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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 4"

 


Souta hatte noch nicht ganz seinen Kaffee ausgetrunken, als im Flur die Wohnungstür klappte und zwei Stimmen zu hören waren. Nur wenige Augenblicke später stand ein weiterer Mitbewohner in der Wohnzimmertür und schnupperte.
"Es duftet nach Mittag. Ist noch etwas da?"
Wie von Geisterhand geführt, steuerte der etwas moppelige junge Mann direkt auf den Herd zu und guckte in die Töpfe.
"Hmmm, sieht auch so gut aus, wie es duftet. Darf man sich da noch was nehmen?"
"Greif zu, bevor Sean noch den Rest wegfrisst", lachte CJ und wirkte nach dem deftigen Mittag und seinem starken Kaffee weniger verkatert als am Morgen, eigentlich schon locker und entspannt.

Souta schaute neugierig zu, wie der Mann in der Küche für offensichtlich zwei Personen Teller zurecht machte und Besteck herausholte, dabei zufrieden vor sich hinsummte. Er war mit Hemd und feiner Stoffhose für einen Studenten erstaunlich adrett gekleidet, auch wenn es ihm stand. Nur die pinkfarbenen Socken und das dazu passende kleine Halstuch wirkten aus der Reihe, sehr extravagant und - definitiv schwul. Souta weigerte sich eigentlich, Menschen nur rein nach ihrem Äußeren zu beurteilen, aber dieser Mann machte durch seine Aufmachung und jede seiner eleganten Bewegung deutlich, dass er zur Regenbogen-Gemeinschaft gehörte und wollte, dass man es auch sah.

Souta konnte sich diesen Mitbewohner in Ruhe anschauen, denn erst als er mit den zwei Tellern in einer Hand und einem Glas Wasser in der anderen Hand geschickt zu ihnen an den Tisch kam, entdeckte er Souta.
"Oh. Hoppala. Wie unhöflich. Ich bin Konstantin. Bist du ein Gast oder schon unser neuer Mitbewohner?"
"Neuer Mitbewohner", grummelte der Bär.
"Ich bin Souta", ignorierte Souta den Schotten und reichte Konstantin die Hand. Er hörte deutlich den österreichischen Akzent heraus, aber bisher sprach er für alle verständlich hochdeutsch. Außerdem schien Konstantin sehr gute Manieren zu besitzen und neugierig war er auch. Noch beim Hinsetzen rückte er zu Souta auf und befragte ihn. Zu seiner Herkunft, zu seinem Nachnamen, der ja gar nicht japanisch war. Wie es denn in Japan so wäre und wie er mit den beiden so ganz unterschiedlichen Kulturen klar kam. Dabei aß er mit Genuss sein Mittag.

"Hat jemand Blacky gesehen?", rief es da mittenrein aus dem Flur.
"Der Graf liegt im Schnittlauch und dein Essen wird kalt", antwortete Konstantin und zitierte das Mädchen zu ihnen an den Tisch. "Komm essen, deinem Tierchen geht es gut."
Aufgeregt sprang sie um die Ecke in die Küche und schaute nach Lord Black-Fur. Erleichtert kam sie dann doch zu ihnen an den Tisch. Erst da sah sie Souta.

Und Souta guckte nicht schlecht. Das war ja das Mädchen aus der Uni, mit den pinken Haaren, das ihm den Zettel gegeben hatte.
"Hey, hey. Wen haben wir denn da? Und, schon eingelebt?", zwinkerte sie ihm zu und lachend zog sie sich ihren Teller heran und ließ sich neben Souta auf einen Stuhl nieder. Jetzt hatte er rechts den sehr neugierigen Österreicher sitzen und links das aufgedrehte genauso neugierige Mädchen.
"Ich bin übrigens Kim. Oder Foxy… Wie du willst."
"Ich bin Souta. Vielen Dank für deine Hilfe. Es ist toll hier."
"Das freut mich."
"Ihr kennt euch?", fragte Hakvinn interessiert nach.
"Na ja. ‚Kennen' ist vielleicht zu viel gesagt. Sie hat mir heute Morgen in der Uni euren Aushang für das Zimmer gezeigt."
"Foxy! Du sollst doch unsere neuen Mitbewohner nicht vorsortieren", grummelte da CJ. "Sicher hast du ihm den Zettel mitgegeben und kein anderer hatte mehr die Möglichkeit sich hier vorzustellen."
"Ja und? Du hast ihm doch das Zimmer anscheinend auch sofort gegeben. Also, wozu die Aufregung? Er ist doch ein ganz Süßer, oder nicht?" Dem stimmte Konstantin zu und kicherte, Sean brummte, Hakvinn lachte. Und Souta wurde rot. Glaubte sie etwa, sie könne ihn anmachen?
"Ob süß oder nicht, ist egal. Es geht darum, ob jemand zu der WG passt oder nicht", wollte sich CJ noch nicht geschlagen geben.
"Wer hat denn gekocht?", fragte Kim nebenbei.
"Souta und Hakvinn."
"Na, also. Wer kochen kann, passt schon mal hervorragend", lachte sie wieder. Sie nahm sich ein Fleisch-Bällchen und biss erst prüfend ein kleines Stückchen ab.
"Das ist wirklich gut. Also kannst du bleiben", entschied sie und damit war das Thema erledigt.

*

Die Runde war entspannt und Souta unterhielt sich angeregt mit allen am Tisch. Sogar Sean warf immer mal einen Kommentar mit ein, auch wenn er nach wie vor recht grummelig war. Aber Souta erkannte, dass das einfach seine Art war.

Kim entschied, dass für alle noch ein Nachtisch gut wäre und angelte Kekse und einen abgepackten Kuchen aus dem Schrank und stellte alles auf den Tisch. Dann ging sie noch einmal zurück und holte aus den Kräutern ihr kleines Chinchilla. Es wurde gerade munter und neugierig. Aufgeregt schnupperte das Tierchen und flitzte auf dem Tisch ein wenig herum und begrüßte alle. Auch Sean durfte das Kleine streicheln und überraschend zärtlich hielt er es für ein paar Minuten in den großen Händen.

Dann aber musste der Neue erkundet werden. Erst zögerlich schlich es heran und Souta hielt still. So kam der Graf Stück für Stück näher, bis er sich in Soutas offene Hand schmiegte. Er kraulte es und plötzlich flitzte der kleine Nager an seinem Arm herauf, auf die Schultern und von da aus hangelte es sich an seinen Haaren hinauf bis auf den Kopf. Dort saß es nun, quietschte begeistert und war der König der Welt, denn von hier oben hatte man einen hervorragenden Blick und in Soutas schwarzen Wuschelhaaren konnte man sich auch super festklammern, um nicht herunterzufallen.

So war auch Lord Black-Fur der erste, der einen weiteren WG-Mitbewohner in der Tür entdeckte und aufgeregt fiepte. Ralf wurde von allen mit lautem Jubel begrüßt. Er quetschte sich neben Sean auf die Eckbank und ließ sich nebenher den Neuen vorstellen, während Konstantin aufsprang, um ihm den Rest vom Mittag zu servieren. Zwar wurde Ralf gar nicht gefragt, ob er überhaupt Hunger hatte, doch so enthusiastisch, wie er sich über das Essen hermachte, schien er heute noch gar nichts gegessen zu haben.

Souta wunderte sich schon nicht mehr über die seltsamen Leute hier. Dieser Ralf war genau wie Konstantin oder Kim schon vom Anblick her ganz ungewöhnlich. Er hatte einen kleinen Schnauzer, den er schön gedreht hatte. Auf dem Kopf hatte er einen runden Hut, der nun auf der Bank neben ihm lag. Dazu trug er Klamotten, die insgesamt ein wenig altertümlich wirkten. Über einem weißen Hemd trug er eine gestreifte Weste, unten hatte er eine schwarze Stoffhose mit hohem Bund an. Aus der Westentasche baumelte ein Kettchen, was eine traditionelle Taschenuhr vermuten ließ. Aber Ralf studierte ja Kunst, wie ihm Hakvinn heute Morgen erklärt hatte, da durfte er auch so ungewöhnlich aussehen.

Nur wenige Minuten später wurde es wirklich voll am Tisch. Der letzte WG-Mitbewohner kam singend in den Raum und freute sich offensichtlich über ihren Neuzugang.
"Hey, Bro'. Herzlich Willkommen im Drachen", griente er ihn an. Das war also Marvin, der hauseigene DJ. Man sah ihm seine afroamerikanische Abstammung deutlich an, obwohl er eine hellere Hautfarbe hatte und seine Augen waren ein strahlendes Blau. Dies gab ihm eine besondere Ausstrahlung. Marvin erwischte Souta beim Starren und lachte; erklärte dann sehr bereitwillig, dass sein Vater ein schwarzer US-Soldat und seine Mutter eine weiße Deutsche war. Er war eine gelungene Mischung aus den besten Teilen seiner Eltern, wie er selbst stolz erklärte.

"Und jetzt brauche ich was zu essen. Ist noch was da?", fragte Marvin hoffnungsvoll in die Runde. Peinliches Schweigen antwortete ihm und Kim reichte ihm den Kuchenteller, auf dem sogar noch ein krümeliges Stück lag.
"Ihr Raupen. Ihr wisst doch, dass ich Hunger habe, wenn ich vom Training komme. Jetzt muss ich nochmal runter zum Chinesen an die Ecke." Bevor Marvin jedoch traurig von dannen zog, sprang Souta auf. Er drückte Marvin auf seinen Stuhl und verbeugte sich leicht vor ihm.
"Gib mir fünf Minuten. Dann hast du was Leckeres auf dem Teller." Und damit verschwand er in der Küche, von den anderen am Tisch gespannt beobachtet. Und Lord Black-Fur fiepte begeistert. Er saß noch immer auf Soutas Kopf, der geschickt die Balance hielt und beim Gemüse Schnippeln immer mal ein kleines Gurkenstück oder etwas Paprika für den Grafen nach oben reichte.

Es dauerte dann doch zehn Minuten, bis Marvin sein Essen hatte, aber das machte nichts. Souta hatte ein wenig Show geliefert, indem er gekonnt mit dem riesigen Messer arbeitete, es auch mal in die Luft warf und ohne Verletzung wieder auffing. Da der Herd ein Cerankochfeld hatte, konnte er nicht mit Feuer spielen, doch das Gemüse in der Pfanne mit viel Schwung schwenken ging auch so und reichte, um die Bande am Tisch staunen zu lassen. Die reichliche Gewürzauswahl machte es ihm möglich, dass das Gericht asiatisch schmeckte. Und da er es Marvin zutraute, servierte er ihm das Gemüse-Geflügel-Gericht in einer Schale mit Stäbchen. Marvin freute sich über seinen persönlichen Koch und hatte wirklich keine Schwierigkeiten mit den Stäbchen.
"Oh, wie lecker!", rief er begeistert und bedankte sich überschwänglich bei Souta. "Wie kann ich das denn wieder gutmachen?"
"Darf ich auf der Terrasse meine Übungen machen?", fragte Souta direkt.
"Klar, is' doch genug Platz."
War das also auch geklärt. Er fand dann einen Platz auf der Bank neben Hakvinn, der kurzerhand zu Hennes auf den Schoss krabbelte.

So hatte Souta also noch vor dem Nachmittag alle der WG kennengelernt und war positiv überrascht, wie gut sich alle verstanden. Es war so, wie CJ gesagt hatte: die Mitbewohner mussten irgendwo trotz all ihrer Eigenheiten zusammenpassen.

CJ ergriff aber noch einmal das Wort.
"Warum seid ihr eigentlich schon alle hier? Habt ihr Studenten keine Uni, oder was? Es ist Dienstag, nicht Wochenende", wollte er wissen und fasste alle streng in seinen Blick.
"Ähm… keine Vorlesung heute", wehrte Hakvinn gleich ab.
"Schon vorbei - gehe nachher noch einige Bahnen ziehen", hatte auch Hennes eine Ausrede parat.
"Auch schon durch - und heute Nachmittag gebe ich im High Mountain noch meinen Kletterkurs für Anfänger. Bin also gleich wieder unterwegs", trällerte Foxy voller Tatendrang.
"Ne, muss nachher nochmal zu 'ner späten Einheit hin", grummelte Marvin.
"Künstler sind frei und gehen wie und wann sie möchten", sinnierte Ralf, hing aber nach CJs strengem Blick noch ein "… muss nachher ins Museum. Außeneinsatz!" an.

"Bin am Umziehen?", versuchte Souta sein Glück, kam damit aber nicht ganz durch. CJ starrte ihn weiterhin fragend an. "Ähm… ich gehe nachher vielleicht noch ins Dojo?", versuchte er es erneut. CJs Blick wurde noch eine Spur finsterer. "Ich gehe nachher definitiv ins Dojo und heute Abend lerne ich?", war Soutas dritter Versuch. Der wurde abgenickt.

"Ich, mein brummiges Schätzchen, habe heute Abend eine Anhörung, bei dem unsere Professorin uns dabei haben will. Dafür hatte sie uns die Mittagseinheit in der Uni freigegeben. Ich bin also heute Abend auch im Außeneinsatz und zwar im Gericht. Es geht nur um einen kleinen Einbruch, aber mit irgendetwas muss man ja mal anfangen, wenn man Strafverteidiger werden will", gab Konstantin großzügig eine Antwort und fuhr dabei theatralisch mit einem Finger durch die Luft.

Sean knurrte Unverständliches vor sich hin, als er an der Reihe war.
"Wer feiern kann, kann auch…", begann CJ einen bekannten Vortrag.
"Tha fios agam", patzte der Schotte CJ unleidlich auf Gälisch an, was keiner verstand. "Ich gehe gleich ne Runde joggen, oK?"
Das war wohl für einen verkaterten Schotten in Ordnung, denn CJ nickte das ab.

"Ich bin dann ab 3 unterwegs. Fitnessstudio, dann Club. Ihr wisst, wenn was ist, ruft mich an oder kommt vorbei. Souta, mit dem Drachen-Ausweis kommst du immer in den Club, auch wenn du noch keine 21 bist. Die Türsteher wissen Bescheid und holen mich oder bringen dich direkt zu mir", gab auch CJ bekannt, was er heute noch so vorhatte.
"Ich denk' Montag und Dienstag ist zu?", fragte Hennes.
"Ja. Stimmt. Ich will mit meinen Leuten wegen der Sicherheit Neues besprechen. Da geht es immer wilder zu. Bevor etwas passiert, müssen wir schon Vorkehrungen treffen. Ich bin also vor Mitternacht wieder zurück. - Und zur Erinnerung: nächsten Montag ist wieder Party. Hakvinn, check mal schon bei Gelegenheit unsere Kasse und was an Getränken da ist und stell' eine Einkaufsliste zusammen. Da sich Souta als super Koch herausgestellt hat und nach eigener Aussage Mathematik studiert, soll er da ruhig mitmachen. Marvin, du kannst schon mal nach der Musik schauen. Wir haben Motto-Party: "Piraten und Räuber". Trinklieder oder so was bräuchten wir."
"Wer hat sich das denn ausgedacht?!", war Ralf geschockt. "Das ist doch schon seit "Fluch der Karibik 3" längst durch."
"Beklopptes Motto!", murrte Sean.
"Müssen wir da auch verkleidet sein?", wollte Hakvinn vorsichtig wissen.
"Ich hab' was!", freute sich Foxy und war happy, mal wieder ihren Piratenhut rausholen zu können.
"Wo kriegt man solche Musik her?", konzentrierte sich Marvin auf seine Aufgabe.
"Mittelaltermärkte", warf da Souta ein, der gerade erst auf einer dieser großen Veranstaltungen war. "Die haben einzelne Band-CDs oder auch gemischte CDs. Derbe Sauflieder sind da immer dabei."
"Ah, gut. Da guck' ich mal. Ich komm' aber gewiss nicht als Pirat."
"Ui, ich schau mal nach einem Matrosen-Kostüm", warf Konstantin begeistert ein.
"Wir reden hier aber nicht von Sailor Moon", wurde er von Ralf geneckt, der wohl schon gräulich ästhetische Entgleisungen vor seinem inneren Auge hatte.
"Weiß ich auch, mein Süßer, und keine Sorge. Ich weiß schon, was gebraucht wird und wo ich es herbekomme", ließ sich Konstantin gar nicht ärgern.

So wurde noch über die bevorstehende Party diskutiert, während sich die Runde allmählich auflöste und jeder seinem versprochenen Nachmittagsprogramm nachging…

 


 

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