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du befindest dich hier: Bibliothek der Burg/ "Drache 9 - Buch 1 - Kuschelwarm"

 

 


Er schwitzte. Grummelnd warf er die Decke von sich und rollte aus dem Bett. Im Dunklen latschte er zum Fenster hinüber und öffnete es ganz weit. Gleich strömte frische kühle Luft herein. Herrlich! Er tastete noch auf dem Schreibtisch nach seinem dicken Anatomie-Buch, das er für sein Sportstudium brauchte und schob es zwischen Fenster und Rahmen, damit es nicht wieder zufiel.

Nun zu der Frage, warum es eigentlich so heiß war in seinem Bett. Hennes' Augen hatten sich bereits an das Dunkel gewöhnt und durch die Lichter der Stadt konnte er einiges in seinem Zimmer erkennen ~ und entdeckte den hellen Haarschopf. Natürlich! Da hatte sich wieder jemand heimlich in sein Bett geschlichen.

Hennes lächelte und krabbelte leise zurück in die Decken. Hakvinn lag weit von ihm entfernt, fast am Rand und wenn er sich etwas bewegen würde, würde er vermutlich vom niedrigen Futonbett fallen. Das musste nicht sein. So schlang Hennes einen Arm um den größeren aber sehr viel schlankeren Körper und zog ihn zu sich heran, in die sichere Mitte der breiten Matratze und packte ihn gut unter die große Decke, bevor er zu frieren begann. Hakvinn war ein Frosti. Besonders die Füße waren immer kalt.

Hakvinn murmelte nur etwas vor sich hin, rieb sich über die Nase und schlief weiter. So typisch. Neben dem Friesen konnte eine Bombe einschlagen und er würde es nicht merken. Vorausgesetzt er schlief erst mal. Wahrscheinlich war ihm in seinem kleinen Zimmerchen ganz vorne die Party im Wohnraum ihrer WG einfach zu laut gewesen, so dass er erst gar kein Auge zubekommen hatte. Es war nicht das erste Mal, dass Hakvinn nachts durch die WG schlich. Meistens allerdings, um nach ein paar heißen Stunden zurück in sein eigenes Bett zu kommen…

Hennes fragte sich erneut, warum sie noch immer in getrennten Zimmern wohnten. Er würde gerne mit dem anderen jungen Mann zusammen leben, nicht nur mal sich treffen, um Sex zu haben. Er wollte eine feste Beziehung.

Er blickte Hakvinn ins Gesicht, auch wenn er nicht viel sah. Doch er brauchte kein Licht. Er wusste ganz genau wie sein Geliebter aussah und streichelte zärtlich über dessen Stirn und dann den Nasenrücken entlang.
"Hakvinn", rief er ihn leise. Keine Antwort. So begann er an den blonden Strähnen zu zupfen. Es dauerte eine ganze Weile und Hennes musste ausreichend Geduld beweisen, doch irgendwann regte sich Hakvinn.
"Kein Sex", murmelte er. "Will schlafen…"
Hennes lachte. "Nein, kein Sex. Was anderes. Komm schon. Werd' mal wach."
"Henni, kein Sex…", grummelte Hakvinn wieder nur und rollte sich mehr in die Decke, versteckte das Gesicht tiefer im Kissen. Hennes verdrehte die Augen. Andauernd wurde er als Sexmonster beschimpft, aber es war Hakvinn, der immer daran dachte.
"Jetzt komm schon. Aufwachen. Sonst gibt es morgen früh kein Obst." Hakvinn liebte Obst. Fast das einzige, das er ohne Murren, dafür mit viel Genuss und Hingabe aß. Vorzugsweise frisch vom türkischen Obst- und Gemüsehändler unten an der Ecke, der auch exotische Köstlichkeiten im Angebot hatte. Mit dieser also sehr gemeinen Erpressung griff er sich die Decke und zog kräftig daran, bis er Hakvinn bloßgelegt hatte. Er grinste. Da hatte jemand wieder das niedliche Schlaf-Shirt mit dem Teddy-Bär-Aufdruck an.

Jetzt endlich kam auch mehr Bewegung in Hakvinn. Er rieb sich die Augen, rappelte sich hoch und versuchte im Dunkeln was zu erkennen.
"Hennes, was soll das denn?", gähnte er. "Da macht CJ schon wieder so einen Krach mit seiner Party. Marvin hat seine Anlage mit bassgefälligem Krach bestückt, was er Musik nennt. Sean grölt bereits seit Stunden besoffen auf der Terrasse rum, sodass wir ihn morgen früh wieder mit Aspirin-Kaffee aufpäppeln müssen und heute Nacht sicher noch die Polizei vor der Tür steht. Dauernd kommt und geht irgendwer und schlägt die Eingangstür und du weckst mich mit gemeinen hinterhältigen Drohungen. Ich will doch nur schlafen!", ließ er seinem Frust freien Lauf.

Hennes überhörte großzügig die Vorwürfe, auch wenn ihm Hakvinn ehrlich leid tat. Hier hinten in seinem Zimmer bekam er fast nichts von der Party mit. Aber da hatte er doch die Lösung.
"Hakvinn. Ich möchte dich was fragen."
Die plötzliche Ernsthaftigkeit in Hennes' Stimme ließ Hakvinn aufhorchen.
"Und es kann nicht bis morgen früh warten?"
"Nein."
"Habe ich was angestellt? Soll ich wieder in mein Zimmer vor?"
"Nein, nein. Jetzt warte doch mal. Nimm doch nicht immer gleich das Schlimmste an."
Hennes griff sich Hakvinns Hände und hielt sie fest, gab je einen Kuss darauf.
"Hakvinn. Willst du zu mir ins Zimmer ziehen? Ganz? Es ist genug Platz für uns beide und ich kann auch noch ein Regal für deine vielen Bücher aufstellen."

Hennes antwortete Stille. Er ließ Hakvinn Zeit, über seine Frage nachzudenken, doch als es ihm zu lange dauerte, begann er erneut an den blonden Haaren zu zupfen.
"Du meinst das ernst?", fragte Hakvinn schließlich.
"Natürlich meine ich es ernst", antwortete er leise und küsste Hakvinn sanft auf die Nase, die er auch im schummrigen Zwielicht orangeleuchtender Straßenlaternen zielgenau traf.
"Magst du einige Zeit darüber nachdenken?", fragte er, als er Hakvinns Zögern spürte. Hakvinn studierte Biochemie, er war Wissenschaftler, er musste stets alles analytisch abwägen, während er selbst meist frei aus dem Bauch heraus entschied.
"Nein, ich brauche dafür nicht noch mehr Zeit. Wenn ich darf, würde ich sehr gern bei dir wohnen."

Hennes lachte. Die Antwort zeigte ihm, dass Hakvinn auch schon länger darüber nachgedacht hatte, also bereits alles erörtert hatte, was für ihn wichtig erschien. Und wohl nur auf Hennes Frage wartete. Überschwänglich küsste er ihn, rang ihn auf dem Bett nieder und zog ihn fest an sich. Gleich Morgen würde er Hakvinns Sachen in sein Zimmer packen und seinem Schatz ein vernünftig stabiles Regal zimmern. Das war doch ein Klacks.

Hakvinn freute sich auch, grummelte aber, weil er noch immer keinen Sex wollte, nur schlafen, aber Hennes' Energie ihn völlig vereinnahmte, überwältigte und ihm schließlich einen heftigen Orgasmus bescherte, der ihn schwer atmend und willenlos in Hennes' Armen zurückließ.

"Ich liebe dich, Hakvinn", flüsterte Hennes ihm glücklich ins Ohr, bevor er die Decke über sie beide zog und sich dicht an ihn kuschelte. Es war beiden auch völlig egal, als kurz darauf ein besoffener Schotte rumpelnd ins Zimmer stürzte, ihnen auf gälisch was zuschrie, dann polternd wieder verschwand. Ob Sean sein eigenes Bett diese Nacht noch fand?

 

Ende