirrte. Er hätte damit gerechnet, selbst den ersten Angriff auszuführen. Doch das war nun egal. Seans Pranken griffen nach ihm und Souta konnte ihm ausweichen. Er duckte sich und ließ sich dabei in eine Seitwärtsrolle fallen. Geschickt kam er ein wenig von Sean entfernt wieder auf die Füße. Aber da war Sean schon wieder heran. Wahrscheinlich hatte er solch ein Ausweichmanöver von Souta erwartet.

Souta brachte mit einer weiteren Rolle nochmal etwas Abstand zwischen sie, doch er sah schnell ein, dass es nichts brachte auf Dauer immer nur auszuweichen. Er musste selbst einen Angriff wagen.

Er ging also frontal auf Sean zu und zielte mit zwei schnellen Schlägen auf Seans Brust. Wie erwartet blockte Sean geschickt. Souta sprang wieder zurück aus der Greifweite von Seans langen Armen und setze dabei einen Rückwärtsfußtritt an; zog rasch das Bein wieder zu sich, damit Sean ihn nicht wie Andreas greifen und nieder ranggeln konnte.

Zu seinem Erstaunen traf er Sean so gut, dass dieser rückwärts taumelte. Er ließ ihm keine Möglichkeit, sich in einen sicheren Stand zu bringen, sondern setzte gleich nach. Mit einem Tritt mit der ganzen Fußsohle stieß er ihn nochmals rückwärts. Doch diesmal hatte er sich verschätzt. Sean stand nach einem weiten Ausfallschritt sicher und fest wie ein Felsen. Soutas schnelle Attacken hatten ihn zu Beginn überrascht, aber dieser Vorteil war nun dahin.

Der Grizzly knurrte Souta an und ging wieder direkt auf ihn zu. Mit der flachen Hand zielte Sean auf ihn. Souta konnte mit einer steigenden Abwehr den Schlag blocken, wurde aber nun auf seiner ungeschützten Seite von der anderen Hand getroffen. Er taumelte und bevor er sich fangen konnte, hatte Sean ihn mit einem gezielten Fußfeger die Beine weggezogen. Souta rollte nach hinten ab und kam über die Rückwärtsrolle in einen kurzen Handstand und stand sofort darauf in einer festen Kampfstellung bereit.

So leicht war er nicht unterzukriegen. Aber auf Dauer würde er Sean so nicht besiegen können. Er musste ihn anders erwischen. Nicht mit Angriff, sondern mit Verteidigung!

Er ließ Sean wieder auf sich zukommen. Dieser versuchte ihn erneut einfach wie beim Ringen mit den Händen zu packen. Souta drehte nur minimal den Oberkörper ein, griff Seans Unterarm, der damit an ihm vorbeigriff, zog ihn mit einem tiefen Schritt in die Richtung, in die Sean eh lief, drehte sich in der Bewegung mit und gab ihm noch einen kräftigen Stoß mit beiden Händen in den Rücken. Tai-Chi-Grundschritt und perfekte Selbstverteidigungsbewegung ohne großen Kraftaufwand.

Sean, von seinem eigenen Schwung und Soutas Stoß diesmal richtig aus dem Gleichgewicht gebracht, stolperte, wollte sich noch abfangen, musste sich aber mit einem Knie am Boden abstützen. Souta sprang hinterher, holte zum Schlag mit der flachen Hand aus und zielte auf Seans Hals. Kurz vor dessen Kehle stoppte er den Schlag.
"Haiboku!", keuchte er.

Nach einigen Momenten ließ Sean die Anspannung aus seinem Körper und ließ sich ganz auf die Matte sinken.
"Tha", keuchte auch er, aber lächelte. Es war ein ganz offenes Lächeln, zwar erschöpft, aber glücklich, obwohl er doch verloren hatte. So hatte Souta den grummligen Grizzlybären noch nie gesehen. Das brachte ihn dermaßen aus dem Konzept, dass er seine Vorsicht vergaß und auch den tosenden Applaus in der Halle gar nicht mitbekam.

Sean griff ihn einfach am Arm und mit einem kräftigen Ruck landete Souta recht unelegant ebenfalls auf der Matte.
"Das war nicht fair", schimpfte Souta, zumal Sean nun auch noch herzlichst lachte. Das schrie nach Rache. Er gab Andreas ein Zeichen, der auch schon bei ihm war, um ihn für den Sieg zu gratulieren. Andreas nickte verstehend, pfiff kurz und rief "Kinder, haltet den Barbaren fest. Er darf die Halle nicht mehr verlassen!"
Es dauerte, bis Sean begriff, dass von ihm die Rede war. Doch als die Erkenntnis endlich in sein Hirn sickerte, war es schon zu spät.

Souta ließ sich von Andreas aufhelfen und aus der Gefahrenzone ziehen. Keine Sekunde zu spät, denn jetzt kam ein Haufen wilder Kinder, die sich alle auf Sean stürzten. Mit lautem Geheul wurde er taktisch auf der Matte niedergerungen und dort mit viel Einsatz festgehalten. Sean wehrte sich tapfer, tauchte immer mal wieder auf, wurde wieder niedergerungen. Das ging eine ganze Weile, bis die Kinder nicht mehr konnten. Aber auch Sean sah fertig aus. Vor allem, als sich auch Foxy mit ins Getümmel stürzte.

"Das war hervorragend, Souta!", klopfte Andreas ihm auf die Schulter.
"Ja. Wirklich ein tolle Vorstellung", hörte Souta auch Marvin hinter sich. Seine WG kam zu ihm, um ihm zu gratulieren und das Gerangel auf der Matte von Nahem mitzuerleben.
"Herrlich. Unser WG-Bärchen ist ja so ein tapferer großer Krieger", kicherte Konstantin.
"Ja. Wie Phoenix aus der Asche ersteigt er aus den Fängen der Kinderhorde", kommentierte Ralf, als sich Sean tatsächlich auf die Füße hochkämpfte. Es hingen noch Kinder an seinen Beinen, die er aber gar nicht beachtete, sondern einfach mit jedem Schritt mit trug. Und über die Schulter hatte er Foxy geworfen. Sie boxte ihm mit ihren kleinen Fäusten auf den Rücken und bettelte, wieder runtergelassen zu werden. Sie war doch ein kleiner Mensch und solche Höhen würde sie nicht gut vertragen. Sagte die Bergsteigerin!

*

Souta hatte im D?j? mit allen anderen Schülern wieder Ordnung geschaffen, sich kurz geduscht und kam zusammen mit Andreas auf den kleinen Parkplatz der Kampfschule heraus. Dort stand ‚Drache 9' und wartete auf sie.

Sie wollten den Sieg zusammen in einem nahen Café feiern. Souta wollte erst abwiegeln, da ja im Umkehrschluss Sean als Besiegter ‚gefeiert' wurde, doch der winkte nur ab, erklärte, dass es ihm einfach nur viel Spaß gemacht hätte und Souta seinen Triumph gerne feiern dürfe. Es gäbe bestimmt bald eine neue Gelegenheit, bei der er - also Sean - sich nicht so einfach überrumpeln lassen würde.

Oha! War das etwa eine weitere Herausforderung? Souta ging darauf vorerst nicht ein, auch wenn er bei dem Gedanken, sich erneut mit Sean zu kabbeln, ganz kribbelig wurde.

Souta wurde von Andreas aufgehalten, der sich bis zum nächsten Training verabschieden wollte. Doch damit kam er nicht weit. Er wurde einfach von den anderen mit eingeladen. Wer es wagte, gegen Bären anzutreten, dürfe sich auch gerne einen Kaffee ausgeben lassen. Und vielleicht auch ein Stück köstlicher Torte. Das erklärte Konstantin in seiner ausschweifenden Art und hakte sich ungefragt bei Andreas unter.

Der blickte mit großen fast flehenden Augen zu Souta. Der zuckte nur die Schultern und grinste.

*

Der Nachmittag verlief ausgelassen. Nach dem Kaffee zogen sie alle zusammen in die WG weiter. Andreas wurde mitgenommen. Da morgen die Piraten-Party stattfinden sollte, nutzte Marvin die Zeit, sein Musikequipment aufzubauen und die Anwesenden jetzt schon mit ein paar deftigen Saufliedern zu erfreuen. Hennes half ihm beim Möbelrücken.

Draußen auf der Terrasse schmiss CJ den Grill an. Drinnen werkelten Hakvinn, Foxy und Konstantin in der Küche herum, um neben Fleisch, das sie ausreichend im Tiefkühler lagerten, auch einen bunten Nudelsalat und Baguette zu haben. Ralf verteilte Kaltgetränke und lagerte weitere Getränke im Kühlschrank ein. Sean verschwand unter der Dusche.

Souta deckte mit Andreas schon mal den Esstisch auf der Terrasse ein, später schauten sie CJ beim Grillen zu. Beide mit einem Radler in der Hand, standen sie dann an der Terrassenumrandung gelehnt und quatschten. Andreas war von der WG begeistert und wie harmonisch alle zueinander passten.

"Aber vor allem Sean. Der ist ja wirklich toll", sagte er irgendwann. "Ich kann gut verstehen, dass du ihn dir ausgesucht hast."
Souta trank aus seiner Flasche und machte nur "Hmmm" zu den ersten Worten. Dann verschluckte er sich und musste heftig husten.
"WAS?" Er musste wohl ziemlich entsetzt aussehen, denn Andreas schaute recht besorgt und irritiert. Behilflich klopfte er Souta auf den Rücken, bis er wieder normal atmen konnte.
"Was erzählst du denn da, Andi?", fragte er nach. Was sollen so doofe Sprüche? Andreas wusste, dass er schwul war, hatte nie was dagegen gehabt und hatte ihn auch nie damit irgendwie blöd aufgezogen.
"Na, ich dachte, ihr seid zusammen? Es wirkte auf mich so. Du hast immer wieder zu ihm hingeschaut. Deswegen habe ich dann auch ihn beim Kampf ausgesucht und nicht CJ."
"Wir sind nicht zusammen! Und überhaupt. Ich will doch gar nichts von ihm. Er hatte mich bisher immer nur geärgert. Außerdem bin ich gerade erst von Robert getrennt. Da kann ich mich doch nicht gleich wieder an den nächsten heranmachen…", erklärte Souta all seine Gedanken.
"Aha", sagte Andreas nur, allerdings in einem Tonfall, der sehr gut verriet, dass er Souta ja doch nicht glaubte.
"Ja, wirklich", schob Souta hinterher und dann merkte er, dass es längst nicht so kräftig war, wie er gerne wollte. Er drehte sich zur Stadt hin und schaute ziellos über die Häuserdächer.
"Ich mein - ich kann doch nicht einfach… Andi, Mensch! Außerdem: er ist… nun ja… schau ihn dir doch an. Mit mir würde er doch eh nichts anfangen. Er ist nicht schwul…", murmelte er vor sich hin.

"Nun, dass er nicht wie Konstantin ist, ist mir klar. Aber das muss ja nicht heißen, dass er nicht auch schwul ist", sagte Andi und drehte sich auch zur Stadt hin.
"Ich bin froh, dass ich mich gerade von Robert losgesagt habe. Es ist befreiend und erfrischend. Ich fühle mich sehr wohl hier im Drachen. Da muss nicht gleich wieder eine Beziehung her. Schon gar nicht in einer WG. Das bringt nur Schwierigkeiten", sagte Souta.
"Sind nicht Hennes und Hakvinn zusammen? Scheint wohl doch ohne Schwierigkeiten zu laufen", brachte Andi den logischen Einwand.
"Sag mal, willst du mir unbedingt einen festen Freund aufdrücken?", fragte Souta aufgebracht.

"Wer will einen festen Freund drücken?", frage da hinter ihnen jemand.
Souta fuhr erschrocken herum und entdeckte den Österreicher, der gerade geschnittenes Baguette auf den Tisch stellte.
"Och Mensch, Konstantin. Du kannst dich doch nicht einfach so anschleichen", grummelte er.
"Und wie ich das kann, Süßer. Außerdem habe ich dadurch neue Informationen gesammelt. Du willst also einen festen Freund?! Frag doch Sean. Nach heute bin ich mir sicher, dass ihr wirklich hervorragend zusammenpasst. Oder Foxy? Sag doch auch mal was!", rief Konstantin über die Schulter zurück.

Das quirlige Mädchen kam grad mit der großen Schale Nudelsalat auf die Terrasse gehüpft und stellte sie neben das Brot.
"Klar. Immer!", sagte sie nur und sprang gleich wieder davon.
"CJ, was meinst du dazu?", fragte Konstantin in der Runde weiter. CJ, der stoisch am Grill stand und so tat, als hörte er nichts, brummte was in Richtung seiner Roster. Das konnte alles bedeuten.

"Siehste. Alle sind dafür", freute sich Konstantin.
"Wie alle? Mensch, ihr könnt doch nicht darüber bestimmen, was ich will oder nicht. Jetzt ist Schluss damit", sprach Souta aufgebracht, stellte seine Flasche ab und stürmte regelrecht davon. Er musste nämlich mal auf Toilette. Außerdem konnte er so vor all den Verrätern da draußen flüchten.

Was war das nur für ein Haufen? Für die schien das wohl alles ganz einfach zu sein. Souta raufte sich die Haare und steuerte das kleine Bad an. Er wollte die Klinke greifen, als die Tür von innen schwungvoll aufging und Souta mit einem kleinen Hüpfer zur Seite springen musste, um das Türblatt nicht an den Kopf zu bekommen.
"Ups", hörte er Sean und blickte wie schon einmal auf dessen nackte Brust voller Knotentattoos. Das gefährliche waren aber jetzt die Wassertropfen, die klischeehaft ihren Weg an der Haut nach unten suchten und das kleine Handtuch, das nur so leidlich das Nötigste bedeckte. Verdammt! Das durfte doch nicht wahr sein.
"Aufpassen, nicht dass du…"
"WAS? Willst du mir jetzt auch noch sagen, dass ich mit dir zusammen sein will?!", blaffte Souta dazwischen.
"… noch von der Tür getroffen wirst…", beendete Sean verblüfft seinen Satz. Dann legte er den Kopf schief.
"Wenn du so fragst: Ja", sagte er schlicht.

Souta merkte, dass ihm der Mund offen stand. WAS? Wollte der Bär ihn etwa veralbern, genau wie alle anderen auch?
Sean näherte sich ihm und bevor Souta irgendwie reagieren konnte, hatte er ihm einen Kuss auf den Mundwinkel gegeben.
"Aber Sake trinke ich trotzdem nicht", sagte er und ließ Souta stehen…

...

 


 

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