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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 2 - Sake und Whisky - Teil 1"

 


Die ersten Vorlesungen hatten an diesem Tag schon begonnen. Entsprechend ruhig war es daher auf den Gängen des Universitätsgebäudes. Kim stand allein am Schwarzen Brett direkt neben dem Eingang zur Mensa. Nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatte, nutzte sie nun die Gelegenheit und studierte die Party-Flyer, die hier reichlich aushingen. Es war jedoch nichts für sie dabei und so wendete sie sich der Mensa zu. Ihre Vorlesung würde erst in einer Stunde losgehen und so hatte sie noch ausreichend Zeit für einen Kaffee und ein belegtes Brötchen, vielleicht auch einen Muffin.

Der nervöse junge Asiate, der den Flur eilig entlangschritt, machte sie jedoch neugierig und so blieb sie am Brett stehen und tat interessiert an den Infos über die neuen Schwimmhallen-Öffnungszeiten.

*

Souta trat an das Schwarze Brett heran. Aufgeregt starrte er auf die Aushänge, die querbeet an das Board geheftet waren.
"Scheiße", rutschte es ihm sogar in Deutsch heraus. Dann fluchte er auf Japanisch weiter vor sich hin. Er brauchte so dringend ein Zimmer. Kurz nach Semesterbeginn freie Zimmer zu bekommen war nicht einfach, das wusste er, aber das gar nichts zu finden war? Er hatte schon im Wohnheim angerufen und die Leute aus seinen Kursen gefragt, aber niemand konnte ihm ein freies Zimmer anbieten. Und hier hing auch nichts aus.

"Was'n los?", fragte ihn die Studentin mit den kurzen auffällig pinken Haaren, die neben ihm irgendwelche Listen studierte und eine Kaugummi-Blase platzen ließ, als sie ihn neugierig anschaute.
"Brauch' ein Zimmer", murmelte Souta. Sicher konnte sie ihm auch nicht weiterhelfen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie sie ihn beschaute und mit einem taxierenden Blick einmal von oben nach unten und zurück einzuschätzen versuchte. Dann grinste sie ihn an.
"Hier! Da ist eins. An deiner Stelle würde ich mir den Zettel hier schnappen und sofort hingehen. Sonst ist das weg. Is' begehrt dort." Damit zupfte die junge Frau besagten Zettel von der Wand und drückte ihn energisch in Soutas Hände.

Der starrte verwirrt auf das kleine Stück Papier. Er sah einen stilisierten blauen Drachen, der so gewunden war, dass er eine Neun ergab. Wie eine Hochzahl war oben rechts neben dem Drachen eine kleine Sprechblase mit einem "Zzz" gedruckt, als ob der Drache schlafen würde.

Das Mädchen lachte, als sie sein Unverständnis sah.
"Du bist wirklich neu hier", stellte sie fest. "Das ist "Drache 9". Eine WG, die auch echt geile Partys macht. Sie haben wohl seit gestern ein Zimmer frei, weil es heute erst ganz neu hier hängt. Du hast also wirklich die beste Chance, das zu kriegen. Wenn sie dich nehmen natürlich. Ach ja, die WG befindet sich in der Josef-von-Eichendorffstraße Nr. 9."

"Und warum der Drache?", hakte Souta nach.
"Ach. Das siehst du dann schon, wenn du dort bist. Aber echt. Geh sofort hin. Und wenn du dort wohnst, sag mir, wie es dir gefällt."
Sie klang so zuversichtlich, dass er lachen musste. "Ja, mach ich." Er winkte ihr zu und trabte dann gleich davon. Vielleicht hatte sie Recht und er konnte das Zimmer wirklich ergattern. Erst als er durch den kleinen Park lief, der zu den Unigebäuden gehörte, wurde ihm klar, dass er gar nicht wusste, wie die junge Frau hieß und wie er sie bei Erfolg erreichen könnte. Er konnte nur hoffen, sie zufällig auf dem Campus aufgrund ihrer strahlend bunten Haare wieder zu treffen.

*

Souta googelte die Adresse auf seinem Smartphone und fand schnell das Nötigste, was er zur Lage wissen musste. Die Josef-von-Eichendorffstraße war eher eine sehr schmale Gasse mitten im Zentrum der Großstadt. Sie stieß an beiden Enden auf jeweils eine breite und lange Allee-Straße. Auf diesen gab es gleich mehrere Haltestellen der Straßenbahn und Busse. Studentenkarte sei Dank kosteten die öffentlichen Verkehrsmittel ihn nichts und so nutzte er das Angebot und war nach einmal Umsteigen da.

Als er an der nächstgelegenen Haltestelle ausstieg, blickte er direkt auf einen großen Drachen. Die Kreuzung, in die die Josef-von-Eichendorffstraße einbog, war von einer Steinfigur geziert, in Größe und Ausführung einem großen Denkmal nicht unähnlich. Es zeigte ein Flügelwesen, welches gefährlich die Zähne fletschte. Der Drache sah beeindruckend aus und Souta verstand sehr gut, dass die WG sich dies als Symbol gewählt hatte.

Er passierte ohne den steinernen Wächter zu wecken die Ecke, bog in die kleine Straße ein und fand nach wenigen Schritten auch die Hausnummer 9. Wie alle Häuser in dieser Gasse war es ein typischer Altbau, der neu saniert und in hellen Farben gestrichen war. Kleine Balkone waren mit verschnörkelten Eisengeländern eingerahmt, über denen häufig bunte Blumenrabatten hingen. Haus Nr. 9 hatte zudem zwei große Erker an den jeweils äußersten Fenstern. Es wäre toll, so ein Zimmer mit Erker zu bekommen, doch er glaubte nicht, dass solch eines noch frei war.

Der Eingang war eine hohe Doppeltür mit klassizistischen Ornamenten. Auf dem Klingelbrett fand er ganz schnell den gewundenen Drachen und drückte drauf. Es dauerte etwas, bis ihm geöffnet wurde. Er schob die große Tür auf und fand sich in einem breiten gepflasterten Durchgang wieder, in dem eine Unmenge an Fahrrädern stand. Eine kleine Tür gegenüber führte erfahrungsgemäß in den Hinterhof. Doch den würde sich Souta erst dann anschauen, wenn er hier wohnen sollte.

Also wendete er sich nach links und machte sich beschwingt ans Treppensteigen. Das Haus war auch innen komplett saniert, mit breitem Treppenhaus, fünf Etagen und ohne Fahrstuhl. Die Wände waren hell und klassisch mit Blumenornamenten bemalt. Auf jeder Etage fanden sich immer zwei Wohnungstüren, die alle recht individuell gestaltet waren. Manche modern, manche noch traditionell mit Glasscheibe und Gardienchen innen. Dafür, dass sich eine Studenten-WG im Haus befand, war hier alles sehr sauber und ordentlich.

Auf dem letzten Absatz war nur noch eine Tür zu finden. Anscheinend war die WG recht groß und über die gesamte oberste Etage verteilt. Er klingelte hier noch mal und wartete erneut. Er wollte schon ein drittes Mal klingeln, als die einfache weiße glatte Tür sich doch endlich öffnete.

Er schaute auf eine nackte männlich gut trainierte Brust, die mit keltischen Knoten-Tattoos übersäht war. Souta korrigierte seinen Blick ein ganzes Stück weit nach oben und fand sich einem mürrisch dreinblickenden Bären gegenüber, der brummte.
"Hallo. Ich bin wegen dem Zimmer hier", sagte Souta, darum bemüht höflich zu bleiben und keine Angst zu zeigen. Wilde Tiere konnten Angst riechen und reagierten meist angriffslustig darauf. Seine Taktik schien Erfolg zu haben, zumindest wurde er nicht attackiert. Der Bär brummte nur wieder und ging barfüßig einfach davon, so dass Souta eine hervorragende Aussicht auf den breiten Rücken hatte. Auch da waren die keltischen Tattoos zu sehen. Sie waren einfach perfekt an die stark ausgeprägten Muskeln angepasst und detailreich gearbeitet. Einige Linien gingen weit an den Seiten hinunter, bis sie vom Stoff der langen Sporthose verdeckt wurden.

Dann stand er allein im Eingang; der Bär hatte sich wohl in seine Höhle zurückgezogen. Dafür hörte er im Hintergrund leise Musik; es war also noch jemand anders da. Er trat ein und wurde im eigentlich weiß gestrichenen Eingangsbereich von einem riesen Wandbild empfangen. Aus bernsteinfarbenen Augen starrte ihn ein blauer Wasserdrache an. Der große Echsenkopf sah so plastisch aus, dass Souta unwillkürlich mit den Fingern über das Bild streichen musste und die einzeln ausgearbeiteten Schuppen fühlen wollte. Es war aber tatsächlich nur gemalt, doch ein echtes Meisterwerk!

"Hey. Bist du wegen dem Zimmer hier?", fragte eine fröhliche Stimme hinter ihm. Souta wurde von einem sehr schlanken hochgewachsenen blonden jungen Mann begrüßt, der irgendwie von innen heraus strahlte. Er wirkte sehr glücklich.
"Ähm, ja. Ich bin Souta. Ich habe nur den Drachen bewundert. Sieht wirklich toll aus. Euer Haus-Bär hat mich reingelassen", erklärte er sich.
"Bär? Achso! Du meinst Sean. Ja, ja. Er hat wieder zuviel gesoffen letzte Nacht. Ein starker Kaffee und ein paar Aspirin und er ist wieder ansprechbar. Komm rein. Ich zeig dir das Zimmer. Es war meines. Ich bin grad am Umziehen. Ach. Ich bin übrigens Hakvinn."

Souta streifte sich die Schuhe von den Füßen und schubste sie in die Ecke zu den vielen anderen, die unter dem Drachenkopf herumlagen, bevor er Hakvinn folgte. Er war sich sicher, dass ihm das Zimmer gefallen wird. Einerseits, weil er es wirklich brauchte, andererseits, weil es ihm schon bis hierher gefallen hatte, ohne das Zimmer selbst gesehen zu haben.

Hakvinn führte ihn einen schmalen langen Flur entlang, wo sich an der Wand auch der Körper und der lange Schwanz des Drachen entlangschlängelte. Der Boden war ein helles Parkett, das sich wohl durch die ganze Wohnung zog. Es gingen an beiden Seiten jeweils vier Türen ab, also wohnten hier acht Leute. Eine wirklich sehr große WG. Gleich die erste Tür war schon das besagte Zimmer. Es war ziemlich klein und leider ohne Erker.

"Die Möbel sind inklusive", erklärte Hakvinn und ließ Souta den Vortritt. Im Raum stand platzsparend ein Hochbett mit Schreibtisch untendrunter. An der kurzen Wand gegenüber der Tür war ein Fenster, das den Raum ausreichend hell machte. Ein kurzer Blick zeigte, dass das Fenster zum Hinterhof hinausging. Vor dem Hochbett, jetzt von der offenen Tür verdeckt, stand ein hoher Kleiderschrank. Die Möbel waren alle in aktuellem modernem Weiß gehalten und entsprachen damit Soutas Geschmack voll und ganz. Das offene Regal an der anderen Seite war ebenfalls weiß und einige Bücher standen noch drinnen. Auch sonst lagen noch Klamotten und Kisten im Raum herum.
"Ich werde das noch alles rausbringen. Wann würdest du denn einziehen wollen?"
"Sofort! Heute noch." Ja, Souta meinte das ernst. Trotz, dass das Zimmer so klein war, gefiel es ihm sehr gut.
"Mensch, du hast es ja eilig. Aber komm. Ich zeige dir erst mal den Rest. Nicht, dass du dann wegen der Küche oder so doch nicht willst."
Souta glaubte das zwar nicht, aber ließ sich gern alles zeigen.

Gleich neben dem Zimmer fanden sich die Badezimmer. Auf einer Seite ein sehr kleines mit Toilette, Dusche, Waschbecken und einem Waschmaschinen-, Trockner-Doppel. Der Raum war somit voll, aber Souta war überrascht über die gute Ausstattung. Er erkannte teure Marken und hatte einen super flauschigen roten Teppich unter den Füßen, der einen herrlichen Kontrast zu dem sonst weiß gefliesten Bad gab.

Gegenüber lag ein richtig großes Bad. Auch das war weiß gefliest und mit roten Flauschteppichen ausgelegt. Die Ausstattung war hier genauso exquisit, aber mit mehr Platz. Neben der Dusche gab es auch eine große Badewanne. Damit mehr Leute sich früh gleichzeitig fertig machen konnten, war ein Doppelwaschbecken installiert. Auch hier standen nochmals eine Waschmaschine und ein Trockner. Also an sauberer Wäsche sollte es hier nicht mangeln. Einige schmale Schränkchen an der Wand entlang boten jedem Mitbewohner die Möglichkeit, seine Badutensilien griffbereit unterzubringen, ohne dass es ein undurchschaubares Durcheinander gab.

Das große Badezimmer verlassend fiel Soutas Blick auf ein Abschleppseil mit roten Dreiecksfähnchen, das ordentlich als Schlaufe an einem Haken zwischen dem kleinen Bad und dem Zimmer hing.
"Für was ist das Seil gedacht?"
"Wenn Party ist, sperren wir damit den Schlafbereich ab. Es soll nicht jeder in die Zimmer einfach so rein… Obwohl jeder für sein Zimmer auch einen Schlüssel hat…"
"Praktisch. Überhaupt ist die Wohnung sehr gut aufgeteilt."
Souta gefiel das. Die eine Seite war nur für die Schlafzimmer gedacht, die andere Seite für die gemeinsamen Wohnräume.

Ein riesiger Raum war in Küchen-, Ess- und Wohnbereich unterteilt. Auch hier dominierte die Farbe Weiß, bis auf den großen massiven Esstisch im dunklen Kolonialstil. Er hatte schon so manche Schramme und zeigte, wie lang er bereits in Gebrauch war. Er stand an der Seite, gleich neben dem Eingang. An der Wand entlang bot eine Bank eine geraume Menge Sitzgelegenheiten; an den offenen Seiten standen diverse Stühle. Bestimmt hatten 15 Leute da Platz, wenn man sich nur genug quetschte.

Die Küche auf der anderen Seite sah neu aus und war, na klar, auch in weiß. Nur die zwei hohen Kühlschränke in metallic-rot und -grün stachen hervor. Die ganze Küche wirkte blitzeblank geputzt. Sie war praktisch in U-Form in die Ecke eingepasst mit angebauten Tresen. An der freien Wand daneben war ein großes Rechteck in schwarzer Farbe angestrichen. Mit Kreide war ein großer Zwei-Wochenplan angezeichnet, der gut gefüllt war. Offensichtlich wurde die WG gut organisiert.

Von der Essbank wie auch der Küche aus hatte man einen hervorragenden Blick auf den riesigen Flatscreen an der gegenüberliegenden Wand. Dort fand sich auch eine Sammlung diverser CDs, DVDs und Blu-Rays. Eine Mega-Couchlandschaft davor lud zum drauf Rumlümmeln ein, und als Souta und Hakvinn näher traten, um auf die Dachterrasse zu gehen, entdeckten sie, dass dies auch gerade einer tat. Der Bär lag dort. Eigentlich war er nur an seinen Tattoos zu erkennen, denn er hatte sich ein Kissen übers Gesicht gelegt, um die Augen vor der hellen Sonne zu schützen.

Souta grinste und schlich mit Hakvinn leise auf die Terrasse hinaus und hatte sofort frischen Wind um die Nase wehen. Das war toll hier oben! Dieser Ausblick war unbezahlbar. Man konnte über die ganz Stadt schauen und der Straßenlärm war hier oben fast nicht mehr zu hören. Hier konnte er ungestört Tai Chi machen, wenn ihm danach war. Das war perfekt.

Auch die Terrasse war wie die Wohnung gut ausgestattet. Es gab diverse Pflanzen und er lachte, als er zwischen dem Schilf immer mal eine Nutzpflanze entdeckte, die gerne verraucht wurde. In einem Bereich war die Grillecke fest aufgestellt und wetterbeständige Rattanmöbel gab es auch.

"Darf ich denn hier oben Tai Chi üben?", wollte er aber doch sicherheitshalber wissen.
"Klar. Marvin probiert hier manchmal neue Tanzschritte aus. Solange ihr euch nicht um den besten Sonnenplatz streitet."
"Ach, da kann man sich sicher einigen. Also: bei wem kann ich unterschreiben?"
Hakvinn lachte. "Ja. Das war eine schnelle Entscheidung. Die Terrasse reißt es immer raus. Ich schau mal, ob CJ schon ansprechbar ist. Die Party war gestern echt zu lang."

Damit verschwand Hakvinn nach drinnen. Souta schaute sich derweil noch einmal um. Es sah hier nicht nach Party aus. Alles war ordentlich aufgeräumt und sauber geputzt. Und es war gerade erst späterer Morgen. Nur der Bär entsprach ganz einem klischeehaften Studenten: nachts Party machen, am nächsten Tag bis Mittag schlafen oder wie ein Grottenolm durch die Gegend schlurfen. Und dieser CJ schien ja auch noch nicht wach zu sein.

Aber es dauerte gar nicht lange, da kam Hakvinn wieder auf die Terrasse raus, im Schlepp einen weiteren riesen Kerl. Das war hier ja eine ganze Bären-Familie. Immerhin wirkte dieser nicht ganz so verkatert.
"CJ", stellte dieser sich kurz angebunden vor.
"Souta Hartmann."
"Hmmm? Hartmann? Was studierst du?"
"Mathematik und Statistik."
"Hmmm… im 1. Jahr?"
"Ja, 1. Semester."
CJ hmmmte erneut und rückte näher an Souta heran.
"Jeder in der WG hat im Haushalt mitzuhelfen. Es gibt einen wöchentlich wechselnden Putzplan."
"Geht klar."
"Hakvinn sagte, du willst sofort einziehen…"
"Ja. Wäre super."
"Brauchst du Hilfe mit deinen Sachen?"
Oh! Das war ein unerwartetes Angebot. Das hieß dann wohl, dass er das Zimmer hatte.
"Nein. Danke. Das schaffe ich schon. Ist nicht viel."
"Wenn du wiederkommst, habe ich den Vertrag fertig."
Damit war wohl alles klar. Souta wurde von Hakvinn noch zur Tür gebracht und dann stand er nach nicht mal einer halben Stunde wieder unten an der Haltestelle in der Sonne und guckte verblüfft auf den Steindrachen. Das ging schneller als gedacht und die WG war ein Traum.

 


 

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Teil 2