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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 6"

 


„Souta! Hast du Blacky gesehen? Er ist nicht im Käfig und auch nicht im Schnittlauch. – Oh. Da ist er ja“, lachte Foxy beruhigt auf.

Es war Freitag, ging schon auf Abend zu und sie wollte ihre zwei Chinchis füttern, die jetzt erst aktiv wurden. Doch wie immer war Lord Black-Fur ausgebüchst, aber diesmal lag er nicht wie gewohnt in den Kräutern. Der einzige WG-Mitbewohner, der noch da war, war Souta. So kam sie auf die Terrasse hinaus, wo es wunderbar kühl war und gerade die Sonne unterging. Der Himmel über der Stadt flammte in den herrlichsten orangenen und roten Farbtönen auf und wurde weiter hinten schon von samtenem Nachtblau eingenommen.

Und da war auch ihr kleines Chinchilla. Es saß in Soutas Wuschelhaaren und hatte Spaß daran, auf ihm herumzuturnen, während Souta in fließenden Bewegungen seine Tai-Chi-Übungen machte.

Sie wollte Souta nicht stören. So setzte sie sich einfach auf die Stufe und schaute ihm bei seinem Training zu. Er schien ganz ruhig und in sich gekehrt. Lord Black-Fur auf seinem Kopf hatte keine Schwierigkeiten sich oben zu halten. Souta hatte eine perfekte Balance, selbst wenn er tiefe Schritte oder Drehungen machte.

Foxy hatte noch nie etwas mit asiatischen Kampf- oder Verteidigungssportarten zu tun gehabt. Sie hatte als Ausgleich zu ihrem Studium das Klettern für sich entdeckt und betreute im Indoor Kletterpark „High Mountain“ zumeist die Anfängerkurse. Umso mehr war sie fasziniert von dem, was Souta ihr zeigte. Es war schön, ihm einfach zuzusehen und sie merkte nach einer Weile, dass der Stress des Tages von ihr abfiel, obwohl sie ja nur zuschaute.

*

Die Türklingel schreckte sie auf. Sie sprang hoch, damit der Besucher nicht noch öfter klingeln musste und Souta damit vielleicht aus seiner Konzentration riss.

Sie drückte den Summer für die untere Eingangstür und öffnete ihre Wohnungstür, damit der Besucher gleich hereinkommen konnte. Sie nutzte die Wartezeit, um den Schuhhaufen unter dem Drachenkopf ein wenig zu sortieren. Ihre Jungs hielten nicht viel von ordentlichen Schuhreihen. Nur die pinken High Heels standen akkurat in der Ecke. Die gehörten aber Konstantin, der zählte nicht zum Chaotenhaufen.

„Hey, hey. Süße. Da bist du ja“, wurde sie plötzlich von hinten gepackt und jemand drückte ihr brutal einen Kuss auf. Sie roch und schmeckte reichlich Alkohol, aber fackelte nicht lange, biss zu und kämpfte sich frei.
„Du, Bitch. Du wagst es…“
„Ich wage es? Du bist derjenige, der mich mit Gewalt zwingen will. Verpiss dich bloß, sonst rufe ich die Polizei“, fuhr Foxy den Typen an.

Sie hatte bisher nicht viel Glück gehabt mit ihren Freunden. Doch der Idiot hier schoss echt den Vogel ab. Sie hatte Mark bei einer der unzähligen Studenten-Partys kennengelernt und sich eigentlich mit ihm richtig gut verstanden. Sie waren ein paar Mal zusammen ausgegangen und hatten auch einige heiße Nächte miteinander verbracht. Er schwärmte ihr die tollsten Sachen vor und sie glaubte es, solange, bis sie ihn mit einer anderen Frau erwischte. Sie sprach ihn ruhig und sicher an, empfahl dem anderen Mädchen, sich von dem Kerl fernzuhalten und hatte die Beziehung zu Mark sofort beendet und dafür eine neue Freundin gefunden. Seit dem war sie immer mal mit Sabine unterwegs.

Nur Mark ließ sie nicht in Ruhe. Leider wusste er, wo sie wohnte und suchte sie im Drachen auf. Bisher war immer einer der Jungs in der Wohnung gewesen und konnte ihr beistehen. Zuletzt waren sogar CJ und Sean gleichzeitig dagewesen und hatten Mark sprichwörtlich vor die Tür gesetzt. Gegen die beiden hatten nicht viele eine Chance. CJ hatte ihm sogar Hausverbot erteilt, was sein gutes Recht als Wohnungsbesitzer war.

„Och, Foxy, komm schon. Ich will dich doch nur zurück. Sabine war nur ein Ausrutscher. Die hat mir gar nichts bedeutet. Du bist auch viel hübscher als sie.“
„Sag mal, glaubst du, ich bin blöd? Sabine hast du den gleichen Scheiß erzählt. Hau ab, ich ruf sonst wirklich die Polizei“, sagte sie gezwungen ruhig und griff schon nach dem Telefon.
„Ach. Aber vorher hast du es gerne gehört. Ihr Weiber dreht es euch immer grad so, wie es euch passt. Aber heute hast du keine Beschützer im Haus. Weder CJ noch der idiotische Schotte oder der Schwimmer ist da.“
Er griff schnell zu und hatte Foxy das Telefon aus der Hand genommen, warf es in die Schuhecke, wo es zwischen Cowboy-Stiefeln zu Boden rutschte.
„Komm schon. Ich zeige dir, was dir noch so an mir gefallen hat, wo wir so in trauter Zweisamkeit sind“, griff er erneut nach Foxy.
„Lass mich los…“, klang sie jetzt schon leicht panisch. Gegen den großen und Fitness-Studio trainierten Mark hatte sie körperlich keine Chance.

„Sie sagte, dass du sie loslassen sollst“, ertönte da eine gefährlich ruhige Stimme hinter ihnen.
Souta!, wurde es Foxy klar und atmete erleichtert auf.
„Wer ist denn der Zwerg?“, lachte Mark nur geringschätzig auf, als er den Japaner entdeckte, der nur unwesentlich größer als Foxy war.
„Mein Name ist Souta“, stellte er sich höflich vor. „Und du bist kein Bewohner des Drachen und wurdest gebeten zu gehen“, forderte er Mark ein weiteres Mal auf, die Wohnung zu verlassen.
Mark lachte. Es klang ein wenig nach einer hysterischen Hyäne.
„Und wenn ich das nicht tue? Willst du mich etwa zwingen?“
Er ließ tatsächlich Foxy los, aber nur, um sich weiter in die Wohnung zu schieben und bedrohlich auf Souta zuzugehen.
„Ich bitte dich noch einmal, die Wohnung zu verlassen“, blieb Souta erstaunlich ruhig, doch Foxy sah, wie er bereits mit den Füßen einen sicheren festen Stand einnahm.
„Du hast mir gar nichts zu sagen“, knurrte Mark und holte mit der Faust zu einem Schlag aus.

Foxy konnte gar nicht so schnell gucken, wie Mark, von einem Stoß getroffen, hart an die Wand zurückschleudert wurde. Dann hing er dort und bekam kaum noch Luft. Souta hielt ihn an der Wand fest, mit einem Fuß an Marks Hals. Es sah aus wie in einem Actionfilm, nur das es hier echt war und Foxy so langsam Sorge hatte, und zwar um Mark. Er hatte schon einen ganz roten Kopf und röchelte nur noch.

„Souta, nicht! Lass ihn leben“, rief sie.
„So? Er soll am Leben bleiben?“, fragte Souta nach. „Bei den Yakuza gibt es aber kein Erbarmen“, erklärte er Foxy ungerührt. „Ich habe ihm schon drei Chancen gegeben. Er wollte es so“, zwinkerte er ihr verstohlen zu.
„Aber Mark ist doch kein Yakuza.“ So langsam fand Foxy gefallen an Soutas Spiel, jetzt wo sie erkannte, dass er es nicht wirklich ernst meinte.
„Es geht nicht darum, wer ER ist. Sondern wer ICH bin und wen er beleidigt hat!“, knurrte Souta gefährlich leise und erhöhte noch einmal leicht den Druck an Marks Kehle.
„Bitte, Souta. Ich werde dir ewig dankbar sein, wenn du ihn gehen lässt.“
„Also gut“, gab Souta Mark unwirsch frei. „Und jetzt geh!“, forderte er von Mark. Dieser rieb sich den lädierten Hals und hustete kläglich. Er drehte sich zur Tür, doch blickte er noch einmal zurück.
„Das hat noch ein Nachspiel…“, drohte er Souta, bevor er im Treppenhaus verschwand.

Foxy drückte die Tür ins Schloss und lehnte sich erleichtert aufseufzend ans Holz.
„Puh. Souta. Danke. Ich hatte schon das schlimmste befürchtet. Und dann kommst du auch noch mit der Mafia-Sache. Du gehörst aber nicht wirklich dazu, oder?“ Das musste sie jetzt aber wirklich wissen.
„Iie. Aber das weiß dieser Mark ja nicht“, lachte er. „Bist du soweit in Ordnung? Was war das eigentlich für ein Typ?“

„Machen wir uns einen Tee, dann erzähl ich dir alles“, lud sie Souta als Dankeschön zu einer Teestunde ein. Seit Souta da war, wurde sehr viel mehr Tee getrunken. Foxy mochte das und jetzt zur Beruhigung war es auch wirklich nötig. Das ganze hatte sie mitgenommen und sie merkte, wie sie sogar ein wenig zitterte.

Als sie in der Küche waren, fiel ihr Blick automatisch auf den Kräutertopf. Da war doch noch was…
„Wo ist denn Blacky?“, vermisste sie ihr Chinchilla.
„Hier“, holte Souta die kleine aufgeregt quietschende Pelzkugel aus seinem weißen Trainings-Oberteil. „Lord Black-Fur geht es gut. Er hat mit Begeisterung mit mir trainiert“, wuschelte er das Tierchen, bevor er es an Foxy weitergab.
„Ihr zwei scheint ein Herz und eine Seele zu sein“, lachte sie und war froh, dass ihre Tiere im Drachen 9 von allen so gemocht wurden. „Ich bringe ihn nur gerade zu seinem Bruder und füttere sie. Dann bin ich zum Tee gleich wieder da.“
„Ja. Ich bereite ihn schon vor.“

*

Wenig später saßen sie am Tresen und schlürften heißen grünen Tee.
„Also, wer war der Typ? Der hatte heute schon einen zuviel intus…“
„Ja“, stöhnte Foxy auf. „Das war Mark. Ich war mit ihm einige Wochen zusammen, bis ich herausgefunden habe, dass er nicht nur mich hatte. Ich habe also Schluss gemacht. Doch er will das so nicht wahrhaben. Er war öfter hier im Drache, um mich zu überreden, doch da waren immer die Jungs da und konnten mir helfen… Er will es einfach nicht einsehen. Besonders wenn er Alkohol getrunken hat. Und er trinkt gerne und viel.“
Souta grübelte etwas über Foxys Erzählung nach. Das klang so ähnlich wie bei ihm.
„Das ist fast wie bei mir mit Robert. Er geht fremd und verlangt, dass ich ihm das verzeihe und beschwert sich, dass ich wie ein Mädchen rumzicken würde. Nur er trinkt nicht so viel. Und eigentlich hat er recht gute Noten beim Studium.“
„Tja. Verstehe einer die Männer…“, seufzte Foxy frustriert und trank vom Tee.
„Hey!“
„Schon gut! Männer des Drachen sind natürlich ausgeschlossen!“
Sie lachten und Foxy hatte ihren Schreckmoment des Tages überwunden.

*

Sie wurden zu später Stunde in Kerzenlicht gehüllt mit diversen Getränken auf der Terrasse von Ralf, Marvin und Zimmer Nr. 2 vorgefunden, die gemeinsam aus gewesen waren. Vom kleinen Supermarkt unten an der Ecke hatten sie noch einige Knabbereien besorgt und verteilten diese nun großzügig an alle Anwesenden. Hennes und Hakvinn kuschelten sich zu zweit in einen Korbsessel und überließen den beiden anderen das breite Rattan-Sofa, wo sie sich von dem Mädchen Soutas heldenhaftes Auftreten erzählen ließen. Souta wiegelte die Dankesworte ab, so toll war das nicht gewesen. Für ihn eine leichte Übung und natürlich selbstverständlich den WG-Mitbewohnern zu helfen, wenn es nötig war.

Dagegen fragte er, wer denn am Sonntag Lust hätte, zum offenen Training im Dojo vorbeizukommen. Foxy grinste nur, dann aber eröffnete sie ihm die Überraschung:
„Wir kommen alle!“
„Wie ‚alle‘?“
„Na alle eben. Der ganze Drache wird da sein. Konstantin und ich haben alle anderen überredet. Wir werden dich anfeuern.“
„Anfeuern? Das ist doch kein Turnier“, lachte Souta über Foxys Enthusiasmus. „Es wird ein ganz normales Training sein, damit man sieht, was z.B. die Kleinen üben und was dann bei Älteren schon trainiert wird.“
„Gibt es denn keine Showkämpfe?“, fragte auch Marvin nach. Da hatte er sich wohl drauf gefreut.
„Ja. Aber es werden nur kleinere Elemente gezeigt. Diese Kämpfe sind genau abgesprochen.“
„Achso, naja. Trotzdem werde ich dich anfeuern“, war Foxy fest entschlossen.

*

Irgendwie fand Souta diese Nacht nicht wirklich in den Schlaf. Der Gedanke, dass am Sonntag die ganze WG im Dojo war, machte ihn nervös. Denn Sean würde mit dabei sein. Eigentlich konnte Souta so zeigen, was er drauf hatte, zumindest ein bisschen. Aber genau das war das Problem… Wenn er etwas falsch machte, sah der Schotte das auch…

Souta seufzte, dann fiel ihm ein, dass er morgen früh mit Konstantin shoppen gehen sollte. Das war noch viel schlimmer!

 

...

 


 

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