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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 3"

 


Das Klappen der Eingangstür unterbrach Hakvinn und Souta bei ihrer harmonischen Teestunde. Es rumpelte und jemand rief nach Hakvinn.
"Hier draußen", rief dieser zurück.
Wenige Sekunden später kam ein durchtrainierter junger Mann herein. Er atmete etwas schwerer und sah verschwitzt aus. Souta sagte nur kurz "Hallo", denn er wollte die Begrüßung der beiden Verliebten nicht stören. Denn ganz offensichtlich war das Hennes, der schnurstracks auf Hakvinn zuging und ihn mit einem langen Kuss bedachte. Erst nach einer ganzen Weile trennten sich die beiden und Hennes wendete sich ihrem Neuzugang zu.
"Na, ihr habt es euch hier in der Sonne ja richtig gemütlich gemacht. Ich bin Hennes. Bist du nur ein Besucher oder schon unser neuer Mitbewohner?"
"Hallo. Ich bin Souta Hartmann. Neuer Mitbewohner."
Hennes lachte, nahm sich einen Keks, gab aber diesen an Hakvinn weiter. Dann erst nahm er sich einen weiteren für sich selbst.
"Das ging ja schnell. Foxy hat heute Morgen den Aushang erst zur Uni mitgenommen."
"Ja. War ein Glück für mich. Ich habe echt dringend ein Zimmer gebraucht."
"Und wie gefällt es dir?"
"Bisher vortrefflich. Zwar bin ich von einem Bären angebrummt wurden, aber dafür hat Hakvinn sich gut um mich gekümmert und mir erstaunlich guten Tee serviert."

"Was denn, hat Sean noch immer so einen Kater? Wo ist er eigentlich?"
"Sean und CJ sind beide wieder in ihren Zimmern versumpft. CJ wollte eigentlich den Vertrag schon fertig haben."
"Ja, das kommt davon, wenn man bis früh noch feiert. So! Ich baue aber jetzt das Regal auf. Egal wer noch schläft."
"Brauchst du dabei Hilfe, Schatz? Sollen wir gemeinsam das Regal hochholen?"
Hennes beugte sich zu Hakvinn runter und rieb frech seine Nase an dessen.
"Mein liebster hübschester Mausespatz, das Regal ist schon längst oben. Glaubst du, ich krieg so ein IKEA-Ding nicht allein die Treppen hoch, nachdem ich es schon durch die ganze Stadt geschleppt habe? Nein, nein. Genieße ruhig die Sonne, solange sie da ist. Aber es ist bald Mittag; du könntest dir überlegen, was wir drei uns zum Essen machen wollen." Dabei schaute er fragend zu Souta, ob dieser überhaupt mit ihnen mitessen wollte. Dieser nickte nur. "Gut. Und klär mal, ob die beiden Großen auch was wollen. Vielleicht hilft dir Souta dabei?"

Souta fand, dass das ein hervorragender Plan war und freute sich auf sein erstes Mittagessen in seinem neuen zu Hause.

Hennes verschwand nach einem letzten stürmischen Kuss, der ihm auch vor neuen Mitbewohnern gar nicht peinlich war, zurück in die Wohnung, um laut polternd das Regal im Zimmer aufzubauen.

"Tja. Mittag. Auf was hättest du denn Lust?", fragte ihn Hakvinn, nachdem er sich von Hennes' Überfall wieder erholt hatte.
"Mir egal. Was gibt's denn, was weg muss?", fragte Souta zurück. Da war er doch sehr pragmatisch. Reste-Essen war nicht verkehrt. Oft gab das interessante Menu-Zusammenstellungen.
"Da müssten wir mal den Kühlschrank und den Tiefkühler durchforsten", antwortete Hakvinn, streckte sich jedoch ganz entgegen der Worte lang auf seinem Sessel aus und schloss die Augen.

Souta merkte schon, dass Hakvinn da wohl keine Lust drauf hatte. Er schmunzelte. Anscheinend hatte die Party-Nacht auch ihn nicht wirklich schlafen lassen. Irgendwie war die vergangene Nacht eine schlaflose Nacht für alle gewesen. Nur Souta konnte dies wohl besser wegstecken. So stand er auf und legte Hakvinn eine Hand auf die Schulter.
"Mach dir mal keine Sorgen. Wenn ich freie Hand habe, dann werde ich schon was finden. Ansonsten habe ich gesehen, dass unten an der Ecke auch ein kleiner Supermarkt ist."
"Öhm. Klar. Der rote Kühlschrank ist für die einzelnen Mitbewohner. Da hat jeder ein Fach für sich. Der grüne ist für die Allgemeinheit. Was da drin ist, kann gerne verarbeitet werden", erklärte Hakvinn noch das rot-grüne Ampelsystem, bevor Souta schon in der Küche verschwand.

Souta war neugierig und schaute nicht nur in die beiden Kühlschränke, sondern machte eben mal jede Tür und Schublade auf, die er sehen konnte. So hatte er schon einen guten Überblick über Geschirr, Kochutensilien und was sonst noch in einer Küche aufbewahrt wurde. Auf der schönen schwarz-marmorierten Arbeitsplatte fand er zu seiner Überraschung einen sehr guten Standmixer, Kaffeevollautomat und Wasserkocher, aber keine Mikrowelle. Ihn störte das nicht, da er gerne frisch kochte, doch war es schon verwunderlich in einem modernen Haushalt so etwas nicht zu finden.

Am Fenster stand hell aber nicht in direkter Sonne eine lange Pflanzschale mit diversen Kräutern. Bestimmt war das das ominöse Gift, von dem der Bär gesprochen hatte. Also war das Hennes' Kräuterbar für einen morgendlichen Gesundheits-Smoothie. Vielleicht durfte er sich da zu Beginn auch einige Kräuter ausleihen, wenn er höflich fragte. Er rückte näher, um die Auswahl zu begutachten. Den Schnittlauch erkannte man schon von weitem. Doch was man erst von Nahem sah, war ein schwarzer Fellball, der da mitten im Grün lag. Souta erschrak sich, als sich das Puschel auch noch bewegte und ein langer Schwanz sich träge ein- und ausringelte.

"Hakvinn! Da liegt eine Pelzkugel in eurem Schnittlauch. Und es lebt!", stolperte er überrascht auf die Terrasse zurück. Hakvinn gähnte und blinzelte Souta an.
"Was? Der Schnittlauch lebt?", fragte er verwirrt zurück.
"Nein. Im Schnittlauch lebt es."
"Ja. Schnittlauch ist eine Pflanze. Pflanzen sind organisch. Sie leben", erklärte Hakvinn, ganz der Chemiker, und rieb sich verschlafen die Augen.
Soutas erster Schreck löste sich und er musste lachen. Hakvinn hatte wohl echt die wenigen Minuten, die Souta in der Küche verbracht hatte, richtig geschlafen.

"Hakvinn. Dass Schnittlauch eine lebende Pflanze ist, weiß ich auch", erklärte er ihm schmunzelnd. "Aber im Schnittlauch liegt etwas mit viel schwarzen Fell und einem langen Schwanz. Gehört das dort hin?"

Jetzt wurde Hakvinn wach.
"Achso. Na ja. Eigentlich lebt Lord Black-Fur bei seinem Bruder in seinem großen Abenteuer-Käfig. Aber er scheint da wohl schon wieder ausgebüchst zu sein. Er liebt es, in den Kräutern zu liegen."
"Lord Black-Fur!?"
"Ja. Er gehört Foxy", erklärte Hakvinn und stemmte sich jetzt endlich nach oben und ging mit Souta zurück in die Küche. Tatsächlich lag da im Kräutertopf das kleine Chinchilla. Er kraulte mit einem Finger das Tierchen und dieses regte sich wohlig und rollte sich sogar auf den Rücken, präsentierte den Bauch, um auch da gekrault zu werden.
"Streichle ihn mal. Sein Fell ist ganz weich", war Hakvinn jedes mal aufs Neue entzückt. Souta fuhr auch ganz vorsichtig mit einem Finger durch den Pelz. Und wirklich, es war ganz weich und flauschig.
"Er riecht bestimmt voll nach Schnittlauch, wenn er da wieder rauskommt", überlegte er. "Und er ist so zutraulich."
"Foxy hat die zwei Chinchillas schon seit deren Geburt. Wenn sie nicht gerade schlafen, sind sie sehr aufgeweckte und gesellige Zeitgenossen."
"Aber sind die nicht eigentlich viel größer?"
"Das sind Zwerg-Chinchis. Noch eine recht seltene Züchtung."
"Ah. Wollen wir ihn hier schlafen lassen oder zurück zu seinem Bruder bringen? Wie heißt denn sein Bruder?"
"Captain Silver. Er hat ganz hellgraues Fell, was im Licht schimmert. Es wirkt dann wie Silber. Lassen wir den Grafen hier. Da fühlt er sich wohl."
"Nicht, dass er aus Versehen mit im Mixer oder einem Kochtopf landet…", machte Souta sich noch Sorgen.
"Ach nein. Hennes weiß, dass er gerne da liegt. Er passt da schon auf. - Und, hast du was Brauchbares gefunden, aus dem wir ein Mittag machen können?"

"Ja. Hier ist noch etwas Geflügel, aber das reicht wohl nicht, aber zwei ganze Packungen Gehacktes. Ich habe gesehen, dass es auch Sesamsamen gibt. Also gibt es Sesam-Bällchen. Das schmeckt sehr gut und ist auch deftig genug, dass es die beiden Großen von ihrem Kater befreit. Ich weiß nur noch nicht, was wir dazu machen sollen. Nudeln oder Reis? Ich habe auch noch Paprika und Tomaten gefunden. Die müssten weg. Eine fruchtige Tomatensoße geht immer."

"Du bist ja ein richtiger Koch", war Hakvinn erfreut. "Und zu Tomatensoße gehören Nudeln. Da sind alle gerne dabei. Da haben wir auch immer genug da", erklärte er und holte aus dem hohen Apotheker-Schrank Spirellis heraus.

*

Eine Stunde später saßen sie zu fünft am großen Tisch. Hakvinn hatte den Bär und CJ aus den Zimmern locken können, und nun hockten sie alle recht friedlich beisammen. Nur der Bär warf immer mal skeptische Blicke zu ihrem Neuzugang, der im Besteckkasten sogar einige Stäbchen gefunden hatte. Die Sesam-Bällchen hatte er extra klein gemacht, dass sie auch gut mit Stäbchen zu greifen waren. So saß er dem Bären gegenüber, mit reichlich Sicherheits-Abstand natürlich, und futterte geschickt Bällchen und Nudeln mit seinem asiatischen Esswerkzeug und zeigte somit, dass man sehr wohl damit das Essen in den Magen bekam ohne andere damit zu verletzen. Und zwar recht zügig.

Hakvinn und Hennes saßen dicht beieinander und teilten sich einen Teller und zwischendurch immer mal wieder Küsse. CJ schien in seiner eigenen Welt und schaufelte in Rekord-Geschwindigkeit das Essen in sich hinein. Am Herd holte er sich einen Nachschlag, was den Bären schließlich veranlasste, weniger auf Souta und die gefährlichen Waffen zu achten, sondern sich eher um sein Essen und eine zweite Portion zu kümmern. Nicht dass CJ alles allein auffutterte…

Nachdem sich CJ noch einen Kaffee gemacht hatte, holte er eine Mappe aus seinem Zimmer, in der er zwei Ausdrucke des Mietvertrages drinnen liegen hatte. Eine Ausführung schob er Souta über den Tisch.
"Hier. Dein Mietvertrag. Lies ihn dir gut durch. Noch kannst du einfach wieder ausziehen…"
Souta schluckte. CJ klang sehr ernst und so wie er das sagte, hörte es sich an, als könnte etwas da drinnen stehen, was ihm nicht gefallen würde. Aber Ausziehen kam für ihn nicht in Frage.

So machte er sich ans Lesen. Das erste was er las und wo er ein wenig grinsen musste, war der volle Name seines Vermieters. Der so coole CJ entpuppte sich als typisch deutscher Name: Christoph Jakob Kramer. Aber gut. CJ passte trotzdem zu dem großen Mann und so las er weiter. Alles war akkurat aufgeführt. Die Größe seines Zimmers und dass die Möbel zur Miete gehörten. Die allgemeinen Nutzungsbedingungen für die Gemeinschaftsräume und die korrekte Handhabung der Gerätschaften, wie Waschmaschine und Trockner. Auch ein Kapitel zum Putzplan. Es waren wirklich alle erdenklichen Kleinigkeiten aufgeführt, die Souta manchmal nicht wirklich verstand. War es nicht selbstverständlich, dass man die Toilettenspülung betätigte, wenn man zuvor die Toilette auch benutzte? Er blickte zu CJ über den Tisch und erkannte an seinem Blick, dass wohl in der Vergangenheit nicht alle so gedacht hatten.

Für Souta gab es nichts in diesem Vertrag, was ihn störte. Alles war ok. Er setzte seine Unterschrift auf die letzte Seite, auch auf CJs Ausführung, und war glücklich, als die Tinte getrocknet war.

Zum Schluss schob CJ noch eine kleine laminierte Karte über den Tisch. Sie war gerade so groß wie andere Check-Karten und passte somit perfekt in das Portmonee. Auf der Vorderseite war nur der gewundene Drache, auf der Rückseite stand Soutas voller Name und CJs Unterschrift.
"Dein offizieller Beweis deiner Mitgliedschaft im ‚Drache 9'. Hab' ihn am Besten immer dabei", erklärte CJ. Darüber freute sich Souta sehr: er hatte jetzt wirklich eine neue Wohnung. Mit Leuten, die er mochte. Ok. Der Bär war schon etwas knurrig. Aber er wirkte nicht bösartig und die Wohnung war groß genug, dass man sich aus dem Weg gehen konnte.

So trank er in aller Ruhe seinen Kaffee und schielte immer mal wieder auf das verliebte Pärchen neben sich. Sie wirkten so absolut zufrieden und glücklich miteinander. Es machte ihn doch etwas eifersüchtig, auch wenn er sich für die zwei sehr freute.

 


 

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