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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 10"

 


Souta hockte unglücklich in seinem Zimmer und starrte auf seinen Bonsai.

Wie konnten ihn die Leute aus ‚Drache 9' nur alle so auf den Arm nehmen? Und Andi auch. War Mobbing nicht im Mietvertrag verboten und wurde mit Rauswurf geahndet? Da müsste Souta ja allein hier leben.

Er entdeckte ein leicht gelbliches Blatt und zupfte es ab. Sein Bonsai war wenigstens ein guter Freund. Wuchs beständig, wenn auch langsam. Hatte nur ab und zu ein gelbes Blatt. Er war still und wirkte beruhigend. Er quatschte kein dummes Zeug und brachte damit seinen Besitzer in schwierige Situationen. Er begleitete ihn überall hin, egal wo Souta wohnte.

Wieder dachte er daran, auszuziehen. Selbst wenn er vorübergehend nur in einem Hostel oder so unterkäme. Er stand auf und kletterte in sein Bett hoch, verkroch sich dort unter der Bettdecke und verkniff sich einige Tränen.

Wie erbärmlich er doch war. Er hatte immer geglaubt, eine starke Persönlichkeit zu sein, die das machte, was vernünftig und richtig war und was ihm Spaß machte. Und jetzt? Da lag er heulend in seinem Bett, wie ein Kind, dass Angst vor dem Monster im Kleiderschrank hatte.

Aber sein Monster war nicht im Kleiderschrank, sondern da draußen vor der Tür, war riesig, brummte und knurrte und hatte große Tattoos und sagte dumme Sachen, wenn er überhaupt sprach. Und außerdem… es klopfte.

Souta reagierte nicht. Sollten die doch da draußen machen, was sie wollten und ihn einfach in Ruhe lassen.

Es klopfte wieder.
"Souta? Darf ich reinkommen?" Es war Hakvinns schüchterne Stimme. Der liebe Kerl wurde bestimmt von der Bande vorgeschickt, weil er wohl der ruhigste und normalste von allen war. Außerdem verstanden sie sich beide sehr gut. Aber er wollte auch Hakvinn nicht sehen. Da würde er wohl doch nur wieder weich werden, weil dessen Augen ihn so treuherzig anschauten…

Man hörte weitere Stimmen und Schritte vor der Tür. Foxy war herauszuhören und Konstantins Kauderwelsch und auch Ralf künstlerische Ausführungen.
"Wir müssen doch was tun."
"Aber wenn er doch nicht will…"
"Das Herz ist ein unverständ'ges Ding… Was will man machen?"
"Es geht doch nicht nur um ihn."
"Hol doch mal den Grafen."
"Der schläft noch."

Souta hörte es knurren! Oh oh! Und gleich sprang seine Tür auf, knallte mit Schwung an den Schrank dahinter. Eine Hand grabschte nach seiner Decke, wurde gnadenlos weggezerrt. Dann wurde er an der Schulter gepackt und einfach herumgezogen. Er konnte sich gar nicht wehren. Er sah sich schlagartig direkt Sean gegenüber und blickte in umwölkte grau-grüne Sturmaugen. Er fragte sich nebenher, warum er oben auf einem Hochbett lag und Sean trotzdem auf seiner Augenhöhe war.

Sein Herz wummerte fürchterlich. Sean sah wütend aus. Nein - Moment! Eher ziemlich genervt. Doch Souta konnte nicht länger über seine Angst und Bärenmimik nachdenken, denn im nächsten Moment verschwamm alles um ihn herum.

Sean zog ihn noch weiter zu sich und küsste ihn! Nicht so ein kleines unschuldiges Küsschen wie vorhin, sondern richtig, mit Zunge und allem was dazugehörte. Souta versuchte gar nicht erst sich zu wehren und ließ sich von Sean einnehmen. Diesen Kampf hatte eindeutig der Schotte gewonnen. Und Souta merkte, wie ihm dieser Kuss direkt in den Bauch fuhr und dort für mächtig viel Wirbel sorgte. Wenn er nicht schon gelegen hätte, wäre er so dahingeflossen.

Nach einer Unendlichkeit wie Souta glaubte, beendete Sean genauso abrupt den Kuss, wie er ihn begonnen hatte. Dafür fuhr eine Hand in seine Haare und kraulte ungewohnt zärtlich hindurch.
"‚Ja' oder ‚Nein'. So schwer ist es doch nicht. Und glaube nicht, dass ich das mit jedem mache!", erklärte Sean mit tiefer Brummstimme, die sich ohne Umwege zum Wirbel im Bauch dazugesellte.
"Also, meine Antwort kennst du nun ja. - Komm raus, das Fleisch vom Grill ist fertig."
Er gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Stirn und flüsterte noch etwas.
"Mach dich hübsch, mo cridhe", sagte er und lächelte ihn an.
Damit ließ er Souta los, stapfte aus dem Zimmer, neugierig gaffende WG-Mitbewohner anknurrend.

Souta blickte ihm hinterher. Erst nach einer Weile bemerkte er die Leute in seiner offenen Tür. Da waren ja ALLE! Ganz vorne Foxy, damit die Kleinste eine gute Sicht hatte, daneben Konstantin und nach hinten reihten sich die anderen. Außer CJ. Dem war sein Grill wohl wichtiger.

Foxy kicherte und streckte ihm einen Daumen hin. Konstantin seufzte romantisch auf und lehnte verträumt lächelnd am Türrahmen.
"Hach. Die Liiiebe", sang er.
Alle anderen grinsten einfach nur und ganz hinten stand sogar Andi und reckte ihm beide Daumen über die Köpfe der anderen hinweg zu.

Souta wurde knallrot. Wie peinlich. Dieser WG war wohl nichts heilig.
"Haut ab, ihr Geier!", scheuchte er sie und versteckte seinen Kopf in der Bettdecke.

Tatsächlich löste sich die Versammlung auf, aber seine Ruhe hatte er damit auch nicht.
"Komm, Süßer. Wir richten dich etwas her. Du bist ganz verwuschelt…", schritt Konstantin mit Elan zur Tat.
"Obwohl das wirklich umwerfend aussieht. Nur die roten Augen müssen wir etwas verstecken. Foxy-Maus, holst du mal mein Köfferchen aus dem Zimmer?"
"Jawohl!", salutierte Foxy und flitzte davon.
"Konstantin!", presste Souta mit misstrauisch zusammengezogenen Augen hervor. "Ich bin keine Transe!"

"Weiß ich, weiß ich. Was sehr schade ist, denn du würdest hervorragend aussehen. Vertraue mir einfach. - Und jetzt komm mal da runter, wir müssen dir was zum Anziehen raussuchen…", erklärte Konstantin und wedelte mit einer Hand.

"Ich habe was an", maulte Souta, kletterte aber wirklich herunter.
"Ja. Aber hat Sean nicht gerade gesagt, dass du dich hübsch machen sollst? Also ich habe das zumindest so gehört."
"Wir gehen doch auf keine Party…", versuchte Souta noch Einwände zu finden, aber da war Konstantin schon in seinem Kleiderschrank verschwunden.
"Na viel Auswahl hast du nicht gerade, Souta. Ich glaube, wir müssen nochmal zusammen shoppen gehen, aber diesmal für dich", erklärte er ernsthaft.
"Für mich reicht es…", seufzte Souta ergeben. Wenn Konstantin einmal in Fahrt war, besser nicht reinreden…

Schlussendlich durfte Souta sogar seine Jeans anbehalten und musste nur sein Shirt austauschen. Konstantin hatte nämlich ein Schwarzes gefunden, dass etwas enger anlag. Das gefiel ihm wohl ganz gut.

Foxy stand mit Konstantins ‚Köfferchen' bei ihnen. Das Ding war dreifach so groß wie Foxys Notfallkoffer. Ihm schwante Übles und als Konstantin ihn rigoros auf den Stuhl geschoben hatte und auf dem Schreibtisch seinen Schatz auspackte, prangte ihm ein so gut ausgestattetes Make-Up-Sortiment entgegen, dass er sich in einem ganzen Drogeriemarkt wähnte. Er kannte sich nicht aus mit Schminkzeug, wusste aber, dass es teuer sein konnte. Vor allem, als er bekannte Marken darinnen liegen sah. Konstantin hatte da ein kleines Vermögen angesammelt. - Das übrigens gerade seine Aufzeichnungen der letzten Vorlesung zerknickte.

"Wehe ich sehe danach wie ein Clown aus!", warnte er Konstantin.
"Keine Sorge, Süßer, ich will doch, dass du hübsch für Sean bist. Und der steht auf Natürlichkeit."
Souta seufzte nur ergeben und ließ Konstantin machen. Er tupfte ihm etwas helle Creme unter die Augen, puderte ihn einmal mit einem dicken Pinsel ab und werkelte dann mit einem schwarzen Stift an seinen Augen herum. Zum Schluss nahm er Haargel heraus und durchwuschelte seine schwarzen Haare noch mehr, als sie eh schon waren.
"Wow", machte Foxy ehrfürchtig, als Konstantin mit Abstand sein Werk betrachtete.
"Was? So schlimm?", fragte Souta vorsichtig nach.
"Hier. Schau selbst", sagte sie und hielt ihm einen Handspiegel hin.

"Wow!" Das war - das war ja - ja, was eigentlich? So hatte er sich selbst noch nie gesehen. Eigentlich hatte Konstantin ja wirklich kaum etwas gemacht. Und der schwarze Stift fiel gar nicht auf, Konstantin hatte nur ganz leicht seine Augen nach außen hin betont, sodass sie noch tiefer wirkten. Und die Haare begehrten verwegen in alle Richtungen auf.

"Zufrieden?", fragte Konstantin und zupfte noch etwas an einzelnen Haarspitzen.
"Ja. Sieht klasse aus!"
"Nicht nur klasse. Ich würde dich sofort vernaschen", haute Foxy raus.
"Jap. Ich auch", stimmte Konstantin zu und nickte sehr ernsthaft.

Souta verdrehte die Augen. Die beiden sagten, was sie dachten. Er stand auf, rückte sich das T-Shirt zurecht und grinste überheblich.
"Nun. Da kommt ihr leider zu spät. Ich bin - vergeben!"
JA! Er hatte es gesagt! Es fühlte sich gleichermaßen trunken und aufgeregt an. Es kribbelte überall. So hatte er all die Jahre nicht bei Robert gefühlt.

"Na endlich!", jubelte Konstantin und noch ehe Souta es sich versah, hatte er ihm auf die Wange geknutscht. Auch Foxy hielt sich nicht zurück und gab ihm auf die andere Seite einen Kuss. Lachend sprang sie dann davon, bevor Souta sie packen konnte.
"Wir können feiern", rief sie schon vom Flur aus, damit alle in der WG Bescheid wussten.

Konstantin lachte und packte seine Koffer zusammen. Gemeinsam brachten sie ihn zurück in sein Zimmer. Es war das erste Mal, das Souta das Zimmer des Wieners betrat und es entsprach ganz seinen Vorstellungen. Abgesehen davon, dass es weitaus größer als sein eigenes war und es auch kein Hochbett gab, war es bunt und vollgestopft. Für Soutas Geschmack leuchtete ihm zuviel Pink und Gold entgegen. An dem Kleiderschrank hingen an Bügeln verschiedene Kleider, die bestimmt alle für Auftritte von Konstanze waren. Überall standen Kisten mit High Heels.

Ein riesiger Standspiegel bot die Möglichkeit, sich im Ganzen betrachten zu können und rechts und links vom Spiegel hingen Schmuckutensilien in unüberschaubarer Menge. Am Fenster stand ein großer Schreibtisch, der mit reichlich Studienmaterial belegt war und auch da ein großes Durcheinander zeigte.

"Konstantin, wenn du mich mal für zwei Stunden allein hier rein lässt, hast du danach ein ordentliches, aufgeräumtes Zimmer, wo alles seinen Platz hat… so kann man doch nicht wohnen und arbeiten!"
"Unaufgeräumt? Aber, Süßer! Ich habe letzte Woche doch erst Großputz gemacht! Alles ist genau an dem Platz, wo es hingehört und wo ich es auch wiederfinde. Rühr mir bloß nichts an, sonst gibt es nur Chaos."

Souta lachte. Da war wohl nichts zu machen.
"Und jetzt lass mal mein Zimmer. Ich habe Hunger. Gehen wir zu den anderen…", sagte Konstantin, hakte sich bei Souta unter und zog in nach draußen auf die Terrasse, wo alle schon einen Platz am großen Tisch gefunden hatten.

*

Souta wusste was kam und war also nicht verwundert, dass alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Er sprach sich selbst noch einmal still Mut zu und ging direkt zu Sean. In bekannter Ermangelung eines Oberteils, packte er ihn im Nacken und zog ihn in einen Kuss, wenn er auch nicht ganz so intensiv wie vorhin ausfiel. Er hörte Pfiffe und Jubelrufe.

"Ich mache das auch nicht mit jedem", sagte er dann leise und schaute Sean in die Sturmaugen. Es fiel ihm schwer, daraus etwas zu lesen. Aber das musste er nicht, denn Seans kräftiger Arm schlang sich um seine Hüfte und zog ihn rigoros auf den freien Stuhl neben sich.

"Lasst uns anstoßen! Ich hol schnell den Prosecco", flötete Konstantin und verschwand wieder nach drinnen. Damit waren nicht alle einverstanden. CJ ging auch davon und kam mit einer ordentlichen Flasche Scotch wieder!

*

Es war der totale Absturz gewesen. Souta fragte sich, warum er heute Morgen trotzdem zur Uni gefahren war. Nicht nur war er sowieso schon viel zu spät dran gewesen, auch die Kopfschmerzen und die Übelkeit wurden nicht besser. Im Gegenteil. Er kotzte sich gerade auf der Toilette die Seele aus dem Leib. Und das Schlimmste: er konnte sich an gestern Abend überhaupt nicht mehr erinnern. Nur an den ersten Schluck Whisky seines Lebens. Sean wollte ihm nicht glauben, dass er noch nie von dessen Lieblingsgetränk gekostet hatte und beschloss, dass er einiges nachzuholen hatte. Souta, der sowieso nur sehr selten und dann auch nur sehr wenig Alkohol trank, war ziemlich schnell ziemlich voll gewesen. Zumindest wusste er weder wie er in das Bett gekommen war, noch wie er seine Kleider verloren hatte. Er war nämlich heute Morgen auch ziemlich nackt aufgewacht.

Er erschrak sich hastig, als er die Augen aufschlug und direkt vor sich auf Seans tätowierte Brust blickte. Eigentlich nun auch nichts Neues mehr, aber mit dem Hintergedanken, dass er nackt war, in Seans Bett lag und absolut keine Ahnung mehr hatte, was in der Nacht gelaufen war, ein etwas beängstigender und gleichermaßen erregender Augenblick.

Der verlor sich innerhalb von Sekunden, in denen er bemerkt hatte, dass er in seiner eigenen Decke eingewickelt war, es nicht nach Sex roch, er sauber war und dass er dringend eine Toilette oder dergleichen brauchte. Er hatte es gerade so geschafft. Fast panisch war er ins kleine Bad gerannt und hatte der Porzellanschüssel einiges zu erzählen gehabt.

Es war peinlich, als Sean ihn so entdeckte. Der große Schotte war sichtlich verwirrt, aber bemüht. Er versicherte Souta, dass er genauso viel getrunken hatte wie er selbst, sie hätten mit jedem Glas auf ihre Beziehung angestoßen und dass im Bett auch wirklich nichts mehr gelaufen war. Dazu war Souta gewiss nicht mehr im Stande gewesen. Bei diesem sehr gelungenen Wortwitz grinste Sean dämlich wie ein Siebtklässler, der jedes Mal beim Wort ‚machen' blöde lachen musste.

Aber er bereitete ihm einen starken Kaffee mit Aspirin zu. Souta vertraute auf Seans Hausrezept und schluckte beides brav, als er endlich einigermaßen frisch und angezogen im Wohnraum erschien.
"Und der ist für deinen Kumpel", sagte Sean, als er einen dritten Becher Kaffee fertig machen wollte.
"Wer?"
"Na Andi", war Sean kurz angebunden und nickte zum Sofa hin. Und tatsächlich. Unter einer Decke konnte Souta Andi erkennen. Der sah auch nicht gerade gut aus. Irgendjemand hatte in weiser Voraussicht einen Eimer neben das Sofa gestellt. Doch Andis Trainingsstunden gingen erst am Nachmittag los. Er konnte sich also ausschlafen und Souta war gnädig und ließ ihn auch.

"Du willst wirklich zur Uni?", fragte Sean ihn ein drittes Mal. Souta nickte. Er wollte nicht wegen Parties sein Studium vernachlässigen. Außerdem ginge es ihm schon besser, würgte er wenig überzeugend hervor.
"Dann bringe ich dich. Ich habe auch Vorlesungen."

Im Eingang klapperte es an der Tür und CJ kam herein. Seine Nachtschicht im Club war wohl vorüber. Kritisch beschaute er sich Souta.
"Keinen Alkohol mehr für eine Woche", knurrte er. Es klang wie ein Befehl und Souta hatte vor, dem auch Folge zu leisten. Er nickte und CJ ließ sie gehen.

Die erste Vorlesung, eigentlich schon die zweite seinem Stundenplan zufolge, war für Souta gut zu ertragen. Bei der nächsten ging es dann wieder los. Der Magen rebellierte und wollte sich auch nicht mehr beruhigen lassen.

So hing er hier auf dem nicht gerade tollen Uni-Klo herum, musste sich dumme Witze anderer anhören oder erstaunlich viele Hilfsangebote ausschlagen, und wollte eigentlich nur noch in sein Bett, wahlweise auch das von Sean. Das war einfacher zu erreichen und im Notfall auch schneller zu verlassen. Und es roch so gut nach Sean.

Er zwang sich hoch, versuchte seinen Magen im Geiste mit einigen Tai-Chi-Entspannungsübungen zu beruhigen und schickte Sean eine Nachricht auf das Handy, dass er doch wieder zurück in den ‚Drachen' fahren würde. Seit wann hatte er eigentlich dessen Nummer im Telefon? Er musste bei Gelegenheit die anderen der WG befragen, was er gestern Abend noch so getrieben hatte. Wer wusste schon, welche Überraschungen da noch lauerten.

Der nach-Hause-Weg zog sich elend lang hin, aber es ging. Der Drache an der Ecke schien ihn hämisch anzugrinsen. Die Treppen machten ihm etwas zu schaffen und er war erleichtert, als er endlich oben ankam. Die Wohnung lag ganz still da. Andi war nirgends mehr zu entdecken. Souta wusste zumindest CJ im Zimmer Nr. 1. Dessen täglicher Rhythmus richtete sich nach seiner Nachtarbeit. Also war Souta nicht ganz allein. Das war irgendwie beruhigend.

Er besuchte noch einmal die Porzellanaustellung ohne größere Vorkommnisse, bevor er einfach nur noch ins Bett fiel und sofort einschlief.

*

Souta wachte langsam auf. Jemand strich ihm durch die Haare und neben sich spürte er eine vertraute Wärmequelle.
"Hey", hörte er es leise brummen. "Wie geht es dir, mo cridhe?"
"Hmmm…", seufzte Souta leise. Die Finger fühlten sich so gut an.
"Ich wollte fragen, ob du aufstehen kannst. Vielleicht was Kleines essen magst. Hakvinn hat eine Gemüsepfanne gemacht."
Souta prüfte seinen Zustand und musste feststellen, dass es ihm wirklich sehr viel besser ging. Die Kopfschmerzen waren weg, im Magen lauerte ein ungemütliches Gefühl. Aber vielleicht lag das auch daran, dass er ganz leer war und er tatsächlich Hunger haben könnte.

Er räkelte sich und drückte sich den Fingern noch etwas entgegen, die angenehm kräftig über seine Kopfhaut massierten. Sean lachte leise, gewährte ihm noch ein paar Momente, dann klopfte er ihm auf den Hintern.
"Auf. Ich habe Hunger!" Grummlig schaute er Sean hinterher, der ihn einfach allein ließ. Von Romantik hatte der Bär wohl auch noch nichts gehört.

Aber er folgte, kämpfte sich hoch, verschwand im Badezimmer, um sich ordentlich frisch zu machen, zog sich auch neue Sachen an und kam dann gähnend in den Wohnbereich. Am großen Tisch saßen Hakvinn, Ralf und CJ. Sean füllte gerade zwei Teller am Herd.
"Hey, Souta. Wie geht es dir? Ist alles wieder in Ordnung?", fragte Hakvinn und schaute ehrlich besorgt. "Hai. Ich glaube, alles wieder gut."
"Dich hat's ganz schön weggehauen. Verträgst nicht so viel?", fragte Ralf weiter.
"Ich trinke sonst auch nicht sehr viel. Und dieses Zeug war nicht gerade von der leichten Sorte."
Sean kam zum Tisch, stellte ihnen die Teller hin, dann ging er noch einmal und sorgte für Gläser und Mineralwasser.

"Dieses ‚Zeug' war ein echter schottischer Whisky. Glenfiddich, Single Malt, 15 Jahre. Voll und fruchtig, mit Honig und Vanillearoma. Ein sanfter aber würziger Geschmack mit einem Hauch Eiche. Mild und für Anfänger sehr gut geeignet. Ich hatte extra diesen ausgewählt", erklärte CJ fachmännisch und klang sogar etwas gekränkt. Also war nicht nur Sean ein begeisterter Whisky-Trinker.

"Souta weiß den Wert deiner Flasche zu schätzen, CJ, und ich sowieso. Und bald wird auch Souta den Geschmack lieben lernen…", verteidigte Sean ihn, als er sich neben Souta an den Tisch setzte. "Bisher hat er bestimmt immer nur dieses japanische Gesöff getrunken…"
Souta verdrehte nur die Augen. Sake war auch eine feine Sache. Doch er wollte hier keinen Streit vom Zaune brechen und nickte nur ergeben.

Lieber probierte er vom Gemüse. Das war sehr lecker und tat seinem strapazierten Magen sehr gut.

Das Mittagessen verlief in angenehmen Gesprächen über Studium, CJs Club und diverse Hobbies. Außerdem fragte Souta nach, was gestern noch passiert war. Es gab wohl nichts Ungewöhnliches zu berichten, außer dass er selbst erstaunlich schnell betrunken war und Sean ihn ins Bett gebracht hätte.

Das beruhigte Souta.

In dem Moment ertönte von der Tür her ein lauter Schrei. "Entern!", rief Foxy und sprang herein, einen ledernen Piratenhut auf, dazu passende enge Lederhosen, Stiefel, langärmeliges Schnürhemd und Weste, in der Mitte ein rotes Tuch als Gürtel. In der Hand hatte sie einen Säbel.

Souta machte große Augen. Was war denn in Foxy gefahren? Dann fiel der Groschen. Na eben. Heute Abend war ja die Piraten-Party!

Und dann tauchte hinter Foxy gleich ein zweiter Pirat auf. Eigentlich war es eine weitere Piraten-Lady. Eine große, ziemlich wohlbeleibte Lady, auch mit Piratenhut, unter dem eine lange schwarze Lockenpracht hervorwallte, einer Ledercorsage mit aufwendigen Schnallen, einem Volant-Rock, der viel Bein zeigte, hohe Absatzstiefel mit ebenfalls vielen Verschlüssen. An der Seite hing eine schwarze aufgerollte Peitsche. Konstanze hatte sich wahrhaft in Schale geworfen. Es war ein sehr aufwendiges Kostüm aus echten Materialen, die eine elegante Mischung aus Steampunk und karibischen Piratendasein aufwies.

Souta schaffte es nicht, sich vor den verkleidungswütigen Piraten zu verstecken! Da half es auch nicht, dass er am Morgen noch so krank gewesen war. Aber am Schlimmsten fand er Sean: der grinste nur und dachte gar nicht daran, Souta zu retten…

...

 


 

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