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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 5"

 


Souta hatte sich bereits einen Tag später erstaunlich gut im „Drachen 9“ eingelebt und verstand sich mit allen Mitbewohnern ausgesprochen gut. Mit Sean hatte er ein stilles Übereinkommen, sich möglichst aus dem Weg zu gehen, was bisher ganz gut klappte. Auch wenn Souta Seans Präsenz nur schwerlich ignorieren konnte. Sobald der Schotte den gleichen Raum betrat, stellten sich Soutas Nackenhärchen auf. Er stand sofort unter Strom. Nicht zuletzt, weil Sean ihn stets anstarrte, aber nichts sagte. Allerdings hielt er Abstand.

Zudem konnte Souta CJs strikte WG-Organisation erleben. Der große zweiwöchige Kalender an der Küchenwand wurde im Bereich „Putzen“ um Souta ergänzt und die aktuelle Motto-Party war in großen roten Buchstaben für den Montag eingetragen.

Souta und Hakvinn hatten die Party-Kasse geprüft. Dazu holte Hakvinn eine große Whisky-Büchse mit einer Menge Münzen und kleinen Scheinen darinnen hervor.
„Die wird zur Party hier auf den Tresen gestellt. Jeder Gast gibt dann einfach was darein“, erklärte er ihr Bezahlsystem. Nachdem der Kassensturz eine stolze Summe zutage förderte, konnten sie bereits ausreichend Getränke vom nahen Supermarkt unten an der Ecke für die Party organisieren und die Kästen auf der Terrasse platzsparend deponieren.

Seitdem jammerte Hakvinn über Muskelkater. Konstantin und Kim spendeten ihm ehrliches Mitleid, von den anderen wurde er ein wenig ausgelacht. Hennes nutzte die Gelegenheit, um seinen Schatz heroisch vor den Lästermäulern zu beschützen, ihn tröstend zu küssen und dann für eine ausgiebige Massage in ihr Zimmer zu entführen. Da waren auch die Lacher still und neidisch, denn Hennes hatte angeblich gottgleiche Hände. Seine Massagen waren ein Traum und wenn man Hakvinn danach so entrückt grinsen sah, glaubte man das sofort. Oder lag es an der persönlichen Extrabehandlung nach der Massage? So genau wusste man das nicht.

*

Einen Schockmoment hatte Souta am Donnerstag, als er vom Dojo auf dem Rückweg zur WG war. Es war sehr spät geworden und es ging schon auf halb eins zu. Er hatte die Gelegenheit genutzt und nach dem letzten regulären Training mit einem befreundeten Schwarzgurt einen feinen Kampf ausgetragen. Jetzt war er kaputt ohne Ende, hatte sicherlich den ein oder anderen blauen Fleck einkassiert, aber nach seinem Umzug war es das erste richtige Training, wo er sich ganz verausgaben konnte. Das hatte er gebraucht. Nicht zuletzt hatte er dadurch endlich seinen Ex, aber vor allem einen gewissen Schotten aus dem Kopf bekommen, der da seit zwei Tagen immerzu irgendwie herumschwirrte, obwohl Souta doch kaum was mit ihm zu schaffen hatte.

An der vorletzten Haltestelle, bevor er die Straßenbahn am Drachen verlassen musste, stieg eine auffällige Persönlichkeit zu. Die übertrieben geschminkte etwas korpulente Frau war in ihrem Glitzerfummel und den unechten langen blonden Locken nicht zu übersehen und nachdem sie ihre Karte entwertet hatte kam sie zielstrebig auf Souta zugelaufen. Sie umarmte ihn und begrüßte ihn mit lautem „Hallo“ und redete aufgeregt auf ihn ein.

„Hey. Stopp! Was soll das?“, schob Souta diese aufdringliche Person von sich. Noch heiß vom Training ging er schon automatisch in Abwehrhaltung. Etwas war an dieser großen Frau seltsam.
„Hmm… Aber Souta? Geht es dir nicht gut? Hast du was getrunken? Du siehst auch völlig fertig aus.“
„Das sollte ich Sie fragen“, blieb Souta gezwungen höflich, auch wenn ihm die Stimme bekannt vorkam. Er kannte aber diese Frau nicht.
„Souta?“, fragte die Fremde noch einmal nach, dann aber riss sie die Augen auf und legte erschrocken eine Hand mit gefährlich langen Fingernägeln auf ihre Brust.
„Ja, Hoppala. Das habe ich gar nicht bedacht. So kennst du mich ja gar nicht.“
Und jetzt hörte Souta auch den österreichischen Akzent heraus.
„Konstantin?!“, fragte er und konnte das leichte Entsetzen aus seiner Stimme nicht heraushalten.
„Nein, nicht doch. Jetzt bin ich Konstanze“, lachte Konstantin. Und jetzt, wo Souta wusste, wen er vor sich hatte, erkannte er seinen Mitbewohner auch.
„Mensch, was machst du in diesem Aufzug hier? Warst du auf der Piste?“, hakte Souta nach, obwohl er das gar nicht genauer wissen wollte. Er hatte nicht gedacht, dass Konstantin so ein freizügiger Mensch war.
„Ach nein. Nicht was du vielleicht denkst, mein Süßer. Ich trete mehrmals die Woche im ‚Queer Star‘ auf. Als Konstanze. Ich mache eine Travestie-Comedy-Show. Irgendwie muss man ja sein Geld verdienen.“
„Und du verdienst gut dabei?“, war jetzt Souta ehrlich interessiert. Nachdem er seinen ersten Schock überwunden hatte, konnte er sich Konstantin durchaus gut auf einer Bühne vorstellen. Er wirkte mit seiner so ganz anderen Aufmachung noch einmal sehr viel selbstbewusster.
„Ja. Ziemlich gut. Komm doch mal vorbei“, lud Konstantin ihn ein und erzählte ein wenig von seiner kleinen Show, aber auch vom ‚Queer Star‘, ein kleiner schmucker Club.

*

Sie verpassten durch das Quatschen fast ihre Haltestelle und sprangen hektisch aus der Bahn.
„Souta, warte kurz“, stöhnte Konstantin auf, als er sich schwer an den Steindrachen lehnte. Etwas wackelig zog er sich seine Absatzschuhe aus, die Souta schon wehtaten, wenn er sie nur sah. Doch sie komplettierten Konstantins Outfit. Jetzt trug er sie in der Hand und lief die letzten Meter barfuß. Sie hatten Sommer, da war das gewiss kein Problem, doch was wollte Konstantin im Winter machen?
„Ah! Jetzt geht es schon besser. Diese Schuhe bringen mich irgendwann noch um. Aber ich liiiebe sie“, erklärte Konstantin, als sie sich Zutritt zu ihrem Haus verschafften und die Stufen in Angriff nahmen. Souta konnte da nur lachen. Waren das doch die typischen Sprüche High Heels vernarrter Frauen.
„Warum nimmst du dir nicht einfach ein paar flache Turnschuhe für den Weg hin und zurück mit?“
„Maus, das ist eine grandiose Idee. Vielleicht welche mit silbernen oder goldenem Glitzer. Dann passt es sogar noch einigermaßen zu meinen Kleidern.“

„Ich habe immer grandiose Ideen“, tat Souta ein wenig eingebildet.
„Ja, die hast du. Deswegen gehen wir am Samstag gemeinsam einkaufen. Du musst mich beraten.“
„Wieso ich?“, war Souta jetzt erneut entsetzt. „Nimm Kim mit. Die ist eine Frau. Die können doch viel besser shoppen“, versuchte er den schwarzen Peter jemand anderen zuzuschieben.
„Ne, Spatzl. Die süße Foxy taugt als Shopping-Begleitung nicht. Habe ich schon ausprobiert. Ihr Stil ist einfach zu abgedreht. Da passt ja kein Teil zum anderen.“

„Und Ralf? Der is‘ Künstler! Die sollten doch wissen, was zusammenpasst.“
„Souta, wirklich? Hast du schon mal eine seiner Arbeiten gesehen? Es gibt Picasso-Künstler und es gibt Monet-Künstler. Ralf ist eindeutig ein Picasso.“
Mit Kunst konnte Souta nicht so viel anfangen, doch verstand er, was Konstantin ihm sagen wollte.
„Aber immerhin ist er kreativ. Ich bin Mathematiker“, versucht Souta es erneut.
„Och Souta. Ich kaufe dir auch was Feines, wenn du mitkommst“, verlegte Konstantin sich aufs Betteln, während er sich hinter Souta die Treppen hinaufkämpfte und schon heftig schnaufte. Oben angekommen schlammasterte er irgendetwas auf Österreichisch vor sich hin, was Souta beim besten Willen nicht verstand.

„Willst du noch einen Tee?“, bot Souta Konstantin an. Er brauchte das jetzt, um erst einmal vom Training runter zukommen.
„Ja, das wäre gut. Ich komme gleich…“, verschwand Konstantin erst einmal in sein Zimmer.

Souta steuerte direkt die Küche an und versuchte nicht zu viel Krach zu machen. Die WG lag still im Dunklen. Natürlich. Alle schliefen schon. Jeder musste morgen früh zur Uni, obwohl es ja doch Freitag war. Das gängige Klischee, Vorlesungen würden nur von Dienstag bis Donnerstag gegeben werden, damit die Profs lange Wochenenden hätten, stimmte zumindest bei ihnen nicht. Und CJ war in seinem Club, der würde erst am frühen Morgen zurückkommen.

Während der Wasserkocher seine Dienste tat, trat Souta auf den Balkon hinaus. Hier wehte frischer herrlich kühler Wind. Er zog sich seine leichte Jacke und das Trainings-Shirt aus und genoss den angenehmen Luftzug, bis ihm ein Schauer über den Rücken lief. Er brauchte sich gar nicht umzublicken. Er wusste auch so, dass Sean hinter ihm in der Tür stand.

„Mensch, was‘n mit dir passiert? Haste dich verprügeln lassen?“
Klar, Sean fragte nicht, ob es ihm gut ging. Er wollte ihn ärgern, ihm sagen, dass er nicht viel von ihm hielt und der Meinung war, dass der kleine Japaner gegen andere sicher keine Chance hätte. Souta wollte schon dagegen sprechen, doch ließ er es. Sean war nicht der erste, der sich über seine geringere Größe lustig machte, auch wenn es ihm bei dem Schotten wirklich aufregte. Er wollte, dass Sean wusste, was er konnte. Am liebsten hätte er ihn auf die Matte geholt und ihn zu einem richtigen Kampf herausgefordert. Souta wusste genau, was er drauf hatte. Er war nicht leicht zu schlagen. Eigentlich hätte er schon länger den schwarzen Dan haben können, wenn er sich die Mühe der Prüfungen machen wollte. Doch im Moment lag seine Aufmerksamkeit auf seinem Studium.

Er drehte sich zu Sean um, der aussah, als hätten sie ihn gerade geweckt. Die Haare waren verwuschelt, die Hose hing nur so leidlich auf seinen Hüften, auf ein Oberteil hatte er wie so oft gänzlich verzichtet. Er sah gut aus!

„Willst du auch einen Tee?“, fragte Souta übertrieben höflich und verbeugte sich in typisch asiatischer Art.
„Ne. Ich wollt‘ nur sehen, ob ihr zwei noch lebt. Ich wollte CJ schon anfunken.“
„Wie du siehst, geht es mir gut und auch Konstantin hat seine Mörderschuhe überlebt“, antwortete Souta schnippisch und drückte sich an dem großen Bären vorbei in die Küche. Das Wasser war bereit zum Aufgießen.
„Hmmm… macht nicht noch so viel Krach“, brummte Sean und verschwand wieder im Flur.

„Arschloch“, knurrte Souta ihm hinterher. Mit dem würde er nie warm werden.
„Warum beschimpfst du mich, Süßer?“, antwortete ihm Konstantin, der sich zumindest die goldenen Locken und das Glitzerkleid ausgezogen hatte. Jetzt wirkte er mit seiner Schminke und den langen Fingernägeln noch merkwürdiger.
„Ach. Nicht du. Der Bär.“
„Der Bär? Wer ist der Bär?“
„Na wer ist denn hier so brummig und unleidlich wie ein Bär? Da gibt’s doch nur einen.“
„Oh, du meinst Sean? Was wollte er?“
„Mich ärgern. Und wissen, ob wir noch leben.“
„Was? Sean will dich gewiss nicht ärgern. Er mag dich.“
Jetzt musste Souta ungläubig lachen. „Wie bitte? Wenn man jemanden mag, geht man doch so nicht mit einem um? Immer will er mich provozieren und mal ein höfliches Wort hatte er von Anfang an nicht für mich übrig.“
„Also, Süßer, da verstehst du ihn aber ganz falsch… Wenn er dich nicht mögen würde, würde er gar nicht mit dir reden. Er ist eben ein etwas grober Kerl. Aber wenn wir ihm egal wären, hätte er nicht so lange auf uns gewartet. Mein Auftritt hat nämlich auch länger gedauert, als eigentlich gedacht.“

Darauf wusste Souta nichts zu erwidern. Er fand es toll, wie sich die WG um einzelne Mitbewohner kümmerte und sogar wie Sean wach blieb, bis alle wieder da waren. Aber zwischen einen Mitbewohner achten und ihn mögen, lagen Welten. Und zwischen dem Schotten und dem Halbjapaner sowieso. Er hangelte aus einem Fach zwei Tassen, als er Konstantin hinter sich erschrocken einatmen hörte.
„Souta! Was ist passiert?“, fragte er bestürzt.
„Was? Was ist denn los?“
„Dein Rücken ist los“, klang Konstantin noch immer entsetzt.
„Mein Rücken? Bestimmt ein blauer Fleck. Bin vorhin auf die Bretter gestürzt. Das verheilt wieder“, wiegelte er ab. Er hatte nicht das erste Mal blaue Flecken.
„Das ist aber nicht nur ein blauer Fleck. Souta, das blutet! Das müssen wir verarzten. Ich hole Foxy“, rief Konstantin und war schon aufgesprungen und im Flur verschwunden, bevor Souta ihn aufhalten konnte.
„Was?“ Souta war verwirrt. Klar ziepte es auf seinem Rücken etwas, aber Blut? Konstantin übertrieb sicherlich… Dann erblickte er sein T-Shirt, das er mit der Jacke auf das Sofa geschmissen hatte. Er nahm es auf und entdeckte tatsächlich einen großen roten Fleck am Rücken. Tja. Da hatte er wohl doch mehr abbekommen, als gedacht.

Keine Sekunde später kam Konstantin wieder und zog eine nörgelnde Foxy hinter sich her. Das arme Mädchen blinzelte grätig in das helle Wohnzimmerlicht und rieb sich die Augen, gähnte herzerweichend. Sie hatte bestimmt schon tief und fest geschlafen.
„Konstantin, was’n los?“
„Hier. Ein Patient für dich“, schob er sie nur auf Souta zu und bedeutete ihm, sich gefälligst umzudrehen, damit sie seinen Rücken sehen konnte. Foxy riss die Augen auf und war plötzlich hellwach.
„Wow. Souta. Hast du dich verprügeln lassen? – Ich bin gleich wieder da.“ Schon war sie wieder verschwunden.

Die gleichen Worte wie Sean, dachte sich Souta, als er sich von Konstantin auf einen Stuhl neben den Esstisch schieben ließ, damit Foxy gut an seinen Rücken herankam. Sie war auch gleich wieder zurück; mit einem kleinen Köfferchen. Sie richtete auf dem Tisch ihre kleine mobile Praxis ein und legte sich alles griffbereit zurecht. Konstantin verzog sich vorerst wieder in die Küche, um endlich den Tee fertig zu machen. Wenn es zu Wunden und Blut kam, war er nicht wirklich zu gebrauchen.

So ließ er Souta also mit seiner Verwunderung allein, denn studierte Foxy nicht Tiermedizin? Wusste sie da überhaupt mit Menschen umzugehen? Ihm war wohl seine Skepsis anzusehen.
„Keine Sorge, Souta. Ich habe schon reichlich Leute verarztet. Außerdem hast du ja keine seltene Mäusekrankheit oder Pferdekolik. Eine offene Wunde ist eine offene Wunde. Die wird überall gleich behandelt“, erklärte sie ihm und hantierte schon an seinem Rücken herum. Es ziepte zwischendurch schon, aber sie war trotzdem sehr sanft und erstaunlich geschickt und routiniert. Nach nur wenigen Minuten hatte sie die Wunde gesäubert, einen kleinen Holzsplitter mit der Pinzette entfernt und nach genauer Inspektion befunden, dass sie gar nicht genäht werden musste. Die Schürfwunde war zwar großflächig, aber nicht besonders tief. Sie brachte eine Heilsalbe auf und deckte alles mit einem großen Pflaster ab, damit die Wunde sich über Nacht beruhigen konnte. Er bewegte sich probehalber. Es saß alles fest und würde die Nacht gut halten.
„Und morgen am besten noch nicht duschen. Wenn du mit Waschen Probleme hast, helfe ich dir gerne“, erklärte Foxy dann kichernd. „Oder Konstantin“, ergänzte sie, als sie den Österreicher in der Küche erblickte. „Komm ruhig wieder her, du Angsthase. Kein Blut mehr zu sehen und Souta geht es gut.“

„Ich kann nun mal kein Blut sehen, Süße. Sonst hättest du dort nicht nur Souta sitzen, sondern mich auch am Boden liegen. – Hier, Tee!“, reichte er allen einen vollen Becher. Anscheinend machte ihm seine Schwäche nichts weiter aus und er ließ sich auch von dem Mädchen deswegen gar nicht ärgern.
„Aber beim Waschen helfe ich dir wirklich gern…“, zwinkerte er Souta dann noch zu.
„Ich glaube, ich komme ganz gut allein zurecht“, befand Souta sich selbst für fähig genug morgen eine Katzenwäsche zu absolvieren. Er war ja nicht körperlich beeinträchtigt. Er sollte nur nicht in die Dusche.
„Danke, Foxy. Ich habe das vorhin gar nicht gemerkt. Ich habe mit einem Freund noch einen Trainingskampf absolviert und da war ich noch so voller Adrenalin, dass so eine Wunde erst viel später zu schmerzen anfängt.“
„Ja. Und mich hast du damit ganz schön erschrocken“, beklagte sich Konstantin. „Hat denn Sean nichts gesagt? Der hat dich doch auch gesehen.“
Souta grummelte. Hatte er ja. Aber das hatte er falsch aufgefasst.
„Na, lass mal den Bär“, lenkte Konstantin ein, da er Soutas Unbehagen sah. Aber lachen musste er dabei schon etwas. Dieser Spitzname passte so hervorragend zu ihrem großen Schotten. Dass er da nicht schon längst selbst drauf gekommen war…
„Was ist eigentlich mit deinem Ex? Terrorisiert er dich noch immer am Telefon?“, wollte er dann noch von Souta wissen.
„Ne, zum Glück nicht mehr.“
„Was macht er denn?“, fragte Foxy neugierig nach, die in der Zwischenzeit ihre Sachen reinigte, desinfizierte und wieder ordentlich einpackte.
Souta erzählte ihr, was noch in seiner ersten Nacht in der neuen WG passiert war:

Sein Ex hatte in der Nacht angefangen, ihn über das Smartphone mit Nachrichten und Anrufen zu terrorisieren. Anders konnte man das nicht nennen. Beim ersten Anruf war Souta noch rangegangen, um sich und die Situation zu erklären. Er hatte zwar mit Unverständnis und Erklärungsversuchen von Robert gerechnet, aber nicht mit so einer Ausschreitung, wie Robert es dann veranstaltete. Da fielen dann sogar Sprüche wie „du gehörst zu mir“, „du hast zurückzukommen“, „du Egoist“. Sein jahreslanges Training gab Souta die Kraft ruhig zu bleiben und Robert nur zu sagen, dass er ganz ausgezogen wäre, schon eine neue Unterkunft gefunden hatte und jetzt auflegen musste, da morgen ein anstrengender Uni-Tag auf ihn wartete. Das hatte er dann auch getan, doch sein Telefon blieb nicht still. Er stellte es dann auf lautlos und zusätzlich schaltete er das Internet aus. So kamen auch keine WhatsApp-Nachrichten rein oder anderes.

Die bekam Souta am nächsten Morgen, als das Telefon alles nachreichte, was noch so im Äther herumschwirrte. Er entschuldigte sich bei Konstantin, mit dem er an diesem Morgen gleichzeitig zur Uni aufbrechen musste und daher gemeinsam beim Frühstückskaffee am Tresen saß. Der hatte sich gleich mal so einiges angehört und durchgelesen und als Souta schon alles löschen wollte, hielt er ihn davon ab.

„Maus. Das klingt nicht gut, was dein Ex da schreibt. Da sind ja schon fast Drohungen und sehr grobe Beleidigungen dabei. Heb‘ das alles noch auf. Ich hoffe es wirklich nicht, aber manchmal ergibt es sich in der Zukunft, dass etwas passiert, wo du diese Sachen als Beweis brauchst.“
„Quatsch. Robert würde mir doch nie etwas antun“, stritt Souta gleich ab.
„Ach ja? Hättest du von ihm erwartet, dass er dich so oft hintergeht? Hättest du gedacht, dass er dich so böse beschimpft, wo er doch derjenige ist, der Unrecht getan hat? Souta, ich, als angehender Anwalt, rate dir, sei vorsichtig und lösche diese Nachrichten nicht, so sehr du es auch gerne tun würdest.“
Es klang vernünftig, was Konstantin da sagte. Und es tat ihm nicht weh, die Nachrichten nicht zu löschen. So beließ Souta alles auf seinem Handy und versuchte es einfach zu vergessen.

*

„Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört“, schloss Souta seine kleine Erzählung ab.
„Das klingt ja gut. Aber so wie du mir Robert beschrieben hast und was er so geschrieben hat, traue ich dem Frieden nicht. Pass gut auf dich auf Souta und scheue dich nicht, CJ um Hilfe zu bitten.“
„Konstantin! Du wärest ein hervorragender Krimiautor. Du machst das alles ganz schön dramatisch.“
„Ich mache gar nichts dramatisch. Ich will nur nicht, dass dir etwas passiert, Souta. Du gehörst zum Drachen und ich mag dich wirklich sehr!“
„Ja. Ich stimme Konstantin zu! Pass lieber einmal zuviel auf, als zu wenig“, mischte sich auch Foxy ein.
„Danke für eure Sorge, aber sollte er mir wirklich was tun wollen, weiß ich mich ganz sicher zu verteidigen. Ich trainiere nicht umsonst. – Übrigens Training. Jetzt am Sonntag haben wir ein offenes Training. Da kann jeder kommen und zuschauen. Egal ob nur als Gast oder potentieller Trainingsinteressent. Mögt ihr vorbeikommen?“
„Oh! Das klingt spannend. Wann denn genau?“
„Früh um 10 geht es los.“
Konstantin sprang auf und schnappte sich eine rote Kreide. Am Wochenplan trug er am Sonntag in großer Blockschrift „Souta: offenes Training – 10 Uhr“ ein.


„So! Wer jetzt näheres wissen will, kann dich direkt fragen. Aber so weiß jetzt die ganze WG Bescheid.“ Dabei streckte sich Konstantin und gähnte herzhaft.
„Aber jetzt ist erst mal Feierabend. Lasst uns ins Bett gehen. Morgen wird ein langer Tag. Lasst ihr mich ins große Bad?“
„Klar. Mach dich mal Schlaffein. Ich darf ja noch nicht duschen“, lachte Souta. Konstantin war schon eine kleine Diva. Aber eine ganz liebe. Foxy wollte sich nur eben die Hände waschen gehen und war dann gleich in ihrem Zimmer verschwunden. Es dauerte auch nicht mehr lang und Souta lag in seinem Bett und schlief tief und fest.

 


 

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