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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 2"

 


Souta hatte echt Glück. Sogar seine Sachen konnte er ohne böse Zwischenfälle bei seinem Ex abholen. Der war nämlich gar nicht da; war entweder in der Uni oder bei irgendeinem Kumpel oder einem seiner Bettgeschichten, wie er seit letzter Nacht wusste. Das war für Souta ein Schock gewesen, zumal sie sich schon so lange kannten und zusammen waren. Sein Entschluss stand aber fest: diese Beziehung war beendet! Leider konnte er es seinem Ex noch nicht direkt sagen, denn der war nach ihrem Streit gestern Nacht einfach abgehauen. Da die Wohnung aber diesem gehörte, packte also Souta seine wenigen Sachen und verschwand.

Mit einem großen und einem kleinen Rucksack, einer riesigen Sporttasche und seinem kleinen Bonsai-Bäumchen in der Hand reiste er durch die Stadt zurück zur WG und erklimm keine zwei Stunden später erneut die Stufen zu seiner neuen Bleibe.

Als er klingelte, wurde ihm die Tür erneut vom Bär geöffnet. Dieser hatte immerhin schon ein T-Shirt an und einen Becher gefüllt mit schwarzer Flüssigkeit in der Hand. Erst brummte er wieder, dann endlich kamen auch Worte. Die tiefe Stimme passte ganz ausgezeichnet zu diesem kräftigen Mann und ging Souta durch und durch.
"Du bist der Chinese von vorhin? Ni hao, also."
"Iie. Japaner."
"Kon'nichiha, eben. Aber mit Stäbchen isst du trotzdem. Ich sag dir eins: mit den Dingern bringt man eher Leute um, bevor man damit was in den Magen kriegt. Außerdem: komm mir bloß nicht mit diesem komischen Schnaps in die Nähe."
"Sake?"
"Mir kommt nur Whisky ins Glas. Damit mein' ich echten Scotch. Kein Bourbon oder so nachgemachtes Zeugs aus'm Himalaya. Grausam."
"Verstehe."
"Und was willste mit dem Grünzeug? Das kannste Hennes in sein morgendliches Gift reinmischen."
"Hä?"
"Sean, ärgerst du unseren Neuzugang?", tauchte da Hakvinn auf. "Das ging wirklich schnell, Souta. Komm rein. Bring deine Sachen ins Zimmer, ich habe auch all mein Zeug raus. Ich mach' grad ne Pause und wollte mir einen Tee kochen. Wenn du willst, kannst du gerne mit dazukommen."
"Das klingt gut. Solange da kein Whisky drin ist…", konnte er sich eine Spitze zum Bären nicht verkneifen. Sean brummte und ging in sein Zimmer davon. Na das war ja mal ein herzliches Willkommen…

In Soutas neuem Zimmer hatte Hakvinn nicht nur seine restlichen Klamotten rausgeräumt, sondern auch gleich gründlich durchgeputzt. Es roch noch nach Reinigungsmittel. Hakvinn war ein echt lieber Kerl.

Zu allererst stellte Souta seinen Begleiter aus der Heimat, den niedlichen kleinen Bonsai, auf das Fensterbrett. Hier war optimales Licht für die Pflanze, die er von seiner Mama geschenkt bekommen hatte, als er für die Schule seinen Hauptwohnsitz nach Deutschland verlagert hatte. Wehe der Bär ging da auch nur einen Meter näher ran, als nötig wäre. Was auch immer er damit gemeint hatte, als er vom Giftmischen sprach, sein Bonsai würde da nicht landen. Aber es hatte ja jeder einen Schlüssel für sein Zimmer.

Seine Taschen stellte er vorläufig einfach an die Seite und setzte sich auf den Bürostuhl. Er drehte sich mit ihm einmal im Kreis und seufzte zufrieden. Nach der vergangenen Nacht, wo er nur ein, zwei Stunden wirklich geschlafen hatte, und dem Streit mit Robert, seinem Ex, war dieses Zimmer wie ein kleines Paradies für ihn. Dieser Raum gehörte ganz ihm, er konnte es absperren, wenn er wirklich Ruhe wollte. Er konnte es gestalten wie es ihm gefiel. Ja, die Miete war etwas höher, aber er wusste, seine Eltern und seine Großeltern würden ihm die Summe gerne aufstocken, wenn er sie darum bat. Falls dies überhaupt nötig war. Sein Nebenjob brachte ihm schon einiges an Geld ein. Er wollte schauen, erst mal weiterhin allein damit klar zu kommen. Musste er sich eben bei anderen Dingen ein wenig einschränken…

Er stand wieder auf und verließ sein Zimmer. Die Taschen ließ er erst mal unausgepackt stehen. Er wollte Hakvinn lieber gleich beim Tee Gesellschaft leisten und ihn nicht lange warten lassen. Gemächlich kam er in den großen Wohnraum geschlendert und entdeckte Hakvinn im Kochbereich. Er angelte gerade nach zwei Tassen im Schubfach.
"Na. Alles in Ordnung in deinem neuen Reich?", fragte er, als er Souta entdeckte.
"Ja. Allein dass ich so schnell ein Zimmer gefunden habe, ist großartig. In den nächsten Tagen werde ich mich dann ganz eingerichtet haben. So viele Sachen habe ich nicht."
"Ja. Hetz dich nicht. Wenn du irgendwas Bestimmtes brauchst, frag uns einfach. Jeder hilft dir hier gerne."
Souta kletterte auf einen der Barhocker und schaute Hakvinn in der Küche beim Hantieren zu. Überrascht stellte er fest, dass er nicht einfach einen üblichen Teebeutel nahm, sondern losen Tee in einen Filter gab.
"Hmmm… ich glaube, der Bär ist nicht so der hilfsbereite Typ. Er will meinen Bonsai zerkleinern, oder so."
"Ach. Wenn du Sean besser kennenlernst, ist er ein lieber Kerl. Wie gesagt, letzte Nacht war wieder heftig gewesen."
"So sieht er und dieser CJ auch aus. Aber die Wohnung nicht. Ist es hier immer so sauber?"
Hakvinn lachte nur. CJs Putzplan hatte es wirklich drauf.
"Wir haben heute Morgen alle schon geholfen. Für einige fing die Uni erst später an und ich habe heute überhaupt keine Vorlesung. Wenn alle mit anpacken ist auch eine Party schnell wieder aufgeräumt."
Hakvinn goss den Tee auf und stellte die Kanne, die zwei Tassen und braunen Kandiszucker auf den Tresen zwischen sich und Souta.
"Wer ist denn ausgezogen, dass du in ein größeres Zimmer ziehst?"
Hakvinn schaute ihn irritiert an. Es war doch niemand ausgezogen?
"Ach so! Ne, es ist keiner ausgezogen, aber ich ziehe mit zu Hennes in dessen Zimmer." Dann wurde Hakvinn rot um die Nase und ganz leise sagte er. "Er ist mein Freund."
Souta musste lächeln, als er das sah. In dieser Stadt hatte er noch nie so einen lieben und schüchternen Kerl getroffen.
"Das ist schön. Ich bin heute bei meinem Freund - Ex-Freund - ausgezogen."
"Und das ist schade. So schlimm?"
"Hmmm… er ist lange Zeit fremdgegangen. Ich habe es erst heute Nacht herausgefunden. Wenn es nur einmal irgendwo passiert wäre, ok, aber es war immer wieder… Da steht meine Entscheidung fest und da gibt es auch kein Pardon."
"Ja. Verstehe ich. Dann: umso herzlicher heiße ich dich bei uns willkommen. Ich denke, du wirst im Laufe des Tages alle kennenlernen."
"Vielen Dank. Wer wohnt denn hier noch so alles? Muss ich Wichtiges vorab wissen? Und was mich besonders interessiert: wie kann sich eine WG so eine tolle Einrichtung leisten?"

"Also CJ kennst du ja schon. Ihm gehört die Wohnung. Er achtet darauf, dass die Einrichtung immer gut in Schuss ist. Die Küche zum Beispiel ist ganz neu. In den Semesterferien hat er sie eingebaut. Die alte war wirklich "alt". Aber so wird es auch mit den anderen Räumen gehalten. Daher sind die Mieten ja auch nicht ganz so günstig. Aber ich selbst war froh, hier das Zimmer gefunden zu haben. Andere WGs, die ich angeschaut habe, waren … nun, man kann sagen, sie waren einfach gruselig."

Ja. Das hatte Souta auch schon kennengelernt. Zwar nie, weil er da wohnen wollte, aber auf den wenigen Erst-Semester-Partys, die er bisher besucht hatte, sah man so manche Horror-WG. Er hatte Glück gehabt und war zu seinem Freund in eine kleine Wohnung gezogen.

"Außerdem habe ich so Hennes kennengelernt", gestand Hakvinn verträumt, bevor er wieder auf Soutas Frage zurückkam. "Weiter zu CJ: seine Mietverträge sind knallhart und wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt umgehend wieder raus. Aber wenn du Sorgen hast, kannst du dich immer an ihn wenden. Er scheint für alles eine Lösung zu haben."
"Also der Beschützer."
"Ja. Das ist er. - Unseren Schotten kennst du auch schon. Sean studiert Sport."
"Was auch sonst."
"Dann haben wir noch Marvin, unseren Privat-DJ. Er studiert Tanz oder Psychologie oder irgendwas in diese Richtung."
"Klingt interessant."
"Im Zimmer neben dir wohnt Konstantin. Er studiert Jura, kommt aber aus Wien. Wundere dich also nicht, wenn du ihn manchmal nicht verstehst. Tun wir auch oft nicht. Sag mal, du sprichst sehr gut Deutsch. Ich höre nur einen ganz leichten Akzent raus. Wie kommt das?"

Während Hakvinn ihnen noch eine Büchse mit Keksen zum Tee stellte, erzählte Souta ein wenig.
"Ich bin Halbjapaner. Mein Vater ist Deutscher. Seine Arbeit führte ihn vor Jahren nach Tokyo, wo er meine Mutter kennenlernte. Sie verliebten sich, heirateten und blieben in Japan leben. Ich bin von Anfang an mit beiden Sprachen aufgewachsen und habe meine deutschen Großeltern in den Ferien regelmäßig hier besucht. Es ist meine zweite Heimat. Deswegen wollte ich hier auch studieren."
"Das ist bestimmt sehr spannend, mit zwei so unterschiedlichen Kulturen aufzuwachsen."
"Na ja. Ich kenne es nur so, hatte aber nie einen Nachteil dadurch. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Leben…"
Souta schnappte sich einen großen Cookie und biss mit Genuss hinein.

"Also, dir gegenüber wohnt Ralf. Er studiert Kunst und Kunstgeschichte und wie es sich für einen Künstler gehört, ist er auch recht speziell. Wirst du dann schon rausfinden. Und zum Schluss ist da noch Foxy, die Tiermedizin studiert. In ihr hast du einen ganz typischen Deutschen, zumindest was ihren Sinn für Ordnung, Pünktlichkeit und so betrifft. Ansonsten ist sie sehr - hmmm, manche würden "gewöhnungsbedürftig" sagen. Aber das meine ich nicht böse. Sie ist ein echt tolles Mädchen, auf das immer Verlass ist. Ja, also, das waren dann alle."

Aha! Foxy! Souta war klar, dass das nur ein Spitzname war. Er war gespannt, wie das Mädchen mit diesem ungewöhnlichem Nickname dazu aussah.
"Alle? Ich dachte, du bist zu deinem Freund gezogen?"
"Oh! Hennes. Da habe ich jetzt glatt meinen Schatz vergessen. Er studiert genauso wie Sean Sport, aber er ist nicht so groß. Er ist im Schwimmteam und daher auch bei Wettkämpfen dabei." Er blickte dabei auf die große Küchenuhr und runzelte die Stirn. "Er hatte heute Morgen nur eine Einheit und wollte dann zum IKEA, um ein Regal zu kaufen. Eigentlich müsste er langsam wieder da sein."

"Ich seh' schon. Hier gibt es irgendwie von allem etwas. Und was studierst du? So ordentlich, wie du das Zimmer noch geputzt hast, bestimmt was Exaktes. Irgendetwas Wissenschaftliches."
Hakvinn war süß. Er lächelte schüchtern und flüsterte leise.
"Ah. Chemie! Ich hab's ja gewusst", hatte Souta es doch gehört. Er aß noch einen zweiten Cookie; er hatte wirklich Hunger, denn ein Frühstück hatte er heute nicht gehabt und wie es mit Mittag aussah, wusste er noch nicht. Vielleicht holte er sich nachher was von dem chinesischen Imbiss, den er unten an der Ecke schon entdeckt hatte.
"Wollen wir auf die Terrasse rausgehen? Die Sonne scheint heute so warm", fragte Hakvinn, um von seinem Studium abzulenken. Souta stimmte zu und so machten sie es sich draußen in der Sonne mit Tee, Keksen und später auch Birnensaft bequem und quatschten über Gott und die Welt…

 

 


 

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